Gesellschaft

Belgische Partitur: Akkorde und Dissonanzen

Artikel veröffentlicht am 11. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 11. Oktober 2007
Fast drei Monate nach den Parlamentswahlen befinden sich die Verhandlungen über die Regierungsbildung in Belgien immer noch an einem toten Punkt. Beobachtungen.

Eine merkwürdige, schwarz-gelb-rote Blume wuchert seit einigen Wochen in den Straßen Belgiens. Nie zuvor war die nationalistische Ader so stark zum Ausdruck gekommen. Momentan kursieren die wildesten Gerüchte über die Zukunft des Landes. Während in Brüssel und im Wallon die Fahnen auf den Balkonen wehen, macht sich ihre Abwesenheit in den flandrischen Städten drastisch bemerkbar. Dort scheint man auf Unabhängigkeit zu setzen - in diesen Tagen ohne Regierung.

"Ich habe Belgien immer geliebt", sagt uns ein alter Mann, den wir auf einer Straße von Anvers befragen. "Aber wenn ich mir ansehe, wie die Krise ausufert, habe ich wirklich Lust, den Frankophonen zu sagen, dass sie ihren Plan ohne uns durchziehen sollen!" Sein absolut perfektes Französisch - ohne den Bruchteil eines Akzents - ist ein Beleg für die Kluft, die im Land herrscht, wenn es um den Spracherwerb geht.

Separatismus? "Wir haben den Flamen oft vorgespiegelt, dass sie ohne uns besser dran wären", entgegnet Aurélie, Studentin der Wirtschaftswissenschaften in Brüssel. "Ich denke, gewisse Leute haben ein Interesse daran, das Land so stark wie möglich zu entzweien, indem sie insbesondere die Sozialversicherung aufspalten", sagt Aurélie. "Die flämischen Politiker machen den Bürger glauben, sein Leben sei ohne die Französischsprachigen besser. Aber die Gewerkschaften - das letzte, was in diesem Land noch nicht geteilt ist - fallen nicht darauf herein und rufen zur Einigkeit auf!"

So denkt auch Christelle. Sie arbeitet bei Stib, der Metro von Brüssel, und sagt, dass sie mit ihren flämischen Arbeitskollegen keine Schwierigkeiten hat. "Wir sind gleich. Ich finde es erbärmlich, dass versucht wird, uns gegeneinander aufzuhetzen."

Eine Sache der Sprache

Aber sind sie wirklich gleich? "Der Unterschied kommt natürlich durch die Sprache", sagt Aurélie. "Sie ist ein Kulturmedium und trennt uns deshalb schon de facto. Neulich wollte ich eine Politikdiskussion im flämischen Fernsehen ansehen, um ihren Standpunkt zur politischen Krise zu begreifen. Ich muss schon sagen: er unterscheidet sich deutlich von unserem Standpunkt. In Flandern werden nicht dieselben Themen angesprochen. Und mein Niederländisch ist nicht gut genug, um den tieferen Sinngehalt zu verstehen."

Wie ist diese sprachliche Kluft zu erklären, wo doch alle Brüsseler Jugendlichen zwölf Jahre lang in der Schule vier Stunden pro Woche Niederländisch lernen? "Ich spreche fließend Deutsch, Englisch und Spanisch", sagt Aurélie, "aber diese Sprache reizt mich nicht, selbst wenn ich ab und zu gern nach Flandern fahre: Gent und Leuven sind tolle Städte. Sogar mein Liebster ist Flame!"

Wenn die Menschen anders sind und ihre Sprache unattraktiv ist, warum will man dann darauf bestehen, mit ihnen zusammenzuleben?

"Das Land ist schon so klein: es ist unvorstellbar, uns noch mehr zu teilen", sagt Sandrine, die Public Relations studiert und ursprünglich aus dem Wallon kommt. "Es stimmt, dass Flämisch nicht einfach ist. Aber deshalb ist es nicht unattraktiv. Übrigens werde ich meine Erasmus-Zeit in Flandern verbringen, nicht in einem sonnigen Land!" wirft sie ein. Ihrer Ansicht nach können die jungen Leute beider Regionen nur dazugewinnen, wenn sie lernen, sich gegenseitig kennen zu lernen.

CNN, peinlich!

"Du weißt, wenn die Spaltung wirklich stattfindet, dann kommt das auf CNN. Peinlich!" sagt Anouk, eine Jugendliche aus Anvers, die aus Haiti stammt. "Natürlich können sich die Wallonen mit der Sprache Mühe geben, aber wir bleiben trotzdem alle Menschen. Wir müssen dazu fähig sein, zusammen zu leben. So denken alle in meiner Schulklasse!"

Aber ist diese Aussage wirklich so repräsentativ für die Stadt Anvers, die seit zehn Jahren unermüdlich ein Drittel ihrer Wählerstimmen der separatistischen extremen Rechten gibt? Eine riesige belgische Fahne, zehnmal größer als die, die von den Balkonen der Hauptstadt hängen, ist am Eingang einer Bar angebracht. "Dieses Land ist aber paradoxerweise das einzige der Welt, in dem es weder Nationalstolz noch Hurrapatriotismus gibt", erklärt der Inhaber des Lokals.

"Deswegen liebe ich dieses Land! Schauen Sie sich doch die Franzosen und die Deutschen an, wie stolz die auf sich selbst sind. Wir, wir sind genau das Gegenteil. Diese Fahne hier weckt in mir einzig und allein das Gefühl, dass wir dieser extremistischen Minderheit eins auf den Mund geben, die Menschen trennen will, die unter sich nie Probleme hatten."