Gesellschaft

Berlin: Ein Italiener erprobt sich im 'Türkisch für Anfänger'

Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2012
Ein deutsch-türkisches Paar beschließt, sich mit seinen Kindern mitten im Herzen des modernen Deutschland niederzulassen. Und schon haben wir die Kulisse von Türkisch für Anfänger, einer erfolgreichen deutschen TV-Serie, die der Ausgangspunkt für eine Umfrage zur Integration der türkischen Gemeinschaft in Deutschland ist. Stippvisite nach Berlin-Kreuzberg.

Türkisch für Anfänger war die erste deutsche Serie, die sich der türkischen Frage aus einem originellen Blickwinkel heraus widmete - dem der Ironie. 2012 kam auch ein Film zur Kult-Serie heraus. Für diejenigen, die die Geschichte nicht kennen, hier eine kurze Zusammenfassung: Doris, Mutter, Deutsche und Psychologin, trifft Metin, einen Polizisten türkischer Abstammung. Die beiden verlieben sich ineinander und beschließen, eine richtige Familie zu gründen, zu der auch Lena und Nils, die Kinder von Doris, sowie Yagmur und Cem, die Kinder von Metin gehören. Die Höhen und Tiefen der Geschichte werden aus den Augen von Lena betrachtet, die in stetigem Konflikt mit Cem liegt, einem Teenager, der das Klischee eines jungen türkischstämmigen Machos aus der Vorstadt verkörpert.

Eigentlich ist Türkisch für Anfänger nur eine Geschichte, die das Leben einer Familie im multikulturellen Berlin nach 1989 erzählt. Aber handelt es sich um eine wirklichkeitsgetreue Abbildung der deutschen Gesellschaft oder um pure Fiktion? Um das herauszufinden, bin ich in die deutsche Hauptstadt gefahren, die auf 3,4 Millionen Einwohner etwa 130 000 Türken zählt. Das ist die größte Dichte in Europa außerhalb Ankaras. Die türkische Gemeinschaft ist in den sechziger und siebziger Jahren nach Berlin gekommen und hat sich anschließend in den Vierteln von Westberlin, hauptsächlich in Kreuzberg und Neukölln, angesiedelt. Noch heute sind sie die Multikulti-Viertel der Stadt. Kreuzberg ist, zumindest teilweise, in Mode gekommen, doch Neukölln bleibt weiter ein „schwieriges Viertel“.

Wahrer Multikulturalismus oder eine Art, Geschäfte zu machen?

Es genügt durch die Straßen zu laufen, um zu erkennen, dass der Multikulturalismus das tägliche Brot der Anwohner ist. Aber nichts was ich sehe, lässt mich an „Integration“ denken. Die verschiedenen Ethnien, vor allem die Deutschen, scheinen sich nur zu vermischen, um auf dem Markt oder in den Läden einkaufen zu gehen. Es sind Gruppeneines , die letzten Endes nur gemeinsam haben - dass sie in derselben Stadt wohnen. Wo sind die gemischten Familien? Nirgendwo! Das ist der erste Beweis dafür, dass die Serie in Wirklichkeit eine von einer Minderheit in Berlin gelebte Situation erzählt.

Diese Sichtweise teilt auch Sezen Tatlici-Ince, eine junge Frau mit türkischen Wurzeln und Präsidentin des Vereins Typisch Deutsch, die ich am Potsdamer Platz, dem Mittelpunkt der deutschen Wiedervereinigung, treffe. Hier fand vor einigen Wochen das Berlin-Istanbul Festival statt - zweifelsohne symbolisch. Auf die Frage: „Gibt die Fernsehserie die Realität wieder?“, antwortet sie: „Ich kann mit Sicherheit behaupten, dass dem nicht so ist. Eine wahre gemischte Familie sieht so nicht aus. Es gibt einige wenige Paare dieses Typs, aber für die, die sich entschieden haben zusammen zu leben, stellt sich die Frage des Unterschieds überhaupt nicht. Sie sind so gut integriert, dass die Übertreibungen, die man in der Serie findet, nicht existieren können.“

Eine geteilte Verpflichtung

Sezen erklärt uns mit Nachdruck ihre Meinung zur aktuellen Situation: „In Deutschland ist der Multikulturalismus Realität. Natürlich ist nicht immer alles rosig, aber ich bin sicher, um die Barrieren einzureißen, muss man zuallererst die 'Normalität' suchen. Zum Beispiel die Tatsache, dass Menschen verschiedener Herkunft in der Bank oder auf der Post arbeiten. Dabei sind die großen und kostspieligen Projekte der Regierung unnütz. Wir müssen vielmehr Initiativen vor Ort unterstützen, mit den Jugendlichen aus den schwierigen Vierteln sprechen und ihnen zeigen, dass sie da rauskommen.“

Sezen hat selbst gezeigt, dass Integration möglich ist. Auch in der Serie wird Integration deutlich, denn Metin ist Polizist. Anders gesagt, ein Beruf, dem man eine symbolische Bedeutung beimisst und sicherlich keine zufällige Wahl des Regisseurs.

Von 'Normalität' berichtet auch Ben Serder Bulat, ein Student türkischer Abstammung, der in Deutschland geboren und groß geworden ist. Ben hat mich auf meiner Entdeckungstour durch das multikulturelle Berlin begleitet und mir seine Geschichte in einem der Kebab-Häuser am Kottbusser Tor mitten in Kreuzberg erzählt: „Also, ich fühle mich als Berliner. Ich bin hier geboren, habe hier studiert, und meine Freunde sind sowohl deutschen als auch türkischen Ursprungs. Ich weiß, das ist nur meine eigene Erfahrung. Ich bin mir darüber bewusst, dass es noch andere Realitäten gibt, vor allem in den Schulen in Vierteln, in denen man nicht deutsch spricht, weil die Mehrheit der Schüler Türken sind. Darauf sollten wir unser Hauptaugenmerk richten und den Jugendlichen erklären, dass die Integration eine Realität ist, und dass sie nur zur Normalität wird, wenn man sich auch dahingehend engagiert. Ein Engagement, das aber von beiden Seiten kommen muss.“

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„Es ist normal, dass die deutsche Gesellschaft nicht mehr die ist, die sie vor 40 Jahren war“

Ob Türkisch für Anfänger tatsächlich die Berliner Realität widerspiegelt erklärt mir auch Christina Heuschen, eine deutsche Studentin, die die Serie in ihrer Bachelorarbeit analysiert hat. „Ich persönlich glaube nicht, dass die Sichtweise der Protagonistin repräsentativ dafür sein kann, was die Jugendlichen zu diesem Thema denken. In Wirklichkeit hängt das von Einzelsituationen ab. Wenn du in deinem Leben nie jemanden aus einer anderen Kultur kennen gelernt hast, ist die natürliche Reaktion, den im Film gezeigten Stereotypen Glauben zu schenken. Aber allein die Tatsache, darüber offen und selbst in einem ironischen Ton zu sprechen, ist ein Schritt nach vorn. Denn es ermöglicht der breiten Öffentlichkeit zu verstehen, dass die deutsche Gesellschaft nicht mehr die ist, die sie vor vierzig Jahren einmal war.“

Ohne Kommunikation scheint Integration also nicht möglich. Wer weiß, ob eine ironische Serie über Geschwister, die von nun an zusammenleben, und ein türkischer Polizist nicht den Beginn dieser Normalität darstellen, nach der so verzweifelt gesucht wird. Ich habe in den letzten Tagen ein wenig von dieser Normalität erlebt, habe junge Türken getroffen, die studieren, arbeiten und stolz sind, Deutsche zu sein.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 MULTIKULTI on the ground. Vielen Dank an das Localteam in Berlin.

Illustrationen: ©Facebook-Seite der Serie Türkisch für Anfänger; Video: Family Mix (cc)bugbenny/YouTube