Gesellschaft

Calais: Die solidarischsten Kommunen Frankreichs

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2016

Im ersten Morgenlicht des 24. Oktober 2016 startete die Räumung des 'Dschungels von Calais'. Die knapp 7000 in Frankreichs größtem Zelt- und Hüttenlager lebenden Menschen werden nach und nach auf alle Regionen des Hexagons verteilt, Korsika und die Île-de-France ausgenommen. Fokus auf die Politiker, welche eine Aufnahme von Flüchtlingen in ihrer Region begrüßen. 

Es ist so weit. Am vergangenen Montag hat die französische Regierung die Auflösung des Flüchtlingscamps von Calais veranlasst. Die Räumungsaktion soll eine Woche dauern und hat zum Ziel, die 6 500 dort lebenden Flüchtlinge in die über das ganze Land verteilten Aufnahmezentren zu geleiten. So setzt Frankreich der größten, je auf französischem Boden errichteten Zelt- und Hüttenstadt endgültig ein Ende. Ein Flüchtlingscamp, das seit den 2000er Jahren Zehntausende von Migranten beherbergte, die illegal ins Vereinigte Königreich gelangen wollen.

Die Meldung ist natürlich nicht lange ohne Reaktionen geblieben. In Frankreich, wie überall in Europa, spiegelt die Räumung des Dschungels von Calais das Hin und Her in der Politik der Europäischen Union wider, welche mit der größten Migrationskrise seit ihrer Schaffung ringt. In einer Stunde, in der dutzende Busse von Calais aus durch  Frankreich fahren, erübrigt es sich fast zu erwähnen, dass viele Kommentatoren, ob Politiker oder nicht, die Unentschlossenheit der französischen Regierung ziemlich kritisierten. Dennoch, wie als Antwort auf die herrschende Missstimmung, zeigten einige französische Politiker Solidarität mit den Flüchtlingen und Vertriebenen. Und dies zum Teil nicht erst seit gestern.

 Am Rande des Dschungels, der beste Bürgermeister der Welt

Grande-Synthe ist eine kleine Gemeinde von etwas mehr als 20 000 Einwohnern, 40 Kilometer von Calais entfernt. An deren Spitze? Damien Carême, der 2001 gewählte grüne Bürgermeister. Seitdem hat der Politiker vielfach couragiert für seine Stadt gehandelt. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er aber im März 2016. Wie? Indem er ein Flüchtlingslager errichtete. Angesichts der explosionsartigen Zunahme der Flüchtlinge in seiner Stadt und der abwartenden Haltung der Regierung entscheidet sich der Grünen-Politiker, das erste humanitäre Camp HCR (Haut-Comite Réfugié) Frankreichs zu errichten. Ohne einen Cent vom Staat, aber mit der Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen. Drei Monate später akzeptiert der Staat mit Ach und Krach die Verwaltung und die Unterhaltungskosten zu übernehmen, der Innenminister und der Minister für Wohnungswesen sehen sich gezwungen, dem heute „das Flüchtlingscamp von La Linière“ genannten Lager mit seinen Duschen, Spielmöglichkeiten und seiner Kantine einen Besuch abzustatten. Dafür, dass er eine kostenlose Unterbringung von bis zu 2 800 Migranten möglich machte, steht Damien Carême auf der Shortlist der Wahl zum besten Bürgermeister der Welt, welche von der City Mayors Foundation organisiert wird.

Etwas südlicher davon ist die Abgeordnete des Departements Ile-et-Vilaine [in der Bretagne, Anm. d. Red.], Marie-Anne Chapdelaine, ebenfalls für ihre humanitären Aktionen bekannt. Die gegen die angstschürenden Parolen des Front National  [rechtspopulische Partei, Anm. d. Übers.] ankämpfende 54-jährige Lokalpolitikerin der Sozialistischen Partei (PS) hebt den Weg hervor, den „diese Menschen, die aus dramatischen Situationen fliehen“, hinter sich haben. Sie versichert, dass ihre Integration „in gutem Einvernehmen verlaufen wird, mit den lokalen Politikern, den kleinen und großen Aufnahmestrukturen und in den Familien“. Marie-Anne Chabdelaine zögert auch nicht, auf die Ursachen der Bevölkerungswanderungen zurückzukommen: „Wir sind verpflichtet, die Menschen aufzunehmen, denn wären wir an deren Stelle, würden wir dann nicht auch aus Syrien oder Afghanistan fliehen wollen?“ Deshalb wird ihr Département nach der Auflösung des Flüchtlingslagers von Calais 500 Migranten aufnehmem. Von den betroffenen Gemeinden wird als Beispiel für eine positive Initiative oft Cancale zitiert. In dieser kleinen Gemeinde von 5 000 Einwohnern beherbergt ein ehemaliges Krankenhaus bereits seit drei Monaten Migranten aus dem "Dschungel".

Im Osten des Landes genießt Éric Piolle - der grüne Bürgermeister von Grenoble - ebenfalls eine gewisse humanistische Aura. Im vergangenen Frühling wandelte er gut gelaunt inmitten der Nachtschwärmer der Protestbewegung Nuit debout, die sich im Stadtzentrum niedergelassen hatte. Nun ist er an der Reihe, seine Empörung zu äußern. So wie Ende September, als Laurent Wauquiez, Interimsvorsitzender der Republikaner, die Verteilung der Migranten über das gesamte Staatsgebiet mit der Befürchtung einer „Zunahme der ‚Dschungel‘ überall in Frankreich“ attackiert. Piolle entgegnet energisch: „Fernab seiner [gemeint ist Wauquiez, Anm. d. Übers.] übertriebenen verqueren Ansichten haben die Menschen im ganzen Land, insbesondere in Grenoble, ihre Bereitschaft gezeigt, sich, jeder mit seinen Mitteln, für diese in größter Verzweiflung befindlichen Menschen einzusetzen.“ Der Bürgermeister Grenobles hat übrigens eine Aufnahmeplattform eingerichtet, um Vorschläge der Bevölkerung zu erfassen und diese an die die Flüchtlinge im Alltag begleitenden Organisationen weiterzuleiten. Im September 2015 ins Leben gerufen, habe die Plattform Beherbergungsvorschläge von 350 Personen entgegennehmen und so 25 bis 30 Flüchtlinge unterbringen können (Zahlen von Juni 2016, Anm. d. Red.). Nun soll die Region Auvergne-Rhône-Alpes (ARA) nach der Auflösung des Camps von Calais 751 Migranten aufnehmen. „Wir werden mit Großzügigkeit und Gastfreundschaft zur Stelle sein, wie schon die Generationen vor uns, die Grenoble aufbauten, indem sie flüchtende Armenier, Algerier, Algerienfranzosen, Chilenen oder Spanier aufnahmen“, beteuert Grenobles Bürgermeister seinerseits. 

„Die gütige Republik“

In eben jener 8 Millionen Einwohner zählende Region ARA erinnert Jean-Paul Bret, der sozialistische Bürgermeister von Villeurbanne, daran, dass der Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge 1784 Personen vorsehe. Ihm zufolge „sei dies alles andere als ein unüberwindbarer solidarischer Kraftakt“. Dieser Bürgermeister, der an der ersten Phase der nationalen Verteilung der Flüchtlinge teilnehmen wollte, beglückwünscht sich zu seiner Entscheidung. Diese reihe sich ein in „die lange Tradition der Gastfreundschaft seiner Stadt, welche sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit der sukzessiven Ankunft fremder, durch Not und Unterdrückung zur Auswanderung gezwungener Bevölkerungsgruppen entwickelt habe“. Jean-Paul Bret appellierte ebenso an den gesunden Menschenverstand und an die Verantwortung „im internationalen Kontext einer Migrationsbewegung eines seit 1945 unerreichten Ausmaßes“. „Aus Überzeugung und ohne Blauäugigkeit diejenigen zu unterstützen, die leiden“, sei daher für ihne eine klare Angelegenheit gewesen.

Die „gütige Republik“. Das ist das von der sozialistischen Präsidentin der Region Bourgogne-Franche-Comté (BCF), Marie-Guite Dufay, verbreitete Konzept. Die Politikerin führte es an der Seite von vier weiteren sozialistischen Regionalpräsidenten in einer Mitteilung an, um Laurent Wauquiez zu entgegnen, den sie beschuldigen Ängste zu schüren. In einem Interview im Journal du Centre betont die Politikerin, dass es notwendig gewesen sei, den „Dschungel“ von Calais zu räumen. Für sie sei es folglich angemessen, „diese Menschen auf das gesamte Staatsgebiet zu verteilen. Es handelt sich um ein nationales, ja sogar weltweites Problem, welches über der Kluft zwischen Links und Rechts steht“. Laut dem Verteilungsplan der Regierung soll die Region BFC über 9000 Plätze bereitstellen. Marie-Guite Dufay bekräftigt, dass es eine Frage der Solidarität sei: „Man werde den Norden und die Île-de-France mit der Bewältigung des Problems nicht alleine lassen“, donnert sie. Sie betonte eine über die Grenzen und Unterschiede hinausreichende bürgerliche Verantwortung: „Die Flüchtlingsfrage geht alle Gemeinschaften, alle Politiker, alle Bürger etwas an.“ Und schloss mit den Worten: „In 50 Jahren werden unsere Kinder, unsere Enkel uns fragen: ‚Wie habt ihr diese Menschen damals aufgenommen?‘“

„Offen und großzügig“, so äußerte sich die Präsidentin der Region Okzitanien, Carole Delga, stolz auf Twitter über die geplante Aufnahme von 1 080 Migranten in ihrer Region. „Das ist eine Maßnahme, die wir in jeglicher Hinsicht, politisch und menschlich, unterstützen. Wir leisten gerne unseren Beitrag zur nationalen Solidarität“, erklärt sie in der Zeitung La Dépêche du Midi. Und fügt hinzu: „1 080 Flüchtlinge in einer Region von ca. 6 Millionen Einwohner: wo ist die Gefahr?“ Für diese Lokalpolitikerin, welche aus dem Bürgermeisteramt von Martres an die Spitze der Region Okzitanien gelang, stellt der ländliche Charakter der Region eine Chance für die erwarteten Migranten dar: „Sie werden aus der Hölle des Dschungels von Calais in ein angenehmes Lebensumfeld mit menschenwürdigen hygienischen Bedingungen kommen, sie werden friedliche zwischenmenschliche Beziehungen wiederentdecken. Am Ende ihres Aufenthalts werden sie sich körperlich und geistig erholt und neu sortiert haben.“ Vor den Bemühungen einiger französischer Politiker fragt man sich, ob man von der französischen Regierung wird Ähnliches behaupten können?

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