Gesellschaft

Belarussische Schulen: We don't need no education?

Artikel veröffentlicht am 26. September 2011
Artikel veröffentlicht am 26. September 2011
Belarus hat laut Verfassung zwei Staatssprachen – Belarussisch und Russisch. Der autoritär regierende Staatspräsident Alexander Lukaschenko betont immer wieder die Gleichberechtigung beider Sprachen. National gesinnte Belarussen dagegen betrachten die staatliche Sprachenpolitik als Russifizierung. Der Streit dreht sich vor allem um die Schulen.

Hereinspaziert ins 19. Jahrhundert: Wie eine Zeitreise fühlt es sich an, die Bauernhütte zu betreten, die im staatlichen Gymnasium Nr. 4 in Minsk nachgebaut wurde. Von der Ikone über die Öllampe bis hin zu den Stickereien an den Decken, mit denen ein Teil der Wände verhangen ist – die Lehrer für belarussische Kulturgeschichte und die Schüler haben ihr kleines ethnografisches Museum mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Traditionspflege spielt in der belarussischsprachigen Schule eine große Rolle. Direktor Jury Bandarenka legt daneben aber großen Wert darauf, einem modernen Gymnasium vorzustehen. „Bei uns lernen die Kinder von der ersten Klasse an Englisch“, sagt er. „Die Schüler werden nur für die Hochschulen vorbereitet, unsere Abiturienten studieren unter anderem in Tschechien, Polen und Litauen.“

Keine belarussischen Hochschulen

Zur Sowjetzeit pflegten die Machthaber das Image des Belarussischen als Bauernsprache. Sprache des sozialen Aufstiegs war das Russische, das in den Städten und am Ende immer mehr auch auf dem Land dominierte. Diese Dominanz dauert bis heute an. Das Belarussische dagegen gilt zum einen als Sprache national gesinnter Lukaschenko-Gegner, zum anderen als Code der humanistischen und künstlerischen Intelligenz.

Die „Wiedergeburt“ des Belarussischen müsse im Bildungswesen beginnen, ist eine Forderung, die Sprachschützer immer wieder stellen. Die Gesellschaft für die belarussische Schule, eine NGO, die sich für das belarussischsprachige Schulwesen einsetzt, sieht wenig Anlass zu Optimismus. Nach ihren Angaben ist der Anteil der Schüler, die belarussischsprachige weiterführende Schulen besuchen, allein zwischen den Schuljahren 2001/2 und 2010/11 von knapp 28 auf 19 Prozent gefallen.

„Auf dem Land waren früher fast alle Schulen belarussischsprachig“, sagt Ales Lozka, Vorsitzender der Gesellschaft für die belarussische Schule und Folklorist an der Staatlichen Pädagogischen Universität Minsk. „Wegen der sinkenden Schülerzahlen sind diese Schulen aufgelöst und die Schüler auf russischsprachige Schulen verteilt worden.“ Aktivisten wie Lozka machen vor allem die Sprachenpolitik des Staates für die immer geringere Rolle des Belarussischen in den Schulen verantwortlich. Verbreitet ist auch die Kritik, dass es in ganz Belarus nicht eine einzige belarussischsprachige Hochschule gebe.

Anders als es das Bild nahelegt, handelt es sich um eine gemischte Schule.Ob ein Kind in eine belarussischsprachige oder eine russischsprachige Klasse oder Schule aufgenommen wird, hängt formell von der Deklaration der Eltern ab. Grundsätzlich kann eine der beiden Staatssprachen frei gewählt werden. Nicht-staatliche Medien haben in den vergangenen Jahren jedoch immer wieder berichtet, dass Schulbehörden und Lehrer Druck auf die Eltern ausgeübt hätten, sich für Russisch zu entscheiden.

Das Recht auf Belarussisch

Im belarussischen Bildungsministerium sieht man die Dinge positiver als Ales Lozka: 1832 weiterführende Schulen mit Belarussisch als Unterrichtssprache gebe es aktuell, das seien 52 Prozent aller Schulen. Professor Mikalaj Jalenski, stellvertretender Leiter für Methodik am Nationalen Institut für Bildung, kann die Aufregung um die vermeintlich antibelarussische Sprachenpolitik des Staates nicht verstehen: „Wenn jemand will, dass seine Kinder auf Belarussisch unterrichtet werden, dann werden sie in dieser Sprache unterrichtet.“ Jalenski zufolge kann es lediglich vorkommen, dass der Unterricht nicht in der nächstgelegenen Schule stattfindet. Dies sei der Fall, wenn sich entweder zu wenige Eltern für Belarussisch als Unterrichtssprache entschieden hätten oder die Lehrer vor Ort nicht dafür qualifiziert seien. Und Belarussisch als Arbeitssprache in den Hochschulen? Gebe es nur an einzelnen Fakultäten, räumt Jalenski ein. „Wenn Sie das Belarussische beherrschen, die Studenten Sie verstehen und es entsprechende Lehrbücher gibt, haben Sie aber in jedem Fall das Recht, auf Belarussisch Vorlesungen zu halten.“

Link zum Weiterlesen: Vilnius - Saga einer Universität im Exil

Viele Anhänger des Belarussischen überzeugen solche Beteuerungen nicht. Einige von ihnen klinken sich zeitweise aus der staatlich organisierten Bildung aus und nutzen die rechtliche Möglichkeit, als Externe die Prüfungen an staatlichen Gymnasien abzulegen. So etwa die 18-jährige Zosja aus Minsk. Sie hat ab der neunten Klasse Kurse am Belarussischen Lyzeum besucht. Diese Schule ist 2003 in Minsk offiziell geschlossen worden und hält seitdem ihre Veranstaltungen überwiegend im Exil ab. Auf belarussische Sprache, Kultur und Geschichte wird dabei besonderer Wert gelegt. „Wenn du als Externer zu den Prüfungen in die staatliche Schule kommst, wirst du manchmal schief angeguckt, weil du mehr weißt als der Lehrer“, sagt Zosja, die heute an der Minsker Kunstakademie studiert. Auch der 16-jährige Jarasch, der zurzeit noch das Lyzeum besucht, ist überzeugt von dem Lehrprogramm, das den Schülern komplett auf Belarussisch vermittelt wird. Und von wegen Bauernsprache und 19. Jahrhundert: Zosja will sich auf Computeranimationen spezialisieren, Jarasch ist Programmierer und Linux-Experte: „Für Linux gibt es schon fast alles auf Belarussisch“, schwärmt er.

Fotos:Homepage (cc)zpeckler/flickr; Im Text ©MB