Gesellschaft

Brüssel, Eldorado für junge Europäer?

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2016

Trotz der tragischen Ereignisse der letzten Monate ist die Stadt nach wie vor sehr beliebt bei jungen arbeitssuchenden Europäern. 

Brüssel, Hauptstadt der Region Brüssel-Hauptstadt, Hauptstadt von Flandern, Hauptstadt von Belgien, gewiss. Aber in den Augen zahlreicher Menschen aus allen Ecken des Kontinents ist Brüssel vor allem die Hauptstadt Europas und hat eine hohe Anziehungskraft. Und das nicht ohne Grund. Wie die französsiche Tageszeitung Le Figaro im letzte Jahr berichtete, ist sie weltweit die Stadt mit dem zweithöchsten Anteil im Ausland geborener Einwohner, nach Dubai.

Hunderte junger Menschen strömen für ein Praktikum in die Institutionen der Europäischen Union oder die Büros der Lobbyisten. Aber wieviele junge Expatriates gibt es eigentlich wirklich in Brüssel? Was machen sie hier? Wo kommen sie her? Und was finden sie hier?

Knapp 400 000 Expatriates in Brüssel

Unter Expatriates in Brüssel versteht man alle Personen, Europäer oder Nichteuropäer, die ihr Geburtsland verlassen haben, um in die belgische Hauptstadt zu ziehen. Ziemlich vage das Ganze. Nach Angaben des Brüsseler Instituts für Statistik und Analyse (IBSA) stellt diese Gemeinschaft mehr als ein Drittel der Bevölkerung Brüssels dar. Das sind knapp 400 000 Menschen. Unter den Europäern stehen die Franzosen mit mehr als 60 000 in Brüssel wohnhaften Staatsbürgern an der Spitze, vor den Italienern, Rumänen und Spaniern. Unter ihnen viele junge Menschen.

So schätzt Salvatore Orlando, verantwortlich für die expatriierten Kunden der Bank BNP Paribas-Fortis, dass „junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren ungefähr 30% der Expat-Kunden ausmachen“. Diese kämen seiner Meinung nach aus zwei Gründen: um zu studieren (vor allem Masterstudiengänge) oder um einen Job zu finden. Und das mache Brüssel natürlich zu einem Knotenpunkt in Europa, wo sich tausende junger Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft zusammenfinden.

Die 5 am meisten in Brüssel vertretenen Nationalitäten

Drei Sprachen sind Pflicht

Junge Menschen, die es nach Brüssel zieht, sind in erster Linie auf der Suche nach Jobchancen in einem einzigartigen internationalen Umfeld. „Brüssel, das sind die 28 Länder der Europäischen Union. Aber nicht nur! Viele internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen sind in Brüssel vertreten“, betont Paul McNally, Chefredakteur der Zeitung The Bulletin, welche sich an die Expatriates in Belgien richtet. Martina, 22 Jahre, ist nach Brüssel gezogen, da „es viele Möglichkeiten gibt, um am europäischen Projekt mitzuwirken. Außerdem ist man in einem sehr internationalen Umfeld unterwegs“.

In der Tat, außer den Institutionen der EU hat die NATO ihren Sitz in Brüssel, die UNO und die WHO besitzen hier eine Außenstelle. Hinzu kommen Dutzende von Nichtregierungsorganisationen, wie Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen, sowie unzählige Vertretungsbüros internationaler Unternehmen. Wie uns Salvatore Orlando in Erinnerung ruft, „sind mehr als 2 000 multinationale Unternehmen in Brüssel vertreten und mehr als 20 000 Lobbyisten kreisen um die Institutionen der EU“. Viele Möglichkeiten also für mehrsprachige junge Menschen, die Bock auf Entdeckungen und Begegnungen haben.

Sprachenvielfalt ist in der Tat eines der wesentlichen Elemente in Brüssel, wie Paul McNally hinzufügt: „Eines der wichtigsten Dinge auf dem Brüsseler Arbeitsmarkt ist die  Beherrschung mehrerer Sprachen. Es gibt einen ständigen Bedarf an Fremdsprachlern“. Tatsächlich werden in Europas Hauptstadt 104 Sprachen gesprochen.

Und diese Mehrsprachigkeit findet sich natürlich auch auf dem Stellenmarkt wieder. „Hier genügt es nicht mehr, zwei Sprachen zu beherrschen. Drei Sprachen zu sprechen ist quasi Pflicht, einige Leute sprechen vier oder fünf“, fügt Salvatore Orlando hinzu.

18 Monate Praktikum vor dem ersten Job

Wettbewerbsfähig -  das ist das Adjektiv schlechthin, um den Arbeitsmarkt in Brüssel zu beschreiben. Junge Menschen aus ganz Europa, mit ähnlichen Abschlüssen und Kompetenzen im Gepäck, kommen in der 'Euro-Bubble' zusammen. Wenn die Möglichkeiten auch zahlreich sind, die Konkurrenz schläft nicht.

So finden sich zahlreiche junge Absolventen, denen man eine brillante Zukunft vorausgesagt hatte, in Belgien in einer schwierigen Situation wieder. „Der Markt ist übersättigt, es gibt zu viele Leute mit den gleichen Qualifikationen“, bestätigt uns auch Nuno Loureiro, Mitbegründer der Organisation Brussels Interns NGO (BINGO), deren Ziel die Förderung hochwertiger Praktika sowie die Unterstützung von jungen Leuten auf Arbeits- und Praktikumssuche ist.

Praktika sind die Grundvoraussetzung, um seine berufliche Karriere auf dem Brüsseler Arbeitsmarkt ins Rollen zu bringen. Viele häufen zwei, drei oder noch mehr Praktika an, um sich genügend Berufserfahrung für die Bewerbung um eine Arbeitsstelle anzueignen. „Ich würde sagen, dass mindestens eineinhalb, wenn nicht sogar zwei Jahre Praktikum erforderlich sind, bevor man einen Arbeitsplatz ergattert“, ergänzt Nuno.

Manchen Menschen gelingt es aber auch schonmal schneller, die kostbare Eintrittskarte zur Euroblase zu erhalten. Margot, 24 Jahre, zum Beispiel hatte ihren unbefristeten Arbeitsvertrag nach zwei Praktika von je vier Monaten in der Tasche. Flora (Name geändert), 25 Jahre, ist hingegen bei ihrem fünften Praktikum angelangt, zwei Jahre nach ihrem Diplom in Internationale Beziehungen ist der Job weiterhin nicht in Sicht.

In der Endlospraktikaschleife gibt es zwei Möglichkeiten für die jungen Expats. Die einen geben nach mehreren Praktika auf und bevorzugen in ihr Geburtsland zurückzukehren, um die Branche zu wechseln oder sich weiter fortzubilden. Guillaume (26) zum Beispiel hat nach dem vierten Praktikum die Nase gestrichen voll und will wieder weg aus Brüssel. „Ich habe es schwer ertragen, nach dem langen Studium keine Arbeit zu finden. Der kritische Punkt war zu einer Zeit erreicht, als ich seit zwei oder drei Monaten auf Stellensuche war. An jenem Tag war ich mit einer Freundin etwas trinken. Sie beendete gerade ihr (unbezahltes) Praktikum und war damit beauftragt, ihren Nachfolger zu finden. Obwohl die Anzeige nur auf der Webseite ihrer Lobby veröffentlicht wurde, sind in weniger als einer Woche über 300 Lebensläufe eingegangen“, erzählt Guillaume.

Andere hingegen kämpfen sich in Brüssel weiter durch, auch wenn sie zwischenzeitlich eine reine Broterwerbstätigkeit ausüben müssen. „Ich selbst wollte unbedingt in Brüssel bleiben. Eine Rückkehr nach Portugal stellte für mich jobtechnisch keine Option dar. Zwischen 'Schluss mit Praktika' und dem Erhalt einer tatsächlichen Arbeitsstelle in der Euro-Bubble habe ich fünf Monate in einem Supermarkt gejobbt“, vertraut uns Nuno an.

Auch wenn Brüssel also laut Paul McNally „eine gute Lebensqualität bietet“, vor allem aufgrund der zahlreichen kulturellen Events und des internationalen Umfelds, so ist die belgische Hauptstadt nicht unbedingt das Beschäftigungs-Eldorado, welches sich die jungen Expatriates erhoffen.

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Dieser Artikel stammt von unserer Lokalredaktion cafébabel Bruxelles