Gesellschaft

„Berlin ist so friedlich – in Warschau geht man wütend ins Bett”

Artikel veröffentlicht am 13. August 2013
Artikel veröffentlicht am 13. August 2013

Die deutsch-polnische Buchhandlung Buchbund findet sich dort, wo Neukölln am buntesten ist. Neben orientalischen Spezialitäten und Krimskrams-Läden gibt es hier seit eineinhalb Jahren auch die Möglichkeit, Polnisch zu lernen. Seit Februar 2012 führen die studierten Polonisten Joanna Kulas (*1986) und Mikolaj Gołubiewski (*1985) dort die Sprachschule Polka Dot. 

Cafebabel: Was genau unterscheidet das Polka-Dot-Konzept von anderen Sprachschulen?

Joanna: Wir lehren ausschließlich auf Polnisch. Das kommt den Schülern am Anfang natürlich sehr schwierig vor – was auch daran liegt, dass man in Deutschland nicht so oft nur anhand der Zielsprache gelehrt wird. Uns ist außerdem wichtig, dass wir immer die Herkunft der Wörter erklären: Es vertieft das Sprachwissen!

Mikołaj: Deutsch und Polnisch haben die gleichen Sprachwurzeln. Deshalb arbeiten wir vor allem mit Internationalismen, also mit Wörtern, die auf Deutsch und Polnisch ähnlich sind. Wir benutzen zum Beispiel das Adjektiv „klarowne“, was „klar“ bedeutet. Im alltäglichen Sprachgebrauch würden wir ein anderes Wort benutzen, aber „klarowne“ kommt aus nun mal dem Deutschen. 

Cafebabel Berlin: Welche sind die größten Unterschiede zwischen Deutsch und Polnisch?                                                                                                             Mikołaj: Die Sprachen sind in der Tat sehr verschieden. Auf der anderen Seite gibt es im Deutschen einige polnische Wörter, wie „Gurken“. Und im Polnischen gibt es sehr viele deutsche Begriffe, wie „Kneipe“. Aber auch falsche Freunde: Zum Beispiel bedeutet „stół“, was wie „Stuhl“ ausgesprochen wird,  auf Polnisch „Tisch“. 

Joanna: Polnisch ist eine der ältesten slawischen Sprachen. Deshalb ist es auch so schwierig: Viele der alten Formen gibt es noch. 

Mikołaj: Russisch und Deutsch sind deswegen regelmäßiger, weil sie irgendwann einmal normalisiert und gesetzlich festgelegt wurden. In Polen gab es so eine Regelung von oben nicht.

Ähnlich begeistert wie von der polnischen Sprache sind Mikołaj und Joanna von Berlin. Als es darum geht, was ihnen an der Stadt nicht gefällt, schüttelt Mikołaj den Kopf: „Es gibt so viele Vorteile, hier zu leben. Berlin ist viel friedlicher als Warschau.“

Cafebabel Berlin: Welche?

Mikołaj: Berlin ist polyzentrisch und man kann seinen Tag gut organisieren. Warschau hingegen ist sehr hektisch und cholerisch. Es ist toll, aber abends geht man wütend ins Bett. Hier haben wir außerdem das Gefühl, unsere Arbeit als Lehrer wird wertgeschätzt. An viele Dinge mussten wir uns aber auch erst gewöhnen und anpassen. Was wir wirklich gar nicht mögen, sind die Zahnärzte (lacht). Stattdessen gehen wir zu einem Zahnarzt in Stettin. Deutsche Zahnärzte gucken sich deine Zähne an und schlagen dann eine Behandlung vor – für nur schlappe 2000 Euro!                                                                                                                                                           

Cafebabel Berlin: A propos Anpassung: Was ist eurer Meinung nach der größte Unterschied zwischen Polen und Deutschland?

Joanna: Wir sagen immer, dass die Polen anbieten, während die Deutschen fragen. Folgendes Beispiel: Zwei Freunde werden am nächsten Tag dieselbe Strecke von Warschau nach Danzig reisen. Der eine hat ein Auto, der andere nicht. In Polen ist es an dem Autobesitzer, seinen Freund zu fragen, ob er ihn mitnehmen soll. In Deutschland müsste derjenige ohne Auto den anderen darum bitten, mitgenommen zu werden. In Polen gilt ein „Nein“ als unhöflich, in Deutschland ist es kein Problem.

Cafébabel Ber­lin: Voi dite che Ber­li­no è molto più pa­ci­fi­ca di Varsa­via. Cosa vuol dire?

Cafebabel Berlin: Fehlt euch an Polen etwas?

Joanna: Die lebendige Sprache. Zwar leben Mikołaj und ich zusammen und benutzen die Sprache täglich, aber das ist kein wirklicher Sprachaustausch, wie er im Heimatland stattfindet. Deshalb würde ich gerne wieder eine Zeitlang in Warschau leben und mich mit anderen Leuten unterhalten.

Mikołaj: Mir fehlt eher das Gefühl der Sicherheit. Inzwischen haben wir natürlich ein paar deutsche Freunde, eine Gemeinschaft. Gerade am Anfang war es jedoch sehr hart.

Für richtiges Heimweh ist im Leben des Paares eigentlich wenig Platz: Wenn sie Deutschen nicht die Feinheiten der polnischen Sprache beibringen, verbringen Joanna und Mikołaj ihre Zeit vor allem an der Uni: Sie macht einen Master in Tanzwissenschaften, er seinen Doktor in American Studies.

Cafebabel Berlin: Idealerweise soll das Studium einen auf den späteren Job vorbereiten – das funktioniert manchmal aber nicht so gut. Wie seht ihr das?

Joanna: Ich studiere Tanzwissenschaft – im Kulturbereich gibt es leider nicht viele Jobs. Und man ist nicht so offen für Immigranten, was daran liegt, dass man perfekte Deutschkenntnisse braucht. Aber immerhin: Wir haben Polnisch studiert und arbeiten nun als Polnischlehrer.

Mikołaj: Wir würden uns gerne dauerhaft in Berlin niederlassen. Wahrscheinlich müssen wir vorher aber nochmal für einige Zeit in die USA. Ich hoffe, dort eine Post-Doc-Stelle zu bekommen und Joanna eine Doktorandenstelle. Wenn wir ein akademisch orientiertes Leben in Deutschland haben wollen, müssen wir es dementsprechend vorbereiten. In Berlin bekommen wir Respekt und können noch so viel mehr machen – es dauert nur länger. Wir sind sicherlich ungeduldiger, weil wir aus Warschau kommen, wo alles an einem Tag passiert.