Gesellschaft

Beşiktaş: Engagierter Fußball made in Türkei

Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
In Istanbul ist es eine Identitätsfrage, an welchen Fußballverein man sein Herz hängt. Während Galatasaray für den Adel und Fenerbahçe für den asiatischen Teil Istanbuls stehen, hat sich Beşiktaş selbst zur „Mannschaft des Volkes“ (halk takim) erklärt.
Aber bei Beşiktaş geht die Anhängerschaft über das reine Fan-Sein hinaus: Markige Parolen zieren die Transparente, die Fans marschieren bei politischen Demonstrationen mit – und dann ist der Vorsitzende auch noch Armenier… Die Beşiktaşli stehen für den sozialen Fortschritt und die Integrität des Fußballs. Cafebabel.com hat sich mit einigen dieser politisch engagierten Fans getroffen.

Die Beşiktaş-Galaxie basiert auf einem verrückten Mix ideologischer Sichtweisen: Die Fans unterstützen nicht nur Atatürk (man munkelt, der Vater der türkischen Republik sei ein Fan des Clubs), sondern auch CheGuevara. Die Mitglieder von Çarşı, dem symbolträchtigen Beşiktaş-Fanclub, ergänzen diese wahnwitzige Zusammenstellung mit einem Logo, das ein rotes „A“ (wie Anarchismus) ziert. Doch keiner stört sich an diesen „äußerlichen Ungereimtheiten“. Denn geht es hier nicht eigentlich darum, Spaß zu haben?

Fußballfans pro Orhan Pamuk und Tierschutz

A priori ja. Nur hat bei Beşiktaş der sportliche Fanatismus politische Züge angenommen. Die fortschrittliche Ideologie der Fans wirkt im türkischen, wesentlich von Hass geprägten Sport-Universum geradezu außerirdisch. Abgesehen von den sportlichen Resultaten gründet sich der Stolz der Beşiktaşli darauf, seine manchmal marginalen und wenig debattierten Meinungen in der türkischen Gesellschaft zum Besten zu geben. Dabei mangelt es den Anhängern nicht an Themen: von eher anekdotenhaften, wie dem Abschlachten von Robbenbabys und der Gaspreiserhöhung, bis hin zu eher polemischen, beispielsweise die Unterstützung von Orhan Pamuk und seiner Äußerungen zum Völkermord in Armenien. Sei es Rassismus, Umweltverschmutzung oder soziale Ungerechtigkeit, die Beşiktaşli prangern alle gesellschaftlichen Mängel an und wachen über die Integrität ihres Lieblingssports. Unter den Drahtziehern dieses in alle Richtungen gewandten Aktivismus taucht ein Name immer wieder auf: Çarşı.

„Çarşı ist gegen alles!"

Çarşı, eine Gruppe unabhängiger Fans, die im Jahr 1982 gegründet wurde, ist zum Symbol geworden. Der Name bedeutet wörtlich „Basar, Markt“ und bezieht sich natürlich auf das Händlerviertel, in dem der Club entstanden ist. Im Fußballtempel, dem Inönü-Stadion, regiert traditionell Çarşı. Die Gruppe ist infolge des Putsches von 1980 entstanden, in einer Zeit, als in der türkischen Gesellschaft eine starke Polarisierung zwischen Links und Rechts herrschte und die Meinungsfreiheit sehr eingeschränkt war. (Parteien und Gewerkschaften waren verboten.) Haben die Mitglieder von Çarşı durch ihre Bereitschaft, gesellschaftliche Fragen anzusprechen, und durch ihre Teilnahme an politischen Demonstrationen die Fan-Tribünen in Plattformen politischen und sozialen Protests verwandelt? Tanıl Bora, Politologe und Autor vieler Studien zum türkischen Fußball, meint: „Es wäre falsch, Çarşı als einen Politikersatz zu betrachten.“ Es stimme natürlich, dass „politisierende Leute, die Jugend und die Populärkultur ihre Schlagwörter und Witze als eine Art Gemeingut ausgebeutet haben“. Doch es sei „ein Irrtum, dass Çarşı einen ‚hegemonialen’ Einfluss auf die öffentliche Sphäre ausübt“.

In der Tat ist Çarşı ein Synonym für eine rebellische Haltung geworden. Die Rhetorik lässt aber nie einen gewissen Humor vermissen. Durch die Macht der Wiederholung ist der Slogan „Çarşı ist gegen alles!“ Kult geworden, auch außerhalb des Fußballs. Er gibt perfekt die ikonoklastische Einstellung seiner Mitglieder wieder.

Der Armenier in den Reihen der Türken

„Die Menschen versuchen immer wieder zu verstehen, wie ein armenischer Türke in einem muslimischen Land zu einer solchen Position kommen konnte!“

Es ist sehr schwer, die fantastische Slogan-Maschine zu verstehen, ohne sie selbst erkundet zu haben. Sein Hauptvertreter, amigoAlen, besteht auf das Fehlen einer Hierarchie: „Bei Çarşı gibt es keine Anführer, nur Unterstützer.“ Und zum demokratischen Ansatz sagt er: „Unterschiede in der politischen und religiösen Einstellung sind für uns unwichtig.“ So hat der Mann, der lange Zeit die Rednerbühnen anheizte und es zu einer unglaublichen Prominenz in den Medien schaffte, die Besonderheit, Armenier zu sein. Und es ist eine Ironie des Schicksals, dass Alen Markaryan zugeben muss, seine Herkunft habe zu seiner Berühmtheit beigetragen, „denn die Menschen versuchen immer wieder zu verstehen, wie ein armenischer Türke in einem muslimischen Land zu einer solchen Position kommen konnte!“ Wenn man dabei zusieht, wie die Menschen im Stadion auf sein Kommando hin innerhalb von Sekunden verstummen oder kollektiv in Euphorie ausbrechen, lässt seine Popularität unter den Beşiktaş-Anhängern keinen Zweifel aufkommen.

Es ist ein fast ein Wunder, wie es der Fanatismus für den Sport und die kollektive Unterstützung einer Mannschaft geschafft haben, die krampfhafte Diskussion um nationale Identität hinter sich zu lassen.

Mannschaft des Volkes vs. moderner Fußball

„Biz seni sevinmek için sevmedik“: Wir lieben euch nicht, um glücklich zu sein. Dieser Satz versinnbildlicht die starke Bindung der Beşiktaş-Fans zu ihrer Mannschaft; die Beşiktaşli kommen nicht nur ins Stadion, um ihre Mannschaft siegen zu sehen. Doch diese bedingungslose Liebe wird getrübt. Der Grund dafür ist die wirtschaftliche Liberalisierung der türkischen Gesellschaft und die damit verknüpfte Vermarktung des Fußballs. Der moderne Fußball wird bestimmt durch wahnwitzige Transfers, das ständige Entlassen von Trainern, die für eine verpatzte Saison geradestehen müssen, und eine stete Erhöhung der Ticketpreise, was die traditionellen Vereinswerte zerstört: Bescheidenheit, Arbeitsamkeit, Opferbereitschaft und Solidarität.

Ein kleiner Kreis Enttäuschter unterstützt daher seit diesem Jahr lieber einen kleinen Provinzverein. Der Verein von Karabük, einer Industriestadt im Westen des Schwarzen Meeres, wird von einer Gewerkschaft finanziell unterstützt. Trotz der geringeren Mittel schaffte es der Club aufgrund eines gesunden Managements wieder in die Süperlig. So steht auch diese Abwanderung der Fans für die rebellische Haltung der Beşiktaşli. Um das Motto von Çarşı neu zu formulieren, könnte man fast sagen, die Beşiktaşli seien gegen alles, sogar gegen Beşiktaş.

Die Autorin bedankt sich bei allen, die diese Reportage inspiriert und unterstützt haben: Özcan, Bülent, Dilek, Aliçan und Inan. Vielen Dank auch an Burcak Fakıoglu für die Übersetzungen.

Dieser Artikel ist Teil unserer cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter 2010/11.

Fotos: Homepage (cc)ayhang/flickr; Schals und Taxis ©Tania Gisselbrecht; Che-Schal und Training der Besiktas ©Nemanja Knežević