Gesellschaft

Budapest: Immer auf die Roma?

Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2014

Bei den jüngsten Europawahlen bestätigte sich in Ungarn der Rechtsruck der vergangenen Jahre. Eigentlich kein gutes Omen für die ohnehin unter Diskriminierung leidenden Roma. Doch einzelne Akteure stemmen sich gegen den Trend und versuchen der Minderheit aus der Armutsfalle zu helfen.

An­ti­zi­ga­nis­mus lau­tet der kor­rek­te Ter­mi­nus für Zi­geu­ner­feind­lich­keit. Eu­ro­pa­weit sind Sinti und Roma seit Jahr­hun­der­ten von dem Pro­blem be­trof­fen: sie gel­ten als Arme, Kri­mi­nel­le, als mo­der­ne Va­ga­bun­den. In Deutsch­land und Frank­reich er­hit­zen sich immer wie­der die Ge­mü­ter über den ver­mehr­ten Zuzug aus dem Osten. Aus Un­garn, Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en flie­hen viele Wan­de­rer wegen Aus­gren­zung und Per­spek­tiv­lo­sig­keit. 

Vor­ur­tei­le, Ar­beits­lo­sig­keit und Her­kunft

Im 8. Be­zirk von Bu­da­pest brö­ckelt der Putz von den Au­ßen­fas­sa­den. An dem hei­ßen Som­mer­tag lun­gern ei­ni­ge Roma wie er­schla­gen von der Hitze auf den Park­bän­ken herum. Durch ihre Ge­sich­ter zie­hen sich tiefe Fur­chen, sie sehen ab­ge­kämpft aus und tra­gen schmut­zi­ge Klei­dung. So geht das jeden Tag. Kaum einer von ihnen hat Ar­beit, lan­des­weit sind 70% der Roma ohne Be­schäf­ti­gung. Das ist deut­lich mehr als unter eth­ni­schen Un­garn, die die Roma häu­fig für laut und un­zi­vi­li­siert hal­ten. Auch des­we­gen haben sie Schwie­rig­kei­ten einen Job zu fin­den und das, ob­wohl sie Staats­an­ge­hö­ri­ge sind und Un­ga­risch spre­chen. „Es ist ein Teu­fels­kreis aus Vorur­tei­len, Armut, Ar­beits­lo­sig­keit, Her­kunft und man­geln­der Bil­dung“, er­klärt Alex­an­dra Szar­ka die ge­rin­gen Auf­stiegs­chan­cen der größ­ten Min­der­heit Un­garns. Die 23-jäh­ri­ge stu­diert So­zia­le Ar­beit und hilft ne­ben­bei be­nach­tei­lig­ten Ro­ma-Kin­dern. Im Rah­men des Pro­jekts Chan­ce for Child­ren Foun­da­ti­on be­treut sie als Nach­hil­fe­leh­re­rin jene, die es sonst nicht aus dem Teu­fels­kreis her­aus schaf­fen wür­den.

Denn Un­garn hat zwar ein öf­fent­li­ches Schul­sys­tem, aber die Un­ter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Schu­len sind im­mens. In den so­zi­al schwa­chen Stadt­tei­len liegt das Ni­veau deut­lich unter dem Durch­schnitt. Des­halb wol­len es die meis­ten El­tern aus der Mit­tel­schicht ver­mei­den, ihre Kin­der dort­hin zu schi­cken. So blei­ben die Roma dort zu­rück und blei­ben iso­liert. Schaf­fen sie es doch in eine der bes­se­ren Schu­len, er­war­tet sie dort meis­tens nur Dis­kri­mi­nie­rung. „Ei­gent­lich gäbe es gute Mög­lich­kei­ten, aber sie krie­gen nicht die Aus­bil­dung, die sie brau­chen“, schil­dert die en­ga­gier­te Stu­den­tin. Teil­wei­se wer­den sie in reine Ro­ma-Klas­sen ge­steckt: „Ei­ni­ge Rek­to­ren sind da stolz drauf, aber es macht das Ganze nur schlim­mer und ist dazu noch gegen das Ge­setz“. Auf dem Land kom­men die Ro­ma-Kin­der zum Teil sogar in Be­hin­der­ten­klas­sen.

Im Je­sui­ten­kol­leg von Bu­da­pest

Pro­ble­ma­tisch ist dabei, dass die Leh­rer fast nur in Eli­te­schu­len aus­ge­bil­det wer­den und an Nach­wuchs aus bil­dungs­fer­nen Schich­ten nicht ge­wöhnt sind. Der Mi­nis­ter für Hu­man­res­sour­cen, Zol­tan Balog, schlug des­halb kürz­lich vor, wei­te­re Auf­holklas­sen spe­zi­ell für Roma ein­zu­rich­ten. Ei­gent­lich sind diese per Ge­setz gleich­be­rech­tigt, de facto wird das aber kaum um­ge­setzt. Ob der Vor­stoß daran etwas än­dern würde, sei da­hin­ge­stellt.

An­ti­zi­ga­nis­mus ist ein Ta­bu­the­ma in Un­garn und die we­nigs­ten spre­chen offen dar­über. Man­che sagen schon, es sei wie in den 60er-Jah­ren, weil kei­ner sich traue seine Mei­nung zu äu­ßern, aus Angst sei­nen Beruf zu ver­lie­ren. So fällt es schwer über­haupt Leute zu fin­den, die über das Thema reden wol­len. Auch die Roma selbst schä­men sich häu­fig für ihre Lage und schwei­gen aus Stolz. Eine Aus­nah­me stellt Ist­van Antal dar. Er ist Lei­ter des Ro­ma-Je­sui­ten­kol­legs in Bu­da­pest. Auch die­ser be­fin­det sich im 8. Be­zirk und steht im Kon­trast zu den her­un­ter­ge­kom­me­nen Stra­ßen­zü­gen des Stadt­teils. Die di­cken Mau­ern um den frisch re­no­vier­ten Ein­gangs­be­reich hal­ten die schwü­le Hitze drau­ßen, es er­tönt klas­si­sche Musik. An die­sem Tag fin­det ein Be­ne­fiz­kon­zert für die noch är­me­ren Roma in Ru­mä­ni­en statt. Für seine mu­si­ka­li­sche Tra­di­ti­on ist das Volk be­kannt: eine Kar­rie­re als Sän­ger oder In­stru­men­ta­list ist oft der ein­zi­ge Weg nach oben.

Fast schon pa­ra­die­sisch 

Da es dabei nicht blei­ben soll setzt sich Antal seit 2004 für Ro­ma-Stu­den­ten ein. Denn mit einem Di­plom wer­den sie von der Ge­sell­schaft bes­ser ak­zep­tiert, es ist das Zer­ti­fi­kat, das nicht nur Bil­dung, son­dern auch In­te­gra­ti­on be­schei­nigt. „Wir wol­len dabei hel­fen, sie ins in­tel­lek­tu­el­le Un­garn ein­zu­füh­ren und dabei ihre Iden­ti­tät als Un­garn und Roma zu stär­ken“, ver­steht er die Rolle des Kol­legs. Es ist so­zu­sa­gen der nächs­te Schritt für jene, die es in der Schu­le ge­schafft haben. Wenn sie ihren Ab­schluss und einen Stu­di­en­platz haben, kön­nen sie sich für das Pro­jekt be­wer­ben, wo sie Wohn­raum und er­gän­zen­de Kurse er­hal­ten.

„Fast alle un­se­rer 29 Stu­den­ten haben fi­nan­zi­el­le oder an­de­re Pro­ble­me“, lässt Antal wis­sen. Viele von ihnen kom­men vom Land, wo sie nicht ein­mal Strom und Was­ser haben und in zer­rüt­te­ten Fa­mi­li­en leben. Da­ge­gen er­schei­nen die Zu­stän­de in den Ro­ma-Sied­lun­gen Bu­da­pests fast schon pa­ra­die­sisch. Sie alle hät­ten unter Dis­kri­mi­nie­rung ge­lit­ten, aber sie haben ge­lernt, damit zu leben. „Das in­ter­es­siert sie jetzt nicht mehr, in der Uni gibt es keine Dis­kri­mi­nie­rung mehr“, zählt der junge Mann die Er­fol­ge des In­sti­tuts auf, „damit hel­fen sie auch an­de­ren und die­nen als Vor­bild“. „Auch das Kon­zert haben sie selbst or­ga­ni­siert, dafür sind sie alt genug“, be­rich­tet er stolz.

Trotz Frei­zü­gig­keit ab­ge­scho­ben

Re­li­gi­ös müs­sen die Be­wer­ber nicht sein, um auf­ge­nom­men zu wer­den, le­dig­lich offen für jede Form von Welt­an­schau­ung. Jahr für Jahr stei­gen die Mit­glie­der­zah­len, bald dürf­ten alle Ka­pa­zi­tä­ten aus­ge­schöpft sein. Neben der EU, die das Kol­leg noch bis 2015 un­ter­stützt, steu­ert auch die un­ga­ri­sche Re­gie­rung Geld bei. Diese ver­ab­schie­de­te so­wohl auf na­tio­na­ler, als auch auf eu­ro­päi­scher Ebene wäh­rend ihrer Rats­prä­si­dent­schaft eine Ro­ma-Stra­te­gie, wel­che deren Si­tua­ti­on ver­bes­sern soll. In Un­garn fo­kus­siert sie sich al­ler­dings haupt­säch­lich auf Roma, die ler­nen wol­len, also zu­min­dest teil­wei­se in die Ge­sell­schaft in­te­griert sind. Alle an­de­ren wer­den in Armut leben oder den Weg gen Wes­ten wagen müs­sen, der sie trotz EU-Mo­bi­li­tät immer noch ab­ge­scho­ben wer­den. Denn nicht für jeden gibt es einen Platz bei Szar­ka und Antal. 

DIESER ARTIKEL IST TEIL UNSERER CAFEBABEL-REPORTAGEREIHE EU IN MOTION, MIT UNTERSTÜTZUNG DES EUROPAPARLAMENTS UND DER FONDATION HIPPOCRÈNE.

. | Adrien Le Coarer

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