Gesellschaft

Chelas: Ein (gar nicht so) heißes Viertel von Lissabon

Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
“Du warst in Chelas? Ich lebe seit acht Jahren in Lissabon und habe mich nie getraut, dorthin zu gehen”, sagt Melinda. Die 23-jährige Studentin zog mit ihrer Familie von den Kapverden nach Portugal. Melinda ist nicht die einzige, die um den schlechten Ruf des Lissaboner Stadtviertels weiß.

Kapverden, Guinea, Sao Tomé, Sansibar, Angola, Mosambik: Portugal muss für die moralischen Fehler der Vergangenheit, als man die natürlichen Ressourcen einiger afrikanischer Länder plünderte, nun zahlen. Weil sie der portugiesischen Sprache zumeist mächtig sind und die nationale Immigrationspolitik ihnen die Möglichkeit bietet, kommen viele Afrikaner in der Hoffnung auf ein besseres Leben ins Land ihrer früheren Kolonisten. Das Verhältnis zwischen den Portugiesen und den redseligen Afrikanern ist im Allgemeinen freundlich. „Es gibt keinen Rassismus, vor allem nicht unter Kindern”, sagt Mais. Die 40-Jährige hat ihre kleine Tochter Camille im Arm, gegenüber sitzt Oma Adelaide. Die drei Generationen von Frauen sitzen in einem kleinen Kiosk, in dem Adelaide Obst und Gemüse an Passanten verkauft. Ihre Familie kam vor drei Jahrzehnten von den Kapverden nach Portugal und lebt hier an der Armutsgrenze. Mühsam verdient sie ein wenig Geld durch den Verkauf von Waren an andere Bewohner von Chelas. Aber sie sind zufrieden mit dem, was sie haben. “Wenigstens kann Camille zur Schule gehen und mit anderen Kindern lernen und wir fühlen uns hier sicher”, sagt Mais auf Französisch.

Leben in Chelas

Unser erster Eindruck, als wir in Chelas die U-Bahn verlassen, ist, dass es ein Stadtteil wie jeder andere ist: normale Straßen, portugiesische Architektur, freundlich lächelnde Menschen und die üblichen Verkehrsstaus. „Hier ist es nicht sicher, vor allem nicht nach 19 Uhr. Also fallen Sie besser nicht auf, die Probleme bekommen Sie hier von ganz alleine”, warnt uns Jorge Barbosa, Polizeibeamter einer Wache in der Nähe der U-Bahnstation. „Sie können Ihre Kamera leicht verlieren, verstecken Sie sie lieber.“ Wir drehen uns um und wollen nach Süden gehen. „Gehen Sie nicht da hin“, ruft er uns nach. Unser Busfahrer stimmt zu: “Es ist kein guter Platz zum Abhängen.” Dann fährt der Bus mit lautem Getöse davon und wir bleiben im Dunst der Abgase zurück, mitten im Zentrum dieses afrikanischen Teils von Lissabon.

Hier sehen die Gebäude etwas anders aus; sie sind grau und machen einen erschreckend verwahrlosten Eindruck. Die Bewohner scheinen herumzulungern. Wir treffen auf einige, die Französisch oder Englisch sprechen, doch sie möchten nicht interviewt werden. „Ich bin vor 20 Jahren mit meiner Familie hierhergekommen”, sagt Nelson auf Französisch. Der 64-jährige steht vor einem Lebensmittelgeschäft. „Ich denke nie darüber nach, wie unser Leben hier aussieht. Wir leben einfach von Tag zu Tag und versuchen, Probleme zu vermeiden und unsere Enkel zu guten Menschen zu erziehen.“ In dieser verschlafenen, fast düsteren Gegend gibt es nur ein Haus, das sofort unsere Aufmerksamkeit erregt. Seine purpurroten, gelben, pinkfarbenen, grünen und blauen Wände unterscheiden sich so deutlich von denen der anderen Gebäude, dass wir davon angezogen werden wie Motten vom Licht. Ein schmaler Korridor führt in das Haus hinein; die ruhige Atmosphäre in diesem Viertel umgibt uns mit einem Gefühl von Gefahr. Also verlassen wir den schmalen Durchgang wieder und wollen erkunden was sich dahinter befindet.

Es ist als ob wir eine andere Dimension betreten. Der Hinterhof ist leer, aber es ist erdrückend schwül. Aus einem offenen Fenster dröhnt Hip-Hop-Musik, der laute Beat vibriert um uns herum. Klick! Wir schießen ein Foto und es bricht Chaos aus. Sofort kommen über ein Dutzend junger Schwarzafrikaner von allen Seiten des Hinterhofs auf uns zugerannt, ihre Gesichter hinter ihren T-Shirts versteckt. Sie rufen etwas auf Portugiesisch, umzingeln und schubsen uns. Dabei versuchen sie, unsere Kameras zu packen und brüllen, wir seien verdeckte Ermittler. In ihren blutunterlaufenen Augen spiegelt sich rasende Wut. Als sie bemerken, dass wir Ausländer sind, fangen einige von ihnen an, auf Englisch weiter zu brüllen. Während wir kämpfen, um unsere Kameras behalten zu dürfen, erklären wir ihnen, dass wir uns nur auf ihr Grundstück verlaufen haben, während wir schauen wollten, wie die Menschen in Chelas leben. Schließlich geben sie nach, bleiben aber stehen und warten, bis alle Fotos von der Speicherkarte gelöscht sind.

Als wir das Gebäude verlassen wollen, bringt uns ihre Neugier auf eine Idee. Wir schütteln den Afrikanern wie zum Abschied die Hände und verschaffen uns so etwas Vertrauen. Dabei beginnen wir, sie über ihr Leben, ihre Herkunft und Probleme zu befragen. Indem wir ihnen Respekt entgegenbringen, schaffen wir es irgendwie ins Gespräch zu kommen. „Du hast ein Foto von zwei Typen gemacht, die gerade mit Drogen gehandelt haben“, sagt Dave. Der junge Brite ist in Chelas, um seine Familie zu besuchen. „Hier verkaufen sie diesen Kram an Leute aus dem ganzen Viertel.“ Wir würden hier nie einem Polizisten begegnen, genau wie an der U-Bahnstation gegenüber, erklärt Dave weiter. „Sie kommen nicht herein, weil sie zu viel Angst vor uns haben.“ In der Gruppe, die überwiegend aus Schwarzafrikanern besteht, sind auch ein paar weiße Portugiesen. „Wir sind Brüder und Schwestern, die Hautfarbe ist egal“, sagen sie. „Wir leben in derselben Straße, besuchen dieselben Schulen und haben dieselben Probleme, also warum sollten wir uns gegenseitig hassen?“, fügt Dave hinzu.

Überall spielen Kinder und unterhalten sich. Sie haben keine Angst. Chelas sei ihr Zuhause, sagen die 14-jährige Melissa, Neuza und Ugu. Die Herkunft oder Hautfarbe ihrer Eltern ist nicht wichtig. “Wenn du hier lebst, darfst du vor nichts Angst haben”, sagt Melissa. „Das Wichtigste ist Akzeptanz und Respekt gegenüber anderen.” Letzteres geht auf die Person zurück, die der Straße, in der sich der Lebensmittelladen, die Schule, der Kindergarten, die Polizeiwache, der Drogenplatz und das Gemüsekiosk befinden, ihren Namen gegeben hat: Johannes Paul II.

Fotos: © An-Sofie Kesteleyn