Gesellschaft

Città: Magazin für Montreal und Metropolen weltweit

Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2013
Léa Jeanmougin ist schon fast Franko-Kanadierin. Eigentlich stammt sie aus dem französischen Marseille, doch seit 6 Jahren hat es sie nun bereits nach Montreal in der teilweise frankophonen kanadischen Provinz Québec verschlagen.
Im Oktober 2012 lanciert die 24-Jährige das Magazin (gleichzeitig "die Stadt" und "die Städte" auf Italienisch), welches die künstlerischen Verbindungen zwischen Montreal und den europäischen Metropolen aufzeigen soll. Ihr Ziel? Montreal in die Welt und die Welt nach Montreal bringen.

Montreal ist eine magische Stadt in Nordamerika. Eine europäische Version von Amerika oder eine amerikanische Version Europas – so richtig kann man das nie sagen. Aber beim Spaziergang am alten Hafen – dem Vieux Port – könnte man fast glauben, man sei in einer nordfranzösischen Stadt unterwegs, in Nantes oder Rennes zum Beispiel, wären da nur nicht die vielen Hochhäuser mitten im Stadtzentrum. Es ist also nicht sehr überraschend, dass viele Franzosen Montreal zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Magazingründerin Léa ist eine davon.

cafebabel.com: Léa, wie hast du mit Città Verbindungen zwischen Montreal und anderen europäischen Metropolen herstellen können?

Léa Jeanmougin: Über Recherchen und persönliche Ideen. In Berlin hat mir Kreuzberg besonders gut gefallen, ein Viertel, das ziemlich arm war und heute der Gentrifizierung zum Opfer fällt. Auch in Montreal gibt es solche Viertel, Mile End zum Beispiel oder St-Henri. Aber über sie wird kaum gesprochen. Deshalb habe ich mir gedacht, es wäre toll, parallele Portraits dieser Phänomene zu machen. Die Stärke von Città ist ein Redaktionsteam, dem es möglich ist, interessante Vergleiche und Verknüpfungen zwischen Montreal und anderen Metropolen herzustellen.

cafebabel.com: Wie sehen diese relevanten Vergleiche denn konkret aus?

Léa Jeanmougin: Vergleiche können im urbanen Milieu oder auch im Bereich Design gezogen werden. In der nächsten Ausgabe soll es um den Maghreb gehen, also auch um den ‚Petit Maghreb‘ hier in Montreal entlang der Rue Jean Talon. Wir werden über Künstler sprechen, die nicht in Montreal, sondern anderswo bekannt sind und die ich über Città einem größeren Publikum zugänglich machen will. Ich denke da zum Beispiel an den Designer Julien Vallée, der hauptsächlich mit Papier arbeitet. In seiner Branche ist er bekannt, aber darüber hinaus kennt ihn kaum jemand, dabei hat er für die New York Times gearbeitet. Oder auch die ein oder andere Postrockband aus Montreal, die ansonsten in Quebec total unbekannt, in Europa aber erfolgreich ist, Godspeed You! Black Emperor, schonmal gehört?

cafebabel.com: Im Magazin sind auch Schuhkreationen aus Montreal und Mailand zu sehen…

Léa Jeanmougin: Zwei Unternehmer aus Mailand fertigen Schuhe in Fischform, so genannte Fishoes. Sie haben uns ein paar davon geschickt und wir haben Künstler und Designer aus Montreal gefragt, ob sie die Schuhe für unsere Magazin-Launch-Party umgestalten könnten. Einige davon konnten auch verkauft werden – wir sind auch dabei, eine Rubrik ‚Verkaufen‘ auf der Seite einzurichten. Das war bloß eine Idee, aber diese Art von Zusammenarbeit hat uns gefallen.

cafebabel.com: Città ist also nicht nur Magazin.

Léa Jeanmougin: Unsere hauptsächliche Plattform ist das Magazin. Aber ich denke, dahinter besteht das dringende Bedürfnis auch weitere Verknüpfungspunkte herzustellen, die über die Veröffentlichung hinausgehen.

Montreal und Berlin

cafebabel.com: Welche europäische Stadt ähnelt Montreal am meisten?

Léa Jeanmougin: Es wird ja viel über Berlin gesprochen, deshalb wollte ich Berlin auch in die Null-Ausgabe stecken. Es gibt da Gemeinsamkeiten im Lebensstil und der Zugänglichkeit. Montreal ist für Künstler kein allzu teures Pflaster. Noch nicht. Und dann ist da noch diese Fraktur zwischen Ost und West in Berlin. Auch in Montreal haben wir einen Graben – zwischen der anglophonen und der frankophonen Bevölkerung (die englischsprachige Bevölkerung lebt eher im Westen, die frankophone im Osten der Stadt; A.d.R.).

cafebabel.com: Es wird oft gesagt, dass Montreal die europäischste Stadt Nordamerikas sei. Stimmt das?

Léa Jeanmougin: Quebec ist sicher der europäischste Flecken in Nordamerika. Die Architektur in Montreal ist ziemlich europäisch. Auch der Städtebau. Das Stadtzentrum ist für Fußgänger zugänglich, man kann sich vom Stadtzentrum auch zu Fuß in reine Wohnviertel begeben. Hier gibt es eine Art der Nähe, die im Urbanismus der typisch nordamerikanischen Stadt nicht existiert. Noch weniger in den Vereinigten Staaten, wo alles auf das Auto zugeschnitten ist. Montreal ist auch eine multikulturelle Stadt, ähnlich wie in Europa, wo alles bunt durchmischt ist. Auch New York ist so, aber die Sprache, der Lebensstil und die Geschichte verbinden Montreal und Europa eher.

cafebabel.com: Warum sollte man in Europa mehr über Kultur aus Montreal wissen?

Léa Jeanmougin: Für die wenigen Menschen, die hier leben, gibt es eine ausgesprochen hohe Dichte unglaublicher Talente in vielen avantgardistischen Bereichen. Ich denke da an Event- oder Interaktionsdesign. Das ist anderswo auch noch gar nicht so bekannt. Montreal kennt man vor allem für sein Jazz-Festival, die populären frankophonen Festivals - aber nicht nur das. Deshalb möchte ich die Stadt über mein Projekt zugänglicher machen. Das ist eine Herausforderung, denn es gilt Sprachbarrieren zu überwinden. Wenn man auf Französisch veröffentlichen will, um im Quebec gelesen zu werden, wird es mit dem Export sehr schwierig. 

cafebabel.com: Wie wirst du dieses Sprachenwirrwarr lösen? 

Léa Jeanmougin: Englisch muss auf jeden Fall mit rein. Doch ich würde niemals eine rein englischsprachige Zeitschrift machen, da ich selbst Französin bin und die Frankophonie in Quebec befürworte. Es soll sich eher um ein Nebeneinander beider Sprachen handeln. Auch andere Sprachen können hier und da ihren Platz im Magazin finden.

cafebabel.com: Ist Europa sehr präsent in Montreal?

Léa Jeanmougin: Frankreich ist ziemlich gut repräsentiert. Ich kenne mich da nicht allzu gut aus, aber ich habe gehört, dass sich das Goethe-Institut mit der Quebequer Delegation in Berlin zusammen tun will, um den Austausch von Künstlern beider Länder zu fördern. Da scheint etwas loszugehen.

cafebabel.com: Was zieht so viele Franzosen nach Montreal?

Léa Jeanmougin: Die Arbeitskultur und der Lebensstil sind sehr unterschiedlich. Für einen Franzosen, der hier herkommt und sieht, dass man in Montreal Projekte auf die Beine stellen kann und anerkannt wird, ist das wirklich genial. Die Leute sind hier außerdem zugänglicher als im guten alten, hierarchischen Frankreich, in dem sich junge Leute nicht mehr wiedererkennen. Ein Projekt wie Città wäre in Frankreich sicherlich schwieriger gewesen. Schon wegen meines Alters (24 Jahre) und weil ich keine wirkliche Ausbildung in diesem Bereich habe. Kurz und gut, Franzosen kommen nicht nur wegen der Sprache nach Montreal, sondern auch weil der soziale Druck hier geringer ist, es viel mehr Möglichkeiten gibt und das Leben ganz einfach cool ist.

Die erste Ausgabe von Città gratis als PDF durchblättern. Feat. Rom, Berlin, Mailand und Warschau.

Fotos: Teaserbild ©Nick, Im Text ©Marine Leduc, Città ©Città magazine