Gesellschaft

Ciao Berlusconi, hallo Italien: Exilitaliener denken über Rückkehr nach

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Am Montag, den 30. Mai, läuteten die italienischen Kommunalwahlen das Ende der Ära Berlusconi ein. Viele neue Namen fielen in der italienischen Politikszene, darunter Giuliano Pisapia (neuer Bürgermeister Mailands) und De Magistris (neuer Bürgermeister Neapels). Angesichts all dieser Veränderungen bekommen junge italienische Expats Lust, in ihr Land zurückzukehren.

„Der Druck, der auf Mailand lastete, ist weg“

„Ich wäre gern auf dem Domplatz gewesen, um an der Feier teilzunehmen. Ich habe mal in Mailand gelebt und hatte immer den Eindruck, dass der Stadt etwas fehlt, dass es so eine Art Druck gibt, der auf ihrer Kreativität lastet, auf ihrer Kultur, ihrer Freiheit. Ich hoffe, dass sich Mailand jetzt ändern kann. Doch ich spreche, als ob ich zurückkehren wolle: Eigentlich bleibe ich skeptisch. Damit auf nationaler Ebene ein Wandel stattfinden kann, muss man die Demokratische Partei (Partido Democartico, PD; A.d.R.) verjüngen und neu organisieren. Der eigentliche Gewinner dieser Wahlen ist Nichi Vendola, der seine Kandidaten durch seine flammenden Reden bis zum Erfolg in Mailand und Cagliari führte.“

Nicola, 26 Jahre, Journalist, von Sassari nach Paris (Frankreich)

„Ich will zurück, um mitzumachen“

„Ich bin ergriffen und glücklich. Ich finde die Hoffnung wieder, die ich verloren hatte. Gestern, als die Ergebnisse feststanden, wäre ich gerne auf dem Domplatz gewesen, mit meinen Eltern und meinen Freunden, die in Mailand geblieben sind, um das Ereignis zu begießen, Unbekannte zu umarmen und so laut wie möglich zu schreien. So eine anarchistische Freude, das ist selten! Während meiner drei Jahre im Ausland habe ich jeden Tag an Mailand und an Italien gedacht. Ich habe mir überlegt, zurückzukehren – oder eben nicht. Ich habe noch keine Ahnung, was ich in Zukunft mache, aber ich gehe auf jeden Fall nach Mailand zurück, um zu helfen, um aktiv am Wandel teilzunehmen – und dabei zu wissen, dass meine Mühen und Wünsche dieses Mal nicht umsonst sind.“

Greta, 26 Jahre, Webredakteurin, von Monza nach Barcelona (Spanien)

„Die Zeit der Dummheiten ist vorbei“

„Ich bin sehr glücklich. Ich war mit einem Freund aus Salerno in der Unibibliothek und nach dem Kurs haben wir zusammen die Ergebnisse nachgeschaut. Ich gebe zu, dass ich den Tränen nahe war. Und die Tatsache, dass man seine Freude mit jemandem teilen kann, ist einfach unbezahlbar! Es war ein bisschen, als befände ich mich auf der Straße… Aber meine Rückkehr hängt natürlich nicht nur von diesem Ergebnis ab. Ich achte auch auf die zukünftigen Projekte – Italien steht noch ein langer Weg bevor! Aber es freut mich, dass die Länder aufwachen, dass sie mit den Dummheiten aufhören. Was mich am meisten überrascht ist, dass sich die Linke nun ein klares und ernstzunehmendes Profil gibt. Wie per Zufall kommen weder Pisapia noch De Magistris aus der PD."

Stefano, 28 Jahre, Student, von Vicenza nach Berlin (Deutschland)

Der erste tritt für eine Männer-Frauen-Gleichheit in seinem Team ein, der zweite verspricht: “Neapel wird von der Camorra befreit”

„Ich warte Taten ab, bevor ich feiern gehe“

„Ich fühle, dass sich zurzeit etwas in meinem Land verändert. Ich weiß nicht, ob die bisherige, abgewrackte Politik wirklich am Ende angekommen ist, aber es gibt Hoffnung. Um ehrlich zu sein, vertraue ich Berlusconi rein gar nicht, aber (leider) ebensowenig seinen Gegnern. Ich würde gerne auf einen politischen Wandel hoffen, doch eine Befürchtung bleibt: Die, dass der ganze Wandel noch während seinem Entstehen durch ein veraltetes, wirkungsloses und korruptes System abgewürgt wird – sowohl im konservativen als auch im linken Lager. Bevor ich feiern gehe, warte ich Taten ab. Auf dem Papier hört sich immer alles hübsch und nett an.“

Margherita, 28 Jahre, Studentin, von Brescia nach Sidney (Australien)

„Mein Exil hat auch politische Gründe“

„Ich lebe jetzt seit vier Jahren in Madrid, wobei mein Exil auch politische Gründe hat. Die Ergebnisse der letzten Wahlen lassen mich (vorsichtig) hoffen und (ohne Illusionen) glauben, dass sich der Wind gedreht hat und immer stärker bläst. Jetzt ist es an mir, die Spanier zu fragen, warum sie für den korrupten Camps und den ewigen Verlierer Rajoy stimmen. Die ganze Zeit über haben mich alle meine ausländischen Freunde – und nicht nur die spanischen – gefragt, warum es in Neapel so viel Abfall gibt. Ich hoffe, dass ich mich von jetzt an nicht mehr entschuldigen muss und zu erklären habe, dass es noch ein anderen Italien gibt, das greifbar ist, das die Plätze einnimmt und das über Lösungen für die wahren Probleme diskutiert. Jeden Tag frage ich mich, ob das eine Rückkehr wert ist... Dieses Mal wird man sehen!“

Laura, 24 Jahre, Studentin, von Sardinien nach Madrid (Spanien)

Foto: Homepage (cc) david pasquali/flickr; Pisapia-De Magistris (cc) Bruno Cordioli/flickr und Alessio Viscardi/flickr; Video YouTube/il fatto quotidiano