Gesellschaft

Berlin, live aus einem Swingerclub

Artikel veröffentlicht am 25. August 2010
Artikel veröffentlicht am 25. August 2010
Jung und üppig liebt Berlin dich und lebt seine Libido ohne Scham aus. Neugierig, La vie en rose zu entdecken, macht sich ein durchreisender Italiener auf Erkundungstour durch die erotischen Nischen der deutschen Hauptstadt.
Weit entfernt von den „Sex-Ghettos“ Amsterdams und der scheinheiligen Abdeckung, die über die prüden Schultern seiner Heimat Italien geworfen werden, bahnt er sich seinen Weg zwischen entblößten Körpern. Einblicke.

Für nur 70 EUro gibt es im Swingerclub "Zwiespalt" das volle ProgrammDas Schild kann noch so sehr darauf hinweisen, dass die Anzahl der Personen, die sich in dem Bad aufhalten dürfen, auf sechs beschränkt ist - selbst das scheint mir zu viel. Dieses Spa ist wirklich überhaupt nicht geräumig. Wir sind schon zu dritt. Nachdem ich den Ort selbst und das Ausmaß unseres jeweiligen Umfangs taxiert habe, komme ich zu der Einschätzung: Drei Personen mehr und wir erreichen sofort den demographischen Höhepunkt. Und das, ohne das Risiko einzukalkulieren, dass sich durch eine plötzliche Steigerung der Anzahl der Gäste die bereits entstandene Hitze abkühlen könnte. Die zwei Deutschen, in deren Nähe ich bade (ein haariger, mit Tattoos bedeckter Typ und eine Blondine, die ab und zu an ihrem Cocktail nippt), denken, dass sie mir einen Gefallen tun, indem sie das italienische Lied Azzuro anstimmen. Um ehrlich zu sein, gefällt mir das sogar. Immerhin teilen wir uns dasselbe Bad und ich bin gut drauf. Umso mehr, als das alles unter uns bleibt. Wenige Augenblicke vorher, selber Ort: Eine auf einer roten Luftmatratze sitzende Neunzigjährige, ungeduldig darauf wartend, an beiden Enden durchgenommen zu werden, schreit ekstatisch: „Geil! Geil!“ Kein Grund, schockiert zu sein. Wir befinden uns in der Swingeroase Zwiespalt und das Menü lautet „Sexorgie“. Alles in allem ein fast gewöhnlicher Berliner Mittwoch …

Entspann’ dich!

Sauna, Wasserstrahl-Massagen, Dusche, Buffet, unbeschränkter Konsum von alkoholisierten Getränken, stark alkoholisiert und sogar ganz ohne Alkohol … Der für zwölf Stunden gültige Pass (9 bis 21 Uhr) gibt dir das Recht auf all diese Dienstleistungen … und auf all die Frauen, die in Begleitung ihrer Ehemänner aufgetaucht sind. Nur 70 Euro! Im Preis inbegriffen: Ein Handtuch, das als einziges Bekleidungsstück dient, ein Paar ordnungsgemäßer Schlappen, ein persönliches Ablagefach und Kondome. Für mich als Italiener, der ich nun einmal bin, erschien mir so ein Luxus bisher für unsere Politiker reserviert, auf deren Kontoauszügen bei „Haben“ siebenstellige Beträge stehen. Durch das Beobachten und die begehrlichen Blicke auf die nackten Frauen, die an mir vorbeigehen zeigt sich natürlich zwangsweise, dass ich Italiener bin … Nicht nur, dass es sich zeigt, nein, das gehört sich auch nicht! Am Wenigsten an der Bar, in der Sauna oder im Bad – das sind „reine“ Bereiche, in denen es lediglich erlaubt ist, sich zu unterhalten, eventuell etwas zu trinken. Und nicht mehr.

Zusammen nackt sein, ohne Hintergedanken: Ich glaube jetzt ein wenig besser zu verstehen, was Nudisten mit „den Geist reinigen“ meinen. Für mich ist das überraschend. Immerhin komme aus einem Land, in dem Nudisten kaum tolerierter sind als eine Pestbeule mitten im Gesicht. Toleriert, vorausgesetzt dass man sie mit einem Minimum an Kollateralschäden entfernen kann - ohne es jedoch zu versäumen, im Vorbeigehen ordentlich zu spannen. Angesichts meiner verzweifelten Miene versucht meine Nachbarin, mir eine ungefähre Übersetzung des Verbs „entspannen“ zu geben: „Wir sind hier, um den Stress loszuwerden“ fasst sie zusammen, bevor sie fragt: „Habt ihr sowas in Italien nicht?“ Auch wenn in meinem Kopf eine Unzahl von widersprüchlichen Antworten herumschwirren – ich ziehe es vor, mich an ein lakonisches „Nein“ zu halten. Außerdem bin ich an der Reihe, Azzuro anzustimmen.

Für jeden Geschmack etwas

Auf dem Weg durch die Stadt lässt sich das ein oder andere erotische Highlight entdeckenLinie 8 der Berliner U-Bahn, auf dem Plan in blauer Farbe, durchquert Berlin von Norden nach Süden. Von Wittenau zur Hermannstraße, wo ich mich befinde, dauert die Reise 45 Minuten. Auf der Strecke mangelt es nicht an Gelegenheiten. Clubs, Bordelle: Für jeden Geschmack ist etwas dabei! Einer der meistbesuchten Orte ist Tiffany, die frivole „Mondschein“-Bar lädt mit einem Stundenpass für 35 Euro versehene Gäste zwischen 12 und 18 Uhr zum Entspannen ein … in Gesellschaft von vier oder fünf Mädchen. Ideal für die Mittagspause oder als Abschluss eines harten Arbeitstags. Egal wo ich hingehe, die gleiche Leier: „In Italien habt ihr das alles nicht?“ Ich haue ab … Man lässt nicht locker: „Na klar, bei euch gibt es ja den Papst!“ Ich antworte knapp: „Nun – ja.“ Aber man beharrt: „Eure Politiker, die genieren sich aber trotzdem nicht. All diese Sex-Skandale!“ Da komme ich um eine Erwiderung nicht herum: „Das bedeutet also, man muss einen bestimmten Status haben, um sich bestimmte Dinge erlauben zu können.“ In einem Ton, der nichts Gutes erahnen lässt, vertraut mir eine Schwedin an, dass bei ihr die Beschränkungen strenger sind: „Das ist komplett verboten, alles spielt sich im Untergrund ab.“

Kein Bedarf nach « Sex-Ghettos »

Berlin, wo Sex nicht tabu ist, genießt nicht den Ruf Amsterdams oder anderer Hauptstädte weiter im Osten. Die besten Adressen werden in allen Reiseführern angeführt. Sogar Lonely Planet hat seine Zensur gelockert und listet in großer Ausführlichkeit die „musts“ des berlinerischen Eros auf. Die Erotikszene Berlins hat dabei aber nichts Zwielichtiges. Keine zweifelhaften Neonreklamen, nicht das kleinste dubiose Zeichen. Mit Ausnahme vielleicht der Prostituierten, die auf der Oranienburger oder Rosenthaler Straße entlang defilieren, wild entschlossen, sich auf den Touristen zu stürzen, der sich ein wenig zu weit in Richtung ihrer Stiefel und Strapse vorwagt. Von diesen Überlebenden des sexuellen Massenkonsums abgesehen, die dem Film Sin City entstiegen sein könnten, wissen die Einheimischen ohne Weiteres, was sie suchen und wo sie es finden können. Im Schatten der Siegessäule entblättert sich der Freiluftkatalog der lokalen Lesben- und Schwulenszene. Ein mit roten Kreisen übersäter Plan weist sogar auf die „sensiblen“ Punkte ringsum hin, aber nichts gleicht einem „warmen“ Viertel oder einem „Sex-Ghetto“. Berlin ist jung. Die Stadt schämt sich nicht für ihre Üppigkeit und … Berlin liebt dich!

Fotos: Logo ©jimbus.org/flickr; ©rubenwojtecki/flickr; ©A. Fontalive./flickr