Gesellschaft

Brüssel: Das Problem der zwei Sprachen für Flüchtlinge

Artikel veröffentlicht am 23. September 2015
Artikel veröffentlicht am 23. September 2015

Flüchtlinge, die in einem europäischen Land ankommen, müssen neben der Prozedur des Asylantrags auch mit einer neuen Sprache klarkommen. In Belgien ist die Herausforderung doppelt so groß, denn dort wird Französisch und Niederländisch gesprochen.

Im Camp Maximilianpark in Brüssel wird sich dafür eingesetzt, dass die Migranten beide Sprachen lernen können. Tatsächlich weiß niemand in welchen Teil des Landes sie nach Anerkennung ihres Asylantrags geschickt werden. Die Flüchtlinge haben somit die freie Wahl zwischen zwei Sprachkursen.

Zwei Bänke und eine Behilfstafel

Der Unterricht findet in extra dafür aufgebauten Zelten statt, im Rahmen der Möglichkeiten: Zwei Bänke, eine halbwegs intakte Tafel und wenige Textmarker stehen für die Kurse zur Verfügung. Der Rest ist Improvisation und Vorstellung. Es gibt keinen vorgeschriebenen Lehrplan, es werden eher grundlegende Fragen geklärt. Das Alphabet, die Zahlen, Uhrzeiten, sich selbst vorstellen…Eben das, was am ehesten gebraucht wird und worauf die Kursteilnehmer gerade Lust haben. Es ist dadurch ein entspannter ungezwungener Unterricht, obwohl ein wenig die Struktur fehlt. Aber es ist unmöglich, die Dinge anders zu organisieren. Die Freiwilligen haben versucht eine Uhrzeit festzulegen, doch die Flüchtlinge kommen und gehen den ganzen Tag über. Die Nachfrage ist gut und konstant. Sie wissen, dass sie die Sprache lernen müssen, um im Gastland zurechtzukommen. Warum also diese Möglichkeit nicht nutzen? Die Kurse finden somit den ganzen Tag über statt, alles wird mehrere Male wiederholt.

Viele Freiwillige wechseln sich ab, darunter auch Nabil. Er ist Lehrer für Französisch als Fremdsprache und ist gewohnt, Personen zu unterrichten, die Französisch nicht verstehen. „Ich bringe es hauptsächlich Kindern bei, aber das hier ist anders. Es sind Erwachsene und viele haben bereits einen Hochschulabschluss. Sie haben also schon eine gutes Bildungsniveau. Die Kinder, mit denen ich häufig zu tun habe, gehen noch nicht zur Schule, da ist es schwieriger, ihnen etwas beizubringen. Da brauche ich zum Beispiel zwei Wochen, bis sie sich vorstellen können. Hier rechne ich mit einer Stunde. Es besteht das Problem, dass sie sich nicht alles behalten können. Die Leute lernen eine Masse an Stoff in einer sehr kurzen Zeit. Manchmal vergessen sie alles wieder, daher ist es nicht schlimm, es mehrmals mit verschiedenen Lehrern zu wiederholen. Auch wenn eine Person den Stoff schon kennt, hilft es, das Grundlegende besser aufzunehmen.“ Manche Probleme treten immer wieder auf. Die Mehrzahl der Teilnehmer (fast nur Männer) spricht arabisch. Manche unserer Buchstaben und Laute existieren in ihrer Sprache nicht. Es fällt ihnen zum Beispiel sehr schwer den Unterschied zwischen dem französischen „Je“ („Ich“) und „Jus“ („Saft“) zu erkennen. Geduldig wiederholen die Lehrer den Stoff, wieder und wieder.

Mehr als nur Unterricht

Die Hingabe der Freiwilligen für das Camp geht sehr weit. Philippe gibt Kurse in Niederländisch. Während einer Diskussion unter Freiwilligen ist ihnen eine Idee gekommen: „Uns ist klar geworden, dass der Unterricht hier eventuell nicht ausreichen wird. Die Menschen, die Französisch lernen, werden am Ende vielleicht in Flandern landen und umgekehrt. Wie werden sie sich aushelfen? Also haben wir entschieden ein Crowdfunding zu öffnen, um den Flüchtlingen kleine Bücher zu kaufen, mit denen sie sich in jeder Sprache verständigen können, ohne sie zu kennen. Sie kosten nur fünf Euro, das ist nicht viel, um jemandem zu helfen, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Wir werden sie den Flüchtlingen schenken, um ihnen den Übergang zu erleichtern.“

Das ist dank Routard möglich. Dieser Bilderguide macht es für jeden möglich, sich überall zu verständigen, auch ohne die lokale Sprache zu sprechen. Französisch oder Niederländisch verursachen somit weniger Probleme für die Asylsuchenden, wenn sie in einem Aufnahmelager ankommen. Für sie ist es die Zeit, in der sie die Sprache verinnerlichen können.

Es ist eine schöne Initiative, die gut die Atmosphäre des Camps widergibt. Hilfe und Solidarität sind hier keine leeren Worte, in welcher Sprache auch immer. Und anders als man es vielleicht glauben mag, verläuft die Weitergabe der Sprache auch in die andere Richtung. „Ich kann mein Arabisch mit ihnen auffrischen“, sagt Nabil lachend, „Es ist ein klassisches Arabisch, es ist anders und manchmal verzweifle ich daran, sie zu verstehen.“ Ein Austausch, der es möglich macht, sich gegenseitig zu bereichern, und der manchmal überraschend ist. Wie dieser Mann, der schon ein gewisses Alter hat, der eine Freiwillige fragt, wie man „I love you“ auf Französisch sagt.

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Unser Lokalteam in Brüssel beschäftigt sich zurzeit mit Flüchtlingscamps in Belgien. Solidarität, Improvisationskunst und Humanität… finden Sie bald alle Artikel zu diesem Thema auf der Startseite des Magazins.