Gesellschaft

Biodiesel für Europa: Ansturm auf das grüne Gold im Senegal

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2009
Die Woche der erneuerbaren Energien in Europa findet vom 9. bis 13. Februar in Brüssel statt. Im Mittelpunkt der Debatten: die „Biokraftstoffe“ - kann Europa die grüne Karte spielen, ohne die Einwohner Westafrikas in die Hungersnot zu stürzen? Reportage in Vélingara, im Süden Senegals.

Ursprünglich wächst die Jatropha in Mittelamerika. Heutzutage wird die Pflanze in zahlreichen Ländern Afrikas und Asien wegen ihrem Öl, das zur Herstellung von Treibstoffen dient, angebaut. Es ist dieses „grüne Gold“, auf das die privaten Investoren Europas jetzt schielen. Und mit gutem Grund: Europa verfügt nicht über genug Boden, um den Bedarf an Biokraftstoffen zu decken und um sein hochgestecktes Ziel zu erreichen: 20% vom Gesamtverbrauch der 27 aus erneuerbaren Energien bis 2020.

©Alexandre PolackAfrika ist bereits dabei, das Eldorado für Investoren zu werden, die auf der Suche nach mehreren tausend Hektar sind. Gewisse Staatenlenker sind überzeugt davon, dass es für ihre nicht erdölproduzierenden Länder [wovon 2006 eine Vereinigung namens APANPP gegründet wurde] die historische Chance sei, den massiven Eintrag von Devisen zu sichern. Dieser Meinung ist auch der Präsident der Republik Senegal, Abdoulaye Wade. Der Staatschef will sich am faszinierenden Beispiel Brasilien orientieren, welches zum wichtigsten Produzenten und Exporteur von Biokraftstoffen geworden ist.

Jatropha kann man nicht essen, Reis schon

Diery Cissé unternimmt im Auftrag der norwegischen Gesellschaft Agro-Africa, die die Produktion von Biokraftstoffen in der Region Vélingara im Süden Senegals, 700 Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt, entwickeln möchte, die ersten Schritte bei den lokalen Behörden: „Wir haben die ländlichen Gemeinden gefragt, ob wir auf über 200.000 Hektar (ungefähr 10% der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen) produzieren können, und wir hoffen, dass wir unsere Produktion beginnen, damit wir 2010 unsere ersten Kunden beliefern können“, erklärt der junge Mann.

©Alexandre Polack

Diese sehr fruchtbare Region ist jene, die die senegalesische Regierung ausgesucht hat, um die Reisproduktion und -vermarktung wiederzubeleben und gegen die schwere Nahrungskrise zu kämpfen, die den Senegal heimsucht, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. „Die Biokraftstoffe werden unser Leben verbessern und unsere Mühen erleichtern“, sagt Demba Balde. Dieser kleine Produzent hat akzeptiert, Jatropha in seinem Dorf Goundaga zu pflanzen. „Ich habe sieben Kinder und im Moment produziere ich Erdnüsse, Soja und Mais. Ich habe aber die Hoffnung, dass der Verkauf von meinen Jatrophanüssen uns das Leben leichter machen wird.“

Gespaltene Bauern

Sein Optimismus wird bei weitem nicht geteilt: „Ich habe sehr große Angst vor dem, was passiert. Die Gemeinden hier sind derart hoffnungslos, dass sie bereit sind, alles zu akzeptieren, ohne die genauen Umstände der Entwicklung der Biokraftstoffe in der Region zu kennen“, erklärt zum Beispiel Moussa Mballo, Korrespondent des senegalesischen Radios Walf Grand place. „Ich habe die ersten Vorschläge, die mir gemacht wurden, mein Glück mit Jatropha zu versuchen, klar abgelehnt. Denn ich möchte nicht, dass wir zu landwirtschaftlichen Lakaien einer Firma werden“, erklärt seinerseits Abdou Tall, Mitglied des Bundes der Produzenten vom Anambé, dem Fluss, der das Tal bewässert und das Land fruchtbar macht. „Ich erhöhe lieber weiter meine Reis- und Maisproduktion. Stellen Sie sich vor, dass die weltweite Nachfrage sinkt und dass jetzt, wo wir alle unsere Anstrengungen darauf konzentriert haben, der Preis für Biokraftstoffe einbricht - unsere Situation wäre noch schlechter als jetzt und wir wären zur Hungersnot verurteilt. Jatropha kann man nicht essen, Reis schon.“

Beruhigender offizieller Diskurs

©Alexandre PolackDie senegalesischen Machthaber reagieren auf derartige Befürchtungen jedoch mit Ruhe. „Wir setzen alle Hebel in Bewegung, damit die entwickelten Projekte nicht die Sicherheit der Nahrungsversorgung der Senegalesen beeinflussen“, versichert Sana Faty, Verantwortlicher für Biokraftstoffe im Ministerium für Umwelt in Senegal. „Der Präsident war sehr deutlich und wünscht, dass die Produktion in erster Linie auf die lokalen Bedürfnisse ausgerichtet wird.“

In Vélingara kommt die offizielle Botschaft nicht leicht an: „Es ist klar dass, wenn man die Größe der von privaten Investoren aus Europa und anderswo geforderten Flächen sieht, das Ziel eine Massenproduktion für den Export ist“, erklärt Konate, der die Kooperativen der Bananenproduzenten in der Region Tamcacouda betreut und mit der NGO Action Aid eine Studie durchführt, die, zu Recht, die Auswirkung der Herstellung von Biokraftstoffen auf die Sicherheit der Nahrungsversorgung im Senegal evaluiert. „Ich war von diesem Ansturm wirklich überrascht, von der Größe der geforderten Flächen und vom Mangel an Informationen, der unter kleineren Produzenten herrscht“, fährt er fort. Der junge Produzent schließt daraus: „Es ist notwendig, eine schnelle Sensibilisierungsarbeit der Gemeinden zu entwickeln, denn die aktuell gemachten Entscheidungen werden eine immense Auswirkung auf unsere und die zukünftigen Generationen haben.“