Gesellschaft

Bergbau in Polen: Warum junge Leute Kohle scheffeln

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016

Sie verschmutzt die Umwelt und ist unrentabel. Ganz Europa zeigt mit dem Finger auf sie - die polnische Kohle. Doch unser Nachbar heizt und produziert weiterhin mit ihr Strom. Besonders junge Polen lassen sich von den düsteren Zukunftsprognosen aus Brüssel und dem wachsenden Druck von außen nicht beirren. Sie halten an ihren Minen fest.  

Michal nimmt in einem der überheizten Hörsäle der Universität AGH in Krakau Platz. Bald wird er sein Ingenieur-Diplom in den Händen halten und in der Kohlemine in die Fußstapfen seines Vaters treten. Im Alter von 24 Jahren führt der junge Pole die Tradition des Kohleabbaus im Süden des Landes fort und drückt dafür die Schulbank an einer der renommiertesten technischen Hochschulen für Metallurgie und Kohlebergbau des Landes. Doch wie lange wird er von seiner Arbeit in den Minen leben können? Wie lange wird sein Körper der schweren Belastung standhalten? Im Gegensatz zu seinem Vater sorgt sich der schüchterne Michal um seine Zukunft. Steinkohle ist heutzutage nicht mehr viel Wert. Minen werden geschlossen. Europa drängt Warschau, die Investitionen in den Kohleabbau zu stoppen. 

Die Heizkessel laufen auf Hochtouren. Es ist nebelig. Das Wawel-Königsschloss wird von der grauen Masse fast gänzlich verschluckt, nur die Spitze ragt hervor. Die niedrigen Wolken in Krakau gehen nicht nur auf die Rechnung des harten polnischen Winters. Der leichte Schwefelgeruch der Kohle hängt in den Straßen der Stadt. Hauswände haben sich geschwärzt. Krakau, die alte Königsstadt in Polen, führt im europäischen Vergleich diejenigen Städte an, die am stärksten unter Feinstaub leiden. Die Kohle hat sich in den Lungen und in den Herzen von Kleinpolen, der Region um Krakau, festgesetzt.

Kohle im Blut

Immer mehr Fahrradfahrer und Flyer-Verteiler haben sich zum Schutz vor der verschmutzten und kalten Luft weiße Atemschutzmasken zugelegt. In Polen sterben laut der NGO Health jährlich 3500 Menschen vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung und des Kohleabbaus. Im Oktober letzten Jahres hat die Krakauer Stadtverwaltung dem Kohle-Sektor einen harten Schlag versetzt:  Sie hat den Einwohnern verboten,  mit privaten Kohleöfen zu heizen. 4 von 14 Hauptminen standen im letzten Jahr kurz vor der Schließung. Doch die Gewerkschaften haben sich mit aller Vehemenz gegen die Initiative der ehemaligen Mitte-Rechts-Regierung gewehrt. Dieses Engagement hat bei den letzten Parlamentswahlen Stimmen gekostet. Die rechtskonservative und euroskeptische Partei PiS, die den Wahlsieg in Polen davongetragen hat, befürwortet im Gegensatz zu ihren Amtsvorgängern den Kohleabbau. Obwohl Ende 2015 alle Anstrengungen auf die COP21 und eine nachhaltige Klimapolitik gerichtet waren, pressen sich die jungen Leute in Polen weiterhin in die Minen. In der Hoffnung auf einen festen Vertrag und 2000 bis 3000 Złoty pro Monat. 

Es reicht nicht aus, die Nutzung von Kohle in den häuslichen Heizöfen zu verbieten. Dicke Rauchschwaden quellen weiter aus den Schornsteinen – ob in der Stadt oder auf dem Land. Fast jede Familie hat in Kleinpolen mindestens ein Mitglied, das im Bergbau tätig ist oder war. „Nach dem Gymnasium wusste ich nicht genau, was ich machen sollte“, erzählt der 24-jährige Minen-Ingenieur Michal. „Mein Einstieg in die Kohleindustrie erschien mir ganz natürlich, weil mein Vater schon in den Minen gearbeitet hat.“ Unter Tage wird Michal von nun an seiner Karriere feilen. In seinem Studienjahrgang stammen fast alle Ingenieure aus einer „Bergmannfamilie“. 

Nichts und niemand entkommt der Mine

Familientraditionen reiben sich manchmal am väterlichen Segen. Michals Vater war alles andere als begeistert, als Michal seine ersten Schritte in die Mine „Janina“, einem Bergwerk in Libiaz, 50 Kilometer von Krakau entfernt, gesetzt hat. Auch der 28-jährige Pawel, Sohn eines Minenarbeiters und seit zwei Jahren Angestellter im „Janina“-Bergwerk, wünscht sich für seinen kleinen Sohn eine bessere Zukunft. „Mein Vater wollte mir die Arbeit unter Tage ersparen. Aber das hat nicht so ganz geklappt », sagt er halb resignierend, halb lächelnd.

In Libiaz kann man der Mine nicht entrinnen. Der stechende Geruch kriecht in die Nase und in den Rachen. Im Minutentakt fahren die Autos zur kleinen Erhebung, auf der sich die Mine „Janina“ befindet. Sogar der lokale Fußballclub hat ihren Namen übernommen: der Górniczy Klub Sportowy „Janina“. Einige hundert Meter von „Janina“ entfernt kicken ein paar Jungs auf dem von der Energie-Holdinggesellschaft Tauron gesponserten Rasen. Junge Leute, die in Libiaz bleiben wollen, haben beruflich keine Wahl. Allein Tauron bildet sie aus. 20 Schüler lernen jährlich mit dem Hammer umzugehen und Schläuche zu fixieren. Das Unternehmen und gleichzeitig Minenbesitzer ernährt, heizt, unterhält und hält am Leben. Die Stadtverwaltung kassiert jedes Jahr fast drei Millionen Złoty, umgerechnet ungefähr 700.000 Euro, an Steuern ein.

Taurons unschlagbare Waffen

Mit dem Geld kommen auch die Hoffnungen und die weiß Tauron für seine Zwecke zu nutzen. Alle, vom Bürgermeister, zu Gewerkschaftern, hin zu den Minenarbeitern, sind sich einig: „Janina“ hat dank ihres immensen Kohlevorrats noch viele Jahre vor sich. Ein Satz kommt immer wieder: „Wir dürfen uns glücklich schätzen, zu einem so großen Energiekonzern zu gehören.“ Tauron investiert nebenbei auch in Gasenergie. Mit diesem Coup kompensiert die Energiefirma den niedrigen Kohlepreis. Die Mine läuft weiter. 

Aber wie weit kann Tauron gehen? Wie lange wird die Regierung noch ihr Geld in das Unternehmen stecken? Trotz des ausgesprochenen Selbstbewusstseins kommen allmählich Zweifel auf. Tauron hat in den letzten Jahren 30% Stellen abgebaut. Die Stadt hat bereits Gespräche mit Investoren aus anderen Branchen geführt. Ob die Politik wirklich eingreift und den Minen im Ernstfall unter die Arme greift, zweifelt der Gewerkschafter und PiS-Mitglied Krzysztof Kozik an: „Die polnische Regierung kann nicht investieren. Die Spielregeln werden von der Europäischen Union festgelegt.“, stellt Krzysztof mit einem bitteren Unterton in der Stimme fest. Er will im Glauben gelassen werden, dass seine Partei in der Lage ist, Brüssel den Rücken zu kehren. Michal, der junge Student aus Krakau, teilt diesen Optimismus nicht. Er ist sich sicher, dass er eines Tages ins Ausland gehen muss, um Arbeit zu finden. Bis dahin führt er jedoch die Familientradition fort.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.