Gesellschaft

Charlottengrad: Kalte Herzen im russischen Berlin

Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2014

In den frü­hen 1920ger Jah­ren wurde Ber­lins Be­zirk Char­lot­ten­burg „Char­lot­ten­grad“ ge­nannt. Zu die­ser Zeit flo­hen viele Rus­sen vor der Re­vo­lu­ti­on in die deut­sche Haupt­stadt. Heute bie­tet Ber­lin für 200.000 bis 300.000 Rus­sen eine Hei­mat. Wie stehen sie zu ihrer Heimat und wo ist die überhaupt?

Am Su­per­markt Ros­siya, gleich neben der Sta­ti­on Char­lot­ten­burg, gibt es kein Ent­kom­men vor rus­si­schen Schumpf­nu­deln, Wein, Wodka und der klas­si­schen Aly­on­ka Scho­ko­la­de. An einem an­de­ren Ort als hier, hätte ich meine Re­por­ta­ge wohl auch gar nicht be­gin­nen kön­nen. Das Ge­schäft hat auch eine klei­ne Kos­me­tik­ab­tei­lung für „rus­si­sche Mäd­chen, die nur den Ma­ke-Up Pro­duk­ten aus Russ­land ver­trau­en“, so wird mir er­zählt. Die Ver­käu­fer tra­gen alle das­sel­be rote T-Shirt, auf dem in blau­en und wei­ßen ky­ril­li­schen Buch­sta­ben Russ­land ge­schrie­ben steht. 

Die Ros­siya-Mo­de links liegen gelassen, ist es wahr­schein­lich an­ge­mes­se­ner von der rus­sisch­spra­chigen Ge­mein­schaft in Ber­lin zu spre­chen, da sich diese Ge­mein­schaft aus ver­schie­de­nen eth­ni­schen Grup­pen zu­sam­men­setzt. „Ei­gent­lich gibt es drei ver­schie­de­ne Grup­pen“, er­zählt mir Ste­fan Melle, als ich ihn bei der Deutsch-Rus­si­schen Aus­tausch­or­ga­ni­sa­ti­on tref­fe. „Es gibt die so­ge­nann­ten Kon­ting­ent­flücht­lin­ge. Das sind Juden, die aus den ehe­ma­li­gen So­wjet­re­pu­bliken kamen, die mit Deutsch­land zu­sam­men­ar­bei­te­ten. Die Mehr­heit die­ser Ge­mein­schaft ist ei­gent­lich deut­scher Ab­stam­mung. Die drit­te Grup­pe ist sehr di­vers, da ihre Mit­glie­der aus ver­schie­de­nen So­wjet­re­pu­bli­ken kom­men.“ 

Rus­si­sches Ber­lin

Ste­fans Or­ga­ni­sa­ti­on ver­sucht dabei zu hel­fen, dass Mi­gran­ten sich in Deutsch­land in­te­grie­ren. Be­son­ders in 1990er Jah­ren hat­ten sie eine Menge Ar­beit. Jetzt gibt es we­ni­ger Neu­an­kömm­lin­ge. „Man­che sind Mi­gran­ten in der zwei­ten oder drit­ten Ge­ne­ra­ti­on. Diese haben schon ihr ei­ge­nes Ge­wer­be und schi­cken ihre Kin­der in eine bi­lin­gua­le Schu­le. Sie sind sehr gut in­te­giert.“

Trotz­dem lässt sich auch heute noch ei­ni­ges an der rus­si­schen Ge­mein­de be­ob­ach­ten, das an das  rus­si­sche Leben in Berlin aus den 1920ger Jah­ren er­in­nert. „Man­che Leute haben ein­fach nie Deutsch ge­lernt“, sagt David, ein jun­ger Deut­scher mit rus­si­scher Ab­stam­mung, der in Ber­lin mit sei­ner rus­si­schen Frau lebt. „Ich schät­ze, dass die Welt­an­schau­ung mit der aus Russ­land ziem­lich über­ein­stimmt. Hier wer­den vor allen Din­gen die rus­si­schen Me­di­en ver­folgt.“

Des­halb ist es auch sehr unwahr­schein­lich, dass diese Ber­li­ner sich der Eu­ro­päi­schen Union ver­pflich­tet füh­len. Tat­säch­lich „kön­nen die­sen Men­schen mehr mit den Na­tio­nal­staa­ten an­fan­gen und küm­mern sich nicht be­son­ders um trans­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen“, er­zählt mir Ste­fan. „Deutsch­land wird mit po­si­tiv mit dem So­zi­al­staat und Sta­bi­li­tät gleich­ge­setzt. Mehr als die EU.“ David stimmt dem zu: „Aber die Be­zie­hun­gen zwi­schen der EU und Russ­land, be­son­ders die Er­eig­nis­se in der Ukrai­ne wer­den hier umso hei­ßer dis­ku­tiert.“

Ge­beu­tel­tes Eu­ro­pa

Na­tür­lich hängt die ukrai­ni­sche Krise über der rus­sisch­spra­chi­gen Ge­mein­de Ber­lins. Nach Ste­fans Aus­sa­ge hat sich die Mei­nung über die EU so rich­tig erst im Jahr 2008 ge­än­dert. „Viele sagen, dass die Wirt­schafts­kri­se das Ende des So­zi­al­staats in Eu­ro­pa be­deu­tet hat. Die EU scheint schwach zu sein, ohne Kraft sich aus dem Klam­mer­griff der Wirt­schaft zu be­frei­en. 2008 war das Jahr des Ge­or­gi­en-Kon­flikts, bei dem gedacht haben, dass Eu­ro­pa falsch und zu has­tig agiert hat." 

Die ne­ga­ti­ve Stim­mung wird sich wahrscheinlich kaum wen­den. Im Ge­gen­teil: mein Ein­druck wird be­stä­tigt, als David mich dem Vater An­d­rej vor­stellt. Der kor­pu­len­te, bär­ti­ge und etwas ein­schüch­tern­de Pries­ter, ar­bei­tet für eine der or­tho­do­xen Kir­chen in Char­lot­ten­burg. Vater An­d­rej scheint in der Ge­mein­schaft gro­ßen Re­spekt zu ge­nie­ßen. Auf dem Weg in sein Büro wird er ehr­fürch­tig von den Mit­glie­dern der Ge­mein­de ge­grüßt. Viele von ihnen brin­gen ihr Kin­der sams­tags hier zum Re­li­gi­ons- oder Sprach­un­ter­richt. 

Als ich den Pries­ter über die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on be­fra­ge, wird er ka­te­go­risch: „Die EU ist Miss­er­folg. Hier in der Ge­mein­de spre­chen wir viel über eu­ro­päi­sche Po­li­tik. Wir wun­dern uns alle, ob die EU aus­ein­an­der­fal­len wird. Wer glaubt über­haupt in das eu­ro­päi­sche Pro­jekt? Ein Frie­dens­pro­jekt? Komm schon! Was ist mit den Pro­ble­men in Nord­ir­land? Oder den Ani­mo­si­tä­ten zwi­schen Deut­schen und Grie­chen?"

Pro­pa­gan­da-Krieg

Wäh­rend die EU als füg­sam und feige dar­ge­stellt wird, weil sie einen Kat­zen­bu­ckel ge­gen­über der USA in Ukrai­ne­fra­gen macht, ist Vater An­d­rej etwas mil­der ge­gen­über dem Land, das in­zwi­schen seine Hei­mat ist: „Wir füh­len eine Ver­ant­wor­tung ge­gen­über dem deut­schen Staat, denn viele von uns sind hier Staats­bür­ger. Diese Ver­ant­wor­tung füh­len wir al­ler­dings nicht ge­gen­über der EU.“

Viele ma­chen die Me­di­en dafür ver­ant­wort­lich, dass es eine immer grö­ße­re Kluft zwi­schen Russ­land und der EU gibt. Vater An­d­rej warnt ein­dring­lich vor einem „Pro­pa­gan­da­krieg“. Er schätzt, dass die Be­richt­er­stat­tung wäh­rend des Ge­or­gi­en­krie­ges 2008 von den USA fi­nan­ziert wurde. David sieht die Lage ein wenig dif­fe­ren­zier­ter: „Wenn man auf die west­li­che Be­richt­er­stat­tung in der Ukrai­ne­kri­se schaut, dann er­in­nert das stark an die Pro­pa­gan­da des Kal­ten Krie­ges“, er­zählt er.

„Ich denke dabei an das Bild, das von Vol­ker Beck (Grü­nen­po­li­ti­ker, Anm. der Re­dak­ti­on) ge­zeich­net wird. Er wurde von ag­gres­si­ven, ho­mo­pho­ben und feind­li­chen ge­stimm­ten Rus­sen zu­sam­men­ge­schla­gen. Als diese Bil­der ver­brei­tet wur­den, gab es keine Ge­gen­dar­stel­lung. Wäh­rend Russ­land ein stol­zes Mit­glied der eu­ro­päi­schen Na­tio­nen ist, denken Leute hier oft, dass Russ­land ein fer­nes Land im Osten ist oder eher dem asiatische Kontinent angehört. Ich glau­be wir müs­sen uns hier mehr darum be­mü­hen, Brü­cken zu bauen.“ 

Das War­ten auf Mer­kel

Wel­che Rolle kann Deutsch­land in die­sem Kon­text spie­len? Deutsch­land hat ja ei­ni­ges an Er­fah­rung, wenn es darum geht, Ost und West zu ver­ei­nen. Die Kanz­le­rin spricht flie­ßend Rus­sisch, wäh­rend ihr rus­si­scher Ge­gen­über fünf lange Jahre in Deutsch­land für den KGB als Spion ge­ar­bei­tet hat. „Deutsch­land ist ein wich­ti­ger Spie­ler, aber es macht große Feh­ler im Um­gang mit der Ukrai­ne. Mer­kel wird re­spek­tiert, so­wohl von den Rus­sen, als auch von der rus­sisch­spra­chi­gen Ge­mein­de hier. Sie ver­sucht ihr Bes­tes, aber sie will sich ein­fach nicht mit den Ame­ri­ka­nern an­le­gen“, schnauft Vater An­d­rej.

David ist we­ni­ger kri­tisch mit seinem Hei­mat­land. Trotz­dem glaubt er, dass Deutsch­land sehr viel tun müss­te, um die fra­gi­len EU-Russ­land Be­zie­hun­gen zu glät­ten. „Wenn ich sehe, wie viel Po­ten­ti­al Deutsch­land hat und ich sehe, wie wenig die Mög­lich­kei­ten mit Russ­land aus­ge­schöpft wer­den, dann werde ich wirk­lich wü­tend. Sonst ma­chen wer­den in Eu­ro­pa Be­we­gun­gen wie der Front Na­tio­nal oder Job­bik das Ruder über­neh­men. Das wäre nicht gut für Eu­ro­pa.“

Für mehr In­for­ma­tio­nen über die Deutsch-Rus­si­sche Aus­tausch­or­ga­ni­sa­ti­on und den Aus­tausch zwi­schen den bei­den Län­dern, kannst du diese Web­sei­te be­su­chen. 

DIESE RE­POR­TA­GE WURDE IM RAH­MEN DES PRO­JEKTS "EU­TO­PIA – TIME TO VOTE" IN BER­LIN VER­FASST. DAS PRO­JEKT IST IN ZU­SAM­MEN­AR­BEIT MIT DER HIP­PO­CRÈNE-STIF­TUNG, DER EU­RO­PÄI­SCHE KOM­MIS­SI­ON DEM FRAN­ZÖ­SI­SCHEN AUS­SEN­MI­NIS­TE­RI­UM UND DER EVENS-STIF­TUNG DURCH­GE­FÜHRT WOR­DEN. FINDE BALD ALLE AR­TI­KEL AUS BER­LIN AUF DER START­SEI­TE VON CAFÉBABEL.