Gesellschaft

Bronislaw Geremek: Die Verpflichtung der Geschichte

Artikel veröffentlicht am 20. September 2004
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 20. September 2004
Ein Geschichtsprofessor und polnischer Freiheitskämpfer, der die Stufen der Macht erklomm, um nun zum Kandidat für die Präsidentschaft des Europäischen Parlaments zu werden. Bronislaw Geremek ist mehr, als man auf den ersten Blick denkt.

Geremek gelangte diesen Sommer ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als er von den europäischen Liberalen als Kandidat für die Präsidentschaft des Europäischen Parlaments (EP) präsentiert wurde. Geremeks Kandidatur wurde von vielen als ein bahnbrechendes Ereignis angesehen. Nicht nur stammt er aus einem der neuen Mitgliedsländer, wo er sich im Widerstand gegen die totalitäre Herrschaft einen Namen machte, sondern er kommt auch nicht aus einer der großen politischen Gruppen.

Respekt von allen Seiten

Was Geremek, ein erstklassiger Historiker des Mittelalters, zu einem überzeugten Europäer macht, sind nicht nur seine guten Kenntnisse einer der dunkelsten Epochen Europas: Es ist sein tiefer Respekt für jedes Individuum und seine Überzeugung von der Sache. Er ist einer der wenigen europäischen Politiker, der bei allen Parteien, sowohl der Linken als auch der Rechten, überall in Europa Respekt genießt. Dies ist vielleicht damit zu erklären, dass er nicht versucht, anderen seinen Willen aufzuzwingen, sondern sie zu beraten und seine Empfehlungen weniger aus einer politischen denn aus einer historischen Perspektive resultieren.

Als Geremek sich in den Achtziger Jahren in der polnischen Solidarnosc-Bewegung engagierte, war er bei Historikern überall in Europa, aber besonders bei Franzosen und Spezialisten des Mittelalters, bereits wohlbekannt. Während der Achtziger Jahre war er auch einer der engsten Berater von Lech Walesa, Nobelpreisträger und Mitbegründer der Solidarnosc-Bewegung. Es ist hierbei hervorzuheben, dass Solidarnosc, eine Gewerkschaft, die größte zivile Bürgerbewegung Europas in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts war.

Als Polen 1989 seine Unabhängigkeit zurückgewann, wurde Geremek Abgeordneter im Sejm, dem polnischen Parlament, dem er zwölf Jahre lang angehörte. Während dieser Zeit war er Vorsitzender des Ausschusses für Verfassungsfragen (89-91) und des Auswärtigen Ausschusses (91-97). Als Außenminister (1997-2000) gelang Geremek ein Durchbruch in den auswärtigen Beziehungen: 1998 übernahm Polen den Vorstand der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und trat im folgenden Jahr der NATO bei.

Der ewige Kandidat

Der größte Teil von Geremeks politischem Leben ist davon geprägt, es „fast geschafft“ zu haben. Fast wäre er 1991 polnischer Premierminister geworden, fast wäre er 2002 Hochkommissar für Menschenrechte der UN geworden und letztes Jahr wurde er fast zum Präsident des Europaparlaments gewählt. Diese Aufzählung politischen Pechs beweist, dass, auch wenn er einige Möglichkeiten verspielt hat, hoch angesehen ist und immer wieder als Kandidat für höchste politische Ämter gehandelt wurde.

In den letzten Jahren hatten Studenten des College of Europe, wo er den Lehrstuhl für Europäische Zivilisation innehat, die Möglichkeit, von seiner Erfahrung und seinen Ansichten zu profitieren. Er assistierte ebenfalls dem Belgischen Ministerpräsident Verhofstadt im Vorfeld der Gründung des Europäische Verfassungskonvent.

Nach der Niederlage in den Wahlen zum Sejm 2001, sagten viele den politischen Rückzug des „Professors“ voraus, wie er in der politischen Szene in Polen genannt wird. Stattdessen ist er jedoch bei den Wahlen 2004 zum Europaparlament, die er in Warschau mit einer satten Mehrheit gewann, auf die politische Bühne zurückgekehrt.

Als Intellektueller, Politiker und Freiheitskämpfer ist Bronislaw Geremek die Art von Mensch, die Europa dringend braucht: Jemand, der eher einen Wald als einen Haufen Bäume sieht. Jemand, für den die historische Perspektive wichtiger als kurzfristige Gewinne ist. Wir können und sollten Geremek als einen Gründervater eines neuen, vereinten Europas sehen.