Gesellschaft

Casablanca: Die große Illusion

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2014

Sidi Mo­u­men ist eins von 500 Ar­men­vier­teln in Ca­sa­blan­ca. Die fünf Selbst­mord­at­ten­tä­ter der An­schlä­ge, die 2003 die Stadt er­schüt­ter­ten, sind dort auf­ge­wach­sen. Viele Ma­rok­ka­ner wür­den kei­nen Fuss dort­hin set­zen. Cafébabel hat mit den Anwohnern im ärms­ten Vier­tel der Stadt über die Zu­kunft Ca­sa­blan­cas ge­spro­chen.

'Sidi Mo­u­men…c’est grave, Mon­sieur’, sagt mir der ei­gent­lich fröh­li­che Ta­xi­fah­rer düs­ter unter den Ge­räu­schen der quiet­schen­der Rei­fen. Es scheint, als ob die bloße Er­wäh­nung des be­rüch­tig­ten Vier­tels genug wäre, um un­se­re freu­di­gen Er­war­tun­gen auf Casablanca im engen Fiat Uno zu zer­stö­ren.

Ein ORt, den Viele MEn­schen nie be­tre­ten

Ab­ge­se­hen von mo­der­nen und glän­zen­den Stra­ßen­bah­nen, die aus dem Stadt­zen­trum nach Sidi Moumen fah­ren, ris­kie­ren die meis­ten Ca­sa­blan­cer kei­nen Fuß dort­hin und be­trach­ten den aus­ge­dehn­ten Au­ßen­be­zirk als Le­pra­ko­lo­nie. Doch ein Wan­del fin­det statt: Einer der welt­weit ge­wag­tes­ten Plä­nen gegen Ar­muts­be­kämp­fun­gen und Be­sei­ti­gung von Slums wird in Sidi Mo­u­men statt­fin­den. Wieso? Die Anwohner sprechen niemals den Namen des Massakers aus.

16. Mai 2003. Wäh­rend des Re­stau­rant­fests im stadt­be­kann­ten „Cafe de Es­pa­na“, das für seine Paellas berühmt ist, stürmt ein Mann hin­ein und lässt eine Bombe ex­plo­die­ren, die auf sei­ne Brust ge­schnallt war. Vier wei­te­re Män­ner hat­ten es auf an­de­re auf Orte rum um die Stadt ab­ge­zielt. Durch die töd­lichs­ten Ter­ror­an­grif­fe in Ma­rok­kos Ge­schich­te tö­te­ten sie 45 Men­schen und über 100 wur­den ver­letzt. Alle At­ten­tä­ter ver­lie­ßen am sel­ben Mor­gen ihre Häu­ser im Slum von Sidi Mo­u­men.

Es än­dert sich etwas

Zu­nächst ver­wirrt die rie­si­ge, gelbe Auf­schrift 'Har­ris­burg, Penn­syl­va­nia’ auf dem Schul­bus, der durch das Vier­tel fährt. Die ausländischen För­der­gel­der gin­gen au­ßer­dem an das erste So­zi­al­zen­trum ganz Ma­rok­kos, das nun die­sem Vier­tel steht.

Die Ein­rich­tung kann über 300 lo­ka­le Ju­gend­li­che aus den Slums ver­pfle­gen, bie­tet Sprach­kur­se an, eine Bi­blio­thek mit 5000 Bü­chern, Mu­sik­in­stru­men­te, Com­pu­ter, Sport­an­ge­bo­te und ist Ort für wei­te­re Ak­ti­vi­tä­ten. Bei mei­ner An­kunft war ge­ra­de eine Ta­lent­show mit Kin­dern im Gange, die Musik auf­ge­leg­ten, tanz­ten und einen Poe­try Slam ver­an­stal­te­ten. In der ers­ten Reihe sitzt der Grün­der Boubker Mazoz, ein Or­ga­ni­sa­tor, der sich schon seit Jah­ren für die Ge­mein­schaft hier ein­setzt. Mit sei­nem sil­ber­nem Haar und sei­nem dün­nen Ober­lip­pen­bart er­in­nert er an Omar Sharif aus Dr. Zhi­va­go.

„Ei­gent­lich bin ich ein pro­fes­sio­nel­ler Bett­ler ge­wor­den“, sagt Boubker grinsend. Hin­ter ihm steht ein Bü­cher­re­gal, das unter dem Ge­wicht der Aus­zeich­nun­gen und Eh­run­gen, die sei­nen Namen tra­gen, ächzt. 

„NGOs kamen, spen­de­ten Sa­chen und gin­gen; aber es hat sich nichts ge­än­dert. Selbst ich bin ge­kom­men und habe Schul­ta­schen ge­lie­fert, aber sie haben alles wei­ter ver­kauft. Des­halb ent­schied ich mich zu blei­ben.“

Viele der An­ge­stell­ten wuch­sen selbst in schwie­ri­gen Ge­bie­ten auf und wollen in der Ge­mein­de blei­ben und mit einem guten Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen.

Die Ar­beit des Zen­trums hat sogar ähn­li­che Pro­jek­te in Ca­sa­blan­cas Part­ner­stadt Chi­ca­go in­spi­riert.

Ob­wohl sei­tens des Staats immer wie­der von „be­deu­ten­den Fort­schrit­ten“ in der Be­sei­ti­gung der Slums ge­spro­chen wird, gibt es al­lei­ne in Ca­sa­blan­ca immer noch schät­zungs­wei­se 111 500 Fa­mi­li­en, die in den über 500 voll­ge­stopf­ten Slums leben. Hier quält es die Men­schen be­son­ders, dass der Ara­bi­sche Früh­ling im Kö­nig­reich ge­schei­tert ist. Wenn eine sol­che Re­vo­lu­ti­on pas­sie­ren soll­te, wür­den Orte wie Sidi Mo­u­men si­cher zu den Plät­zen ge­hö­ren, an denen sich das Feuer ent­fa­chen würde.

„Eine An­samm­lung an Frus­tra­ti­on“

„Hier gibt es kei­nen ra­di­ka­len Islam, aber hier gibt es Un­ge­rech­tig­keit, Armut und Aus­gren­zung. Ein Ver­bre­cher ist ein Ra­di­ka­ler?“, fragt Boubker herausfordernd. „Wenn du je­man­den hast, der sich nicht als Bür­ger fühlt, weil die Stadt nichts für ihn oder seine Fa­mi­lie her­gibt, dann sam­melt sich Frus­tra­ti­on an. Du zer­störst keine Dinge, die dir ge­hö­ren.“

Be­glei­tet von Mo­ham­med Aai­to­u­na aus dem Zen­trum und zwei lo­ka­len Si­cher­heits­män­nern, Mokhtar und Ab­de­rah­ma­ne, gehen wir um die Ecke, bevor wir den Slum Al Man­zah sehen. Hier ist alles von fünf­ge­schos­si­gen Woh­nun­gen, in denen Fa­mi­li­en ein­ge­engt in nur kopf­ho­hen, ka­nin­chen­bauähn­li­chen Räu­men aus Holz und Blech woh­nen über­seht. Manch­mal ist der Weg so eng, dass wir, ge­streift von den Klet­ter­pflan­zen über uns, hin­ter­ein­an­der lau­fen müs­sen. Ein äl­te­rer Herr mit einem Esel­wa­gen kommt uns ent­ge­gen und ver­kauft Brot. Nur we­ni­ge haben ge­ring be­zahl­te Jobs au­ßer­halb des Slums. Die meis­ten hier sind ar­beits­los und An­alpha­be­ten. In Al Man­zah ist die bloße mensch­li­che Ge­brech­lich­keit zu sehen. Wir durch­que­ren das Camp sehr schnell um nie­man­den zu ver­är­gern. End­lich auf der an­de­ren Seite an­ge­kom­men, vor­bei an Müll­ber­gen, deren Ge­stank nicht aus­zu­hal­ten ist, kom­men wir an Kids vor­bei, die wie Rap­per po­sie­ren und uns hin­ter­her­ru­fen als wir vor­bei­fah­ren: „Bonne chan­ce, mes amis!“

Im Ainfa Be­zirk, Ca­sa­blan­cas Be­ver­ley Hills, füh­ren die Stra­ßen, von Pal­men und von kost­spie­li­gen Vil­len um­ge­ben, nach Cor­ni­che. Di­rekt neben den bre­chen­den Wel­len sind die Türme der Has­san II, der zweit­größ­ten Mo­schee der Welt zu sehen. Jeder ma­rok­ka­ni­sche Staats­bür­ger ein­schließ­lich der Slum­be­woh­ner war ge­zwun­gen, sich fi­nan­zi­ell am Bau zu be­tei­li­gen. Ein paar hun­dert Meter ent­lang der Küste ist das uns be­kann­te Sam­mel­su­ri­um von Blech­dä­chern, die über einer zwei Meter hohen und pa­pier­wei­ßen Wand her­vor­ra­gen, zu er­ken­nen. ‚Bi­don­vil­le‘ ist an­geb­lich ein Be­griff, der wäh­rend der fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­zeit für die Ar­muts­vier­tel ent­stand. Häu­fig er­blickt man in der Stadt die so­ge­nann­ten „Mau­ern der Schan­de". Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Doch was ist mit den Hips­tern?

Ei­ni­ge von Ma­rok­kos wohl­ha­ben­den Nacht­schwär­mern, die in stil­vol­len Lo­ca­ti­ons  zu Deep House am Meer tanzen, in denen eine Fla­sche Cham­pa­gner für knapp 1000€ ver­kauft wird (in einem Land bei dem das BIP per Kopf bei 2100€ liegt, laut Welt­bank), haben ein dar­wi­nis­ti­sches Weltbild. Ein jun­ger Un­ter­neh­mer schnaubt: 

„Man braucht arme Men­schen, ge­nau­so wie Rei­che - das sind die Vor­aus­set­zun­gen für die Sta­bi­li­tät eines Lan­des. So­lan­ge die Men­schen nicht vor Hun­ger ster­ben, macht Ma­rok­ko alles rich­tig.“

Neben der größ­ten Mo­schee und den größ­ten Slums in Afri­ka, bie­tet Ca­sa­blan­ca auch das größ­te Ein­kaufs­zen­trum des Kon­ti­nents mit dem auf­re­gen­dem Namen ‚Mo­roc­co Mall‘. Dort sind die Klei­der mit 900€ aus­ge­zeich­net und Be­su­cher kön­nen in einem Aqua­ri­um mit tro­pi­schen Fi­schen tau­chen gehen. Von dem Bal­kon eines maß­los teu­ren Re­stau­rants, er­ken­nen wir eine klei­ne Insel in der Nähe der Küste und gehen hin.

Alte Damen ohne Ge­biss sit­zen auf der Brü­cke der Insel, spie­len auf Trom­meln Chaa­bi-Mu­sik und nennen uns „Voy­eurs!“ als wir vor­bei­ge­hen. Nach einem klei­nen La­by­rinth von Gas­sen und tris­ten, schach­tel­ar­ti­gen Hüt­ten er­rei­chen wir einen Fels­vor­sprung und ste­hen vor der Weite des At­lan­tiks. Fa­mi­li­en und Pär­chen po­sie­ren hier für Er­in­ne­rungs­fo­tos wäh­rend Zie­gen und Hüh­ner um einen klei­nen Bau her­um­lun­gern. Gut­mü­tig denke ich, die Tiere sind hier, damit Kin­der mit ihnen spie­len kön­nen. Spä­ter werde ich in­for­miert, dass ihre Keh­len auf­ge­schlitzt wer­den und das her­aus­flie­ßen­de Blut ein Teil der Op­fer­ga­be an Abdel Rah­man ist. Ein ver­ehr­ter Hei­li­ger, von dem man glaubt, dass seine letz­te Ru­he­stät­te hier ist. 

„Sie haben den Kran­ken ver­spro­chen, ge­sund zu wer­den, wenn sie hier­her kom­men“, merkt unser ma­rok­ka­ni­scher Kol­le­ge an und deu­tet auf die Mo­roc­co Mall, die in der Ferne wie ein Pan­zer­tier aus­sieht, „doch jetzt sind sie die Kran­ken.“

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil des EU­RO­MED RE­POR­TER Pro­jekts. Es wird von un­se­ren Part­nern I WATCH, SE­ARCH FOR COM­MON GROUND und der FOUN­DA­TI­ON ANNA LINDH un­ter­stützt.