Gesellschaft

Blogger in Rumänien: Gepriesen von Terminator-Präsident Basescu

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2010
Inmitten von aggressiven Unternehmern, Medienstars, Wahrheitsverdrehern und Journalisten der neuen Medien blüht die Blogger-Landschaft in Rumänien. Der Präsident ist begeistert, die alt eingesessen Medien nicht. Das Land, welches neben Bulgarien und Italien nur ‘teilweise freie‘ Medien in Europa aufweisen kann, steht auf einem armseligen Platz 50 des Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen.

Neben Weihnachts- und Geburtstagswünschen ist die letzte Nachricht vom Februar ein Tweet an den rumäniischen Berlinale-Preisträger, Regisseur Florin SerbanIn einem Kommentar im September 2009 zur Krise der Zeitungsindustrie äußerte Barack Obama seine Besorgnis angesichts des weltweiten Anstiegs der Bloggerzahlen. Der amerikanische Präsident beschwor eine Zukunft herauf, in der „Menschen sich über einen Graben hinweg anschreien aber einander kaum verstehen werden“. Zwei Monate später schlug der rumänische Präsident Traian Basescu auf dem ersten World Blogging Forum 2009 in Bukarest einen ganz anderen Ton an. Nicht genug, dass er während seiner Ansprache im Parlamentspalast twitterte (@tbasescu, wen es interessiert); er lobte auch das Bloggen in den höchsten Tönen. Basescu erklärte, politische Analysen in rumänischen Blogs zu bevorzugen, weil Blogger ‘weniger abhängig‘ von wirtschaftlichen und politischen Interessen seien. Viele Journalisten suchten Zuflucht in einem Blog, um sich aus diesen Fesseln zu befreien und eine freie Berichterstattung liefern zu können, sagte er weiter. Blogger berichteten, dass daraufhin viele Journalisten den Saal verlassen hätten.

Korrupte, alt eingesessene Medien

alias Vali Petcu“Die Studentenorganisation ASLA (Teil des Instituts für Fremdsprachen und Literatur an der Universität von Bukarest) bekam über Nacht plötzlich einen Batzen Geld, um die Veranstaltung zu organisieren - "woher, das wissen wir nicht - und dann hat sich der Präsident da blicken lassen“, erinnert sich Bogdan Manolea, Geschäftsführer des Rumänischen Verbandes für Internet und Technologie APTI. „Das World Blogging Forum sah noch ziemlich unbeholfen aus, als er ins Boot geholt wurde. Außerdem hatte man ein Jahr Zeit, das Ereignis zu organisieren. Aber viele der rumänischen Blogger wurden nicht eingeladen.“Zoso alias Vali Petcu stimmt zu. Der 'Star-Blogger' in den Dreißigern ist vor allem dafür bekannt, dass ihm Präsident Basescu während seines Wahlkampfs mehrere Interviews gewährte. Sein Blog über soziale Fragen und Internet-Themen ist einer der meistgelesenen in Rumänien. 2009 lehnte Zoso sogar ab, ihn für 300.000 Euro zu verkaufen. "Keiner der respektierten Blogger aus Rumänien sympathisierte tatsächlich mit dem World Blogging Forum", sagt Zoso auf seinem Blog. "Einige von ohnen kritisierten das Programm, das kurz vor Beginn der Veranstaltung immer noch nicht stand." Der Gründer der besagten Studentenorganisation, Businessmann im Bereich Neue Medien und Berater für Intact Media Trust,Bogdan Gavrila, antwortete daraufhin in seinem Blog, dass rumänische Blogger vor allem wegen ihres ‘verletzten Egos’ zuhause blieben.

Intact Media gehört der Familie des Politikers und ehemaligen Geschäftsmannes Dan Voiculescu. „Das Unternehmen wird nicht als seriös angesehen“, erklärt Zoso. „Es steht ständig in der Kritik, zu lügen oder Nachrichten zu erfinden.“ „Die Großinvestitionen dreier Milliardäre aus der Liste der zehn reichsten Menschen des Landes, Sorin-Ovidiu Vintu, Dinu Patriciu und der bereits erwähnte Dan Voiculescu, in die Medien haben in Rumänien zu einem 'Eisberg-Effekt' geführt“, erzählt Liana Ganea von der Medienbeobachtungsagentur Active Watch. „Während der Wahlen 2009 haben ihre Zeitungen und Fernsehsender beispielsweise Stimmung gegen den Präsidenten gemacht. Die Internet-freundliche Haltung des Präsidenten rührt von diesen Anfeindungen in der traditionellen Presse her“, bestätigt Liana. Kein Wunder, dass Basescu für seine radikal medienfeindlichen Äußerungen bekannt ist. Ein berüchtigtes Beispiel dafür ereignete sich im Mai 2007, als er einer Journalistin ihr Telefon entriss und sie eine "dreckige Zigeunerin" schimpfte.

Politische Blogs in der Wirtschaftskrise

Von Basescus Absichten einmal abgesehen spielen Blogs eine wichtige Rolle in der Wirtschaftskrise, in der 3.000 Journalisten entlassen und etliche Publikationen, sogar online-basierte, eingestellt wurden. Die führende rumänische Zeitung Ziua (‘Der Tag’), die von dem Medienkonzern Realitatea-Catavencu des Milliardärs Sorin-Ovidiu Vintu herausgegeben wurde, war die erste Zeitung, die 1996 ins Netz ging, und wurde im Januar 2010 eingestellt. Mit ihr verschwand auch ein über ein Jahrzehnt geführtes Archiv. Der 2009 veröffentlichte Bericht zu den Folgen der Wirtschaftskrise für die Medien des Medienanalysten Iulian Comanescu nennt „mehrere Dutzend Blogger mit einer Besucherfrequenz von ein- oder zweitausend individuellen Besuchern, einer signifikanten Anzahl für die Verbreitung politischer Botschaften.“

Adrian Cioflanca ist etwas erstaunt, dass ich mich für seinen Blog, auf dem er unveröffentlichte amtliche Dokumente zur Verfügung stellt, interessiere. Sein größter Coup war die Stellungnahme des ehemaligen Präsidenten Ion Iliescu in den 1970er Jahren über Free Radio Europe; Cioflanca brachte ans Licht, dass der Präsident einst Mitglied der Kommunistischen Jugend gewesen war. „Beim Bloggen gibt es keine Hierarchie,“ sagt der Journalist, Universitätslektor und Historiker lächelnd, als ich ihn vor der Universität der Stadt treffe. „Wenn ich etwas Wichtiges veröffentliche, dann verbreitet es sich wie ein Virus und zieht bis zu eintausend Besucher an.“ Er bezeichnet den Niedergang des 'professionelleren Journalismus' als Paradox aber ist sich sicher, dass das Bloggen Potential hat. „Journalisten sind angepasst,“ räumt er ein, „aber in einer Kultur des Angepasstseins gibt es immer Leute, die sich dagegen stellen und Alternativen anbieten.“ Ist Traian Basescus Einsatz für das Internet sinnvoll? „In diesen Blogs wird nichts Brauchbares veröffentlicht“, klagt Bogdan Manolea. „Politiker nutzen nicht die Chancen und das Vertrauen der Öffentlichkeit, die sich durch regelmäßige Beiträge gewinnen ließen.“

Schwarze Schafe in der rumänischen Blogosphäre

Bloggen hat in Rumänien noch immer einen schlechten Ruf. „Der Austausch zwischen verschiedenen Blogs nimmt zu, aber er kann manchmal recht oberflächlich sein“, erklärt Bogdan Manolea über den regen Verkehr auf dem Piata Romana hinweg. „Blogger nehmen Links auf, um mehr Besucher anzuziehen und ihre Reputation zu erhöhen. Es ist einfach etwas zu veröffentlichen, ohne es 'zu verdauen' - den Leuten ist egal, ob es wahr ist oder sie machen sich nicht die Mühe etwas richtig zu stellen, wenn es nicht stimmt. An allen Vorbildern ist irgendetwas verkehrt, wir haben keine journalistischen Standards, kein Vorbild wie die BBC. Blogger, die sich als einsame Wölfe verstehen, lästern über andere oder üben Kritik an Spams durch Suchmaschinenoptimierung, indem sie Screenshots online stellen. Sie greifen zu harten Worten, ohne den anderen die Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen.“ Dem stimmt Magda Barascu zu. Sie hat ihre journalistische Karriere in Großbritannien begonnen und dann angefangen für Hotnews.ro zu arbeiten, eine Internetseite für Nachrichten, Features und Blogs, die 1999 von ehemaligen Finanzjournalisten gegründet wurde. „Ein Blogger, der ein etwas spezieller Mensch ist, hat uns ‘Fakenews‘ getauft und uns nach Rechtschreibfehlern durchforstet“, erzählt sie. Sie vermutet, dass der Blogger mit dem Namen der Seite User anziehen wollte. „In letzter Zeit reißt er sich aber etwas zusammen und lässt mehr Kommentare auf seinem Blog zu.“

Unterdessen macht sich Zoso nichts daraus, als 'Mitarbeiter der Securitate', des kommunistischen Geheimdienstes, bezeichnet zu werden. Er findet es gut, dass Blogs in einem gespannten Verhältnis zu einigen der alt eingesessenen Medien stehen. Im Mai 2008 schrieb Marius Tuca, Chefredakteur einer der großen Zeitungen und beliebter TV-Moderator: „Die rumänischen Blogger sind nichts weiter als Regenwürmer, die an die Oberfläche gekommen sind, ohne dass sie irgendetwas zu sagen hätten, und dort Gruppenmasturbation betreiben.“ Ihnen wird in der Blogosphäre der Arsch versohlt“, resümiert Zoso. „Sie haben ihre eigenen Blogs ständig in den Medien erwähnt und sind gescheitert. Tuca und seine Freunde kamen, sahen und siegten nicht.“ Egal, was der Presseindex sagt: im Namen der Unabhängigkeit werden die Blogger in Rumänien weiter machen.

Fotos: Traian Basescu offizielle Twitter-Seite, Zoso ©valipetcu.com/about