Gesellschaft

Bosnien-Herzegowina: Ethnokratie aus der Wahlurne

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2008
Die offiziellen Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 5. Oktober werden zwar erst am 4. November bekanntgegeben. Das präsidiale Dreiergespann steht aber jetzt schon fest. Ein Spaziergang durch Sarajewo, wo die Ethnokratie den Sieg davongetragen hat.

Man muss den späten Nachmittag in Sarajewo abwarten, bevor man die Büros der UNO tatsächlich bemerkt, wenn man die Maršala Tita-Straße hinab läuft. Erst wenn die Sonnenstrahlen sich vom Westen verabschieden und sich am Glaspalast der Vereinten Nationen brechen, gibt das Licht den Blick von der Centralna Banka Bosne i Hercegovine, in einem Komplex faschistischer Architektur gelegen, oder von der nahegelegenen Fima Bank frei.

Eine Wahl der Volkszugehörigkeit

©davduf/flickrDie nationale Presse hat vor einigen Tagen die Verringerung der Polizeimission der Europäischen Union (EUPM) von 7.200 im vergangenen Jahr auf 1.140 angekündigt. Vielleicht liegt es daran, dass man auf den Straßen nur noch selten Leute in Uniform trifft. Die verbleibenden Einheiten sollen zu einer Europäischen Polizei umgewandelt werden, um - gemeinsam mit den einheimischen Kräften - die neuen Formen der Kriminalität zu kontrollieren, hier, wo es weder Gelder noch Investitionen gibt und die Anzahl der Bankgebäude die der Moscheen übersteigt. Die Filialen der italienischen Banken Unicredit und Intesa San Paolo allen voran. Man liest von Ermittlungen und Verhaftungen, vor allem wegen Bestechungsgeldern.

Auf der Tito gewidmeten Straße sieht man seit einem Monat jedoch hauptsächlich Gesichter von Politikern. Auf Propagandatafeln erinnern die Kandidaten an Schauspieler aus Fernsehserien, in Drei-Viertel-Aufnahmen vor farbigem Hintergrund mit Slogan darunter. Achtzig Parteien, die auch kleine ethnische Minderheiten vertreten, sind am 5. Oktober bei den Kommunalwahlen angetreten, gegenüber mageren 55 Prozent Wählern, die in der Mehrheit von “außerhalb Sarajewos” kamen.

Die Wahlkampagne war zu sehr auf nationale Themen ausgerichtet!

Das Ganze wird verständlich, wenn man sich die Kommentare im Fernsehen angeschaut oder festgestellt hat, wie schnell die Fußgänger an den Plakaten vorbeigegangen sind, ohne ihnen Beachtung zu schenken. “Die Wahlkampagne war zu sehr auf nationale Themen ausgerichtet und zu wenig auf Themen, die die Verwaltung vor Ort betreffen. Die, die wählen gegangen sind, haben es vor allem wegen ihrer Volkszugehörigkeit getan,” berichtet Jasmina, eine junge Literaturstudentin, während sie an die Uni zu einer Vorlesung sprintet. “Ich war nicht wählen,” fügt sie hinzu.

90 Prozent für Europa

©mzecflickrNach den Wahlergebnissen, die erst am 4. November offiziell werden, gewinnt der SNDS (Bund der Unabhängigen Sozialdemokraten) 32 und der SDA (Partei der Demokratischen Aktion) 28 Bürgermeisterposten. Die sozialistische Partei SDP schneidet hingegen schlecht ab.

Auf der Ferhadija, einer noblen Straße im Stadtzentrum, drängen sich zur Hauptverkehrszeit Jugendliche aus den umliegenden Schulen und Businessleute. Um als Tourist daran erinnert zu werden, dass es hier einen Krieg gab, reicht es aus, in eins der verbliebenen Granatlöcher zu stolpern, den Blick zu senken und sich zu fragen, warum sie mit rotem Mörtel abgedeckt worden sind. Währenddessen schlängelt man sich langsam zwischen den Leuten, die vor den Schaufenstern der internationalen Markenläden stehen bleiben, voran.

An einem kleinen Tisch in einer der zahlreichen schicken Bars liest Sjnan, ein Linguist mit slawischen Wurzeln, den Politikteil einer Tageszeitung: „Die Muslime der SDA und die Sozialdemokraten des SNDS haben gewonnen. Das ist keine Überraschung. Wen ich gewählt habe? Die Sozialisten,“ sagt er, während er einen türkischen Kaffee schlürft. „Das ist ein Kahvc. Die Buchstaben „hv“ werden wie „ff“ ausgesprochen. In Kairo habe ich sogar gehört, dass „kahvc“ die Bedeutung „Junge, kommt hierher“ hat. Das Wort „Kaffee“, das vom Italienischen „caffè“ ins Deutsche übernommen wurde und hier wie dort eines der meist gebrauchten Wörter ist (wie übrigens auch Tasse), hat also einen orientalischen Ursprung“, erklärt er, während er braunen Würfelzucker in seinem Kaffee versenkt.

©davduf/flickr

Der Kaffee und der Vorsprung der Muslime in den Urnen weisen auf das türkische Viertel hin, das sich einige Metrostationen entfernt am Ende der Ferhadija befindet. Die Mädchen kaufen ihre Kleider auf der Hauptstraße, das Gold und die Pashmina an den Verkaufsständen des Flohmarkts, der um die Gazi-Husrev-Beg-Moschee entstanden ist. Zu dem Kultort hat jedermann Zugang, auch Frauen ohne Schleier. Aber vor dem Betreten müssen die Schuhe ausgezogen werden. Die Frauen, die durch die Gassen des Viertels laufen, tragen die bunten Pashmina-Schals in ihren Taschen, obwohl sie fast alle muslimisch sind. “Wir sind nach dem Krieg konvertiert, weil die Mudschaheddin die ersten, wenn nicht die einzigen, waren, die uns gegen die Serben geholfen haben. Aber unser Glaube ist nicht fundamentalistisch oder terroristisch. Bosnien ist sogar sehr tolerant,” sagt Haris, die angibt, die SDA gewählt zu haben. “Hast du die Sterne der Europäischen Union auf den Plakaten bemerkt?” fragt Marko, ein Italobosnier. “Hier sind alle Parteien nationalistisch und gleichzeitig europäisch,” das Stichwort lieferte ihm ein Euro, den er auf dem Boden gefunden hat.“ Nationalisten sind sie auf unterschiedliche Weise (bosnisch, serbisch und kroatisch), aber Europaanhänger sind sie alle auf die gleiche Art.

Die politische Situation hier ist sehr komplex, das Land ist immerhin aus dem Dayton-Abkommen hervorgegangen.

Auch der italienische Botschafter in Bosnien-Herzegowina, Alessandro Fallavolita, spricht von den Beziehungen des slawischen Landes zur EU. “Bosnien möchte der Europäischen Union beitreten. Hierauf arbeitet das Land hin, und neunzig Prozent der öffentlichen Meinung verlangen dies. Aber die politische Situation hier ist sehr komplex, das Land ist immerhin aus dem Dayton-Abkommen hervorgegangen. 180 Minister und drei Parlamente sind auch für eine föderale Republik zu viel, die Bürokratie muss ‚verschlankt‘ werden. Dann muss die führende Klasse ausgetauscht werden: Um gewisse Feindschaften zu überwinden, ist es besser, dass junge Leute in die Regierung gehen und nicht die alten Feinde von einst. Die Ethnokratie muss wieder aufgehoben werden: Die Bosnier, die ihre eigene Unabhängigkeit wahren wollen, die Serben, die die Union wollen, und die Kroaten, die für eine bessere Vertretung kämpfen.” Dies teilt er uns am Ende einer Gedichtlesung mit, völlig unbeeindruckt von der Feierstimmung um ihn herum. “Der Nationalismus ist ein Problem. Ein erstes Sozialisierungs- und Stabilisierungsabkommen wurde am 17. Juni unterzeichnet, und es muss weiter auf den EU-Beitritt hingearbeitet werden: Der Balkan ist das Herz Europas, und Europa liegt der Balkan am Herzen.”