Gesellschaft

Charlie Hebdo: Punk is Not Dead

Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2015

Punk ist eine Bewegung, die für Freiheit steht. Diejenigen, die letzte Woche Charlie Hebdo angegriffen haben, versuchten dadurch diese Freiheit dem Erdboden gleich zu machen. Aber wir leben noch. Und Punk ist noch lange nicht tot.

Punksein bedeutet ursprünglich eine antikonforme, kritische Haltung gegenüber allem, was allgemeinhin als normal gilt. Punk bricht mit den Grenzen der Freiheit. Punk provoziert und demontiert die Meinung des Mainstreams. Er bietet das nötige Kontrastprogramm und plädiert, ohne zu erzwingen, für die Wahlfreiheit zwischen tausenden von Möglichkeiten. Die Sex Pistols waren Punks, mit ihren T-Shirts auf denen umgedrehte Hakenkreuze zu sehen waren und ihren Aussagen gegenüber der Queen, in denen sie diese als Faschistin bezeichneten. Die Zeichner des Satiremagazins Charlie Hebdo, die letzte Woche kaltblütig von zwei bewaffneten Idioten ermordet wurden, waren auch Punks: sie zeichneten pädophile Priester, den Papst dabei, wie er Werbung für Durex macht oder auch den Propheten Mohammed. Und auch wenn sie nicht mehr unter uns sind - Punk ist noch lange nicht tot.

Hunderte von Menschen haben sich am 7. Januar aud dem Place de la République in Paris versammelt. Hunderte hielten Plakate in die Luft, manche ihre Bierdosen, einige sogar ihre Joints in der Hand. Manche kamen mit ihren Sprösslingen, andere ließen ihre Kinder lieber zuhause. Aber für einen Großteil der Menschen war es nur sehr schwer möglich, ihre Tränen zurückzuhalten. Trotz der Trauer jedes Einzelnen, war es doch für alle möglich, Halt darin finden, in diesem schrecklichen Moment wenigstens nicht allein zu sein. Die Präsenz der Leute, wie sie dort standen und riefen Meinungsfreiheit", Ich bin Charlie" und Wir haben keine Angst", war ein deutliches Zeichen. Der ganze Platz erstrahlte im Glanz der Kerzen und war umrundet von Menschen, die dort schweigend saßen und sich an den Händen hielten. Es wurden Stifte in die Höhe gehalten, ganz so, als sollte dies den Weg zeigen, einen Weg, gesäumt von den zwölf Seelen, darunter auch zwei Polizisten, die uns zu früherer Stunde des Tages verlassen hatten.

Paris ist nicht die Lieblingsmetropole junger Leute mit Iro, karierten Hemden, Lederjacken und Ohren, die hinter dicken Earplugs verschwinden. Man findet solche Leute eher auf der anderen Seite des Ärmelkanals, in Camden, London.

In Frankreich wiederum, der Mutter des französischen Situationismus, der in den 1960er Jahren aufkam, zeigt sich Punk weniger in der Musik oder einem Look, sondern vielmehr in den sozialen Werten der Gesellschaft. So ist beispielsweise Le Canard Enchaîné das einflussreichste Satiremagazin der politischen Landschaft in Frankreich und deckt seit Jahren immer wieder politische Skandale auf. Das Magazin Hara Kiri, der Vorläufer von Charlie Hebdo, hatte keine Hemmungen, mit Tabuthemen wie Religion und Sex zu brechen, und stand somit ganz in der Tradition der absoluten Meinungsfreiheit, wie sie auch von Marquis de Sade und Georges Bataille gelebt wurde. Die Demonstrationen für die Meinungsfreiheit sind für das moderne Bewusstsein unbedingt notwendig, weil sie die gesellschaftlichen Werte, die von der Mehrheit einfach als gegeben angesehen werden, hinterfragen und so die Öffentlichkeit dazu anregen, sich selbst ein moralisches Urteil zu bilden. Die Freiheit des Denkens ist ein fundamentales Recht und eine Fähigkeit, derer man sich bedienen muss, weil sie uns die Macht gibt, kritisch zu denken. Und dies ist wiederum unabdinglich, wenn wir nicht als unterwürfiges Herdenvieh angesehen werden wollen, sondern als mündige Bürger, die selbst entscheiden, was richtig und was falsch ist. Kritisches Denken bestärkt unser Bewusstsein und unsere Urteilskraft und verringert so das Risiko von anderen manipuliert zu werden.

Ich bin Polin und wurde streng katholisch erzogen. Einige der Karikaturen von Charlie Hebdo, wie zum Beispiel die, auf der die Heilige Dreifaltigkeit beim Sex gezeigt wird, haben meine Eltern und meine Großeltern schockiert, aber ich selbst finde sie nicht blasphemisch. Ich verstehe, dass dies eben einfach Satire ist und fühle mich nicht angegriffen durch solche Karikaturen, die sich über ernste Themen lustig machen. Meine Gefühle und Werte gehören nur mir. Sie dürfen und können nicht von anderen Menschen, mit anderen Gefühlen und Werten, herabgesetzt werden.

Die Ereignisse rund um das Massaker am 7. Januar, das sich nur vier Metrostationen entfernt von meiner Redaktion ereignete, haben mich bis aufs Mark erschüttert. Was mich aber noch mehr erschüttert hat, waren die Reaktionen mancher Leute, denen es wichtiger war, dass sie einen guten Tisch im Restaurant bekommen oder welche Klamotten gerade im Sale sind. Ihre Ignoranz gegenüber solchen Gräueltaten übersteigt meinen Verstand. Legen wir, nur weil wir die Möglichkeit haben, ein friedliches Leben zu führen, etwa gleich die Fähigkeit zu Engagement und Empathie ab?

Diejenigen, die auch nur einen Hauch von Vorstellungsvermögen haben, müssten doch eigentlich verstehen, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, dass alles sich permanent beeinflusst und zusammenhängt, oder? Gleichgültigkeit gegenüber den Taten bedeutet, sie zu akzeptieren. Wir dürfen keine Angst vor dem Leben haben. Das Gute und das Schlechte existieren in der Welt. Es liegt an uns, diese beiden Seiten zu unterscheiden und dann entweder zuzustimmen oder nicht. Wir dürfen unsere Authentizität nicht dem unterordnen, was allgemein als politisch korrekt gilt. Lasst uns unsere eigene Meinung verteidigen!

Punk verteidigt die Freiheit. Der Angriff vom 7. Januar 2015 auf Charlie Hebdo war ein Angriff auf unsere Freiheit. Trotzdem ist Punk nicht tot, so lange wir seine Ideale leben.