Gesellschaft

Bummelzug: Neapel und der Kampf um den Tourismus

Artikel veröffentlicht am 29. September 2014
Artikel veröffentlicht am 29. September 2014

Man stelle sich vor: Eine wunderschöne Stadt mit traumhaftem Wetter, herausragende Werke der italienischen Renaissance, Monumente der römischen und christlichen Kultur, mediterranes Klima, der zweitgrößte Passagierhafen der Welt, eine hervorragende Küche, günstige Preise und gastfreundliche Menschen. Klingt nach einem erstklassigen Reiseziel, oder nicht? Leider nicht.

Die Zugreise von Neapel nach Pompeji ist ein anachronistisches Abenteuer. Die klapperigen Wagons mühen sich über die verödeten Ebenen, vorbei an hässlichen Dörfern, bis hin zu einer der besterhaltensten Hinterlassenschaften der Römerzeit: Pompeji. Leute schwitzen. Die Klimaanlage funktioniert nicht. Kein Vergleich zu den Zugfahrten in anderen europäischen Touristenstädten wie London oder Barcelona.

"Viele Touristen wollen nicht mit dem Zug fahren", weiß Federica Rubino. Sie organisiert Reiseführungen, draußen bei den Anlegestellen der großen Kreuzfahrtschiffe im Hafen, und kennt das Problem gut: "Die Züge sind langsam, wirken ausrangiert und gefährlich. Die Leute mieten lieber einen Bus. Es ist ein Imageproblem, die Regierung hat kein Auge für die Details."

Rubino hofft, eines Tages als Fremdenführerin in Neapel arbeiten zu können. Seit drei Jahren ist sie in der Tourismusbranche tätig. Zunächst arbeitete sie an mehreren Hotelrezeptionen - unentgeltlich - bevor sie endlich einen Job mit Bezahlung finden konnte. Den Sommer verbringt sie im Hafen. Was die Anzahl seiner Passagiere angeht, liegt Neapel weltweit auf dem zweiten Platz. Nur Hong Kong kann mehr Besucher verzeichnen.  "Es ist so gut wie unmöglich im Winter als Fremdenführerin zu arbeiten, deswegen mache ich jetzt eine Ausbildung zur Dolmetscherin", erzählt Rubino. "Früher gab es alle drei oder vier Jahre die Möglichkeit, eine Prüfung abzulegen, um Fremdenführer zu werden. Aber inzwischen sind sieben Jahre vergangen, ohne dass eine solche Prüfung stattfand. Die Regierung hat die Mittel gestrichen, wegen der Krise."

In Kampanien, der Region Neapels, ist nahezu die Hälfte aller Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos. Der Süden des Landes ist für seine hohe Arbeitslosigkeit bekannt und hat seit 1971 mit Abwanderung in den Norden und das restliche Europa zu kämpfen.

Claudio Todisco, Leiter der örtlichen Touristeninformationsstände InfoPoint, denkt, dass das Problem "ein politisches" ist. Für Todisco sollten die "historischen, kulturellen und landschaftlichen Schätze, sowie die Strandlage" eigentlich dafür sorgen können, dass "die Jugend vor Ort beschäftigt wird." Doch stattdessen verlieren die jungen Menschen sich in "endlosen, meist unbezahlten Praktika." Es sei "unglaublich, dass die Studenten die Universität verlassen, mehrere Sprachen sprechen und dann schnurstraks in die Arbeitslosigkeit wandern", urteilt er.

Die Geburtsstätte der Pizza

Neapel ist eine Mischung aus engen Gassen, kunstvollen Renaissanceskulpturen, alten Kirchen, atemberaubenden Aussichtspunkten, und einer weltberühmten Küche. Man kann den Verhüllten Leichnam Christi von Sammartino und weit verzweigte Katakomben bestaunen, hier am Geburtsort von Pizza und Sfogliatelle.

Und dennoch, wirklich brummen will der Tourismus in der Stadt nicht. "Neapel hat Kultur, hat Kunst. Es ist eine wunderschöne Stadt. Das Wetter ist gut, die Küche hervorragend, aber die Tourismusindustrie hatte bisher nicht den Erfolg, den sie eigentlich hätte haben müssen", sagt Nicolino Castiello von der Universität Neapel "Federico II". Er erklärt, dass der Tourismus im Süden "jahrzehntelang vernachlässigt wurde. Stattdessen hat man auf die industrielle Entwicklung gesetzt, die jetzt von der Krise getroffen wurde." Für Castiello sind die Hauptprobleme "ein unstrukturiertes Hotel- und Gastgewerbe, politische Misswirtschaft, Kleinkriminalität und ein schlechtes Image."

Der Professor fährt fort, dass die meisten Touristen gar nicht erst bleiben, sondern direkt zu anderen Orten weiterreisen. Federica Rubina bestätigt das: "Fast alle unsere Gäste machen sich sofort auf den Weg nach Pompeji oder zur Amalfiküste. Ich weiß nicht, warum niemand in der Stadt bleibt."

Die Strandziele Sorrent, Capri und Amalfi sind dank einer hohen Anzahl potentieller Arbeitskräfte weitgehend unabhängig. "Es gibt genug Arbeiter vor Ort, um den Bedarf abzudecken, deswegen hat Neapel überhaupt nichts von dieser Art des Tourismus - von ein paar Reiseveranstaltern und den Führern in Pompeji mal abgesehen," klagt Ettore Cucari, Präsident der Fiavet Campania-Basilicata, dem regionalen Zweig des italienischen Reiseagentur- und Tourismusverbandes.

Gefährliches Schattendasein

Das Image der Stadt ist angeschlagen. Die Medien malen ein düsteres Bild von Neapel, stellen es als gefährliches Pflaster dar. Im August prangerte Christopher Prentice, der britische Botschafter, das Ausmaß der Kriminalität gegen Touristen an. 

In einem Interview mit Napoli Today reagiert Nino Daniele, Referent des Bürgermeisters, auf die Vorwürfe und wehrt sich. Neapel sei nicht "eine der gefährlichsten Städte der Welt, London hingegen schon."

Professor Castiello stimmt dem zu. "Es ist klar, dass es ein Problem mit organisiertem Verbrechen und Kleinkriminalität gibt, aber es gibt kein erhöhtes Risiko für die Touristen." Vielmehr falle dies mit weiteren Problemen zusammen, wie etwa der Zustand von "Gastgewerbe und öffentlichem Nahverkehr", der die Stadt unattraktiv macht.

"Der Tourismus in Neapel erholt sich, aber wir bekommen nur das zurück, was wir in den letzten Jahren verloren haben. Während der Rest der Welt sich in Schritten von 6%-7% erholt, sind es bei uns gerade mal 0.1%. Das treibt immer mehr junge Menschen dazu, auszuwandern oder in die Kriminalität abzurutschen", erklärt Professor Castiello.

Die Antwort der Zivilgesellschaft

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, versucht es die Gesellschaft mit Selbstständigkeit und Kooperation. "Die Verbände arbeiten hart daran, die Tourismusindustrie der Stadt zu verbessern", sagt Daniela Ruggiero, Managerin des Kulturverbandes TECLA, die demnächst ihr eigenes Bed&Breakfast-Unternehmen eröffnet.

TECLA hat zusammen mit anderen Organisationen Teile der Stadt gesäubert, Kajak-Routen an der Küste eingerichtet, und jungen Menschen ohne Arbeit ermöglicht, Sprachkurse zu besuchen.

Es gibt viele selbstorganisierte Gruppen in der Stadt. Eine ist die Gaiola Association. Sie hat ein Unterwasser-Naturschutzgebiet errichtet, das mit dem Boot oder in Tauchgängen erkundet werden kann. Die Napoli Sotterranea (Neapel Unterirdisch) Association pflegt die Tunnel unter der Stadt, die sich über hunderte Kilometer erstrecken und viele römische und griechische Relikte beherbergen.

Wir bekommen keine Unterstützung von der Regierung oder der Stadt”, erzählt einer der freiwilligen Führer von Neapel Unterirdisch, der anonym bleiben möchte. “Wir finanzieren uns selbst, und müssen unsere Kosten und die Instandhaltung der Tunnel komplett durch Eintrittsgelder decken.”

Draußen auf dem Land schleichen die Züge zwischen der südlichen Hauptstadt und den Ruinen von Pompeji hin und her. Die Sonne scheint und Federica Rubino begrüßt ein paar Touristen am Hafen, bevor sie sie in einen Bus mit Klimaanlage packt.

Neapel, der "Bummelzug im Süden", ist ein vergessenes Juwel. Ein anrüchiges Juwel, manchmal etwas unbequem, doch nichtsdestotrotz eine einzigartige Erfahrung. Doch während die ganze Region unter der Last der Krise stöhnt, nehmen mehr und mehr Touristen die schnellen Busse nach Pompeji. Non-stop vom Hafen. Sie wollen noch immer nicht den Zug nehmen.

Der Autor und das gesamte cafébabel-Team, das aus Neapel berichtete, bedankt sich herzlich bei cafébabel Neapel für die Hilfe, ganz besonders bei Thai und Valerio.

DIESER ARTIKEL IST TEIL UNSERER CAFEBABEL-REPORTAGEREIHE "EU IN MOTION", MIT UNTERSTÜTZUNG DES EUROPAPARLAMENTS UND DER FONDATION HIPPOCRÈNE.