Gesellschaft

Barcelona und der Tourismus: Beziehung mit Hindernissen?

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2015

Knappe acht Millionen Touristen kamen 2014 nach Barcelona. Der Einfluss des Tourismus auf die Stadt ist unübersehbar. Allerdings wird die Gegenseite gern vergessen: Was halten die Einwohner von Barcelona von dieser Entwicklung?

Ungefähr 7,9 Millionen Reisefreudige besuchten 2014 die katalanische Hauptstadt. Um die Anziehungskraft der Stadt zu erklären, müssen die gängigen Schlagwörter für Barcelona herhalten: die Perlen des Modernismus, die sich entlang des Paseo de Gracia erheben, das bezaubernde Barrio Gótico, das angenehme Klima und die Nähe zum Meer, das gute Essen, ein Nachtleben, das jeden Geschmack trifft, die Spuren, die der Fußballclub Barça hinterlassen hat…

Diese Touristen geben täglich insgesamt 25 Millionen Euro in der Stadt aus (ja, täglich!). Sei es für Unterkunft, Transport, Freizeit, Shopping oder Essen. Darüber hinaus wurden mehr als 120.000 Arbeitsplätze geschaffen, die direkt mit dem Tourismus zusammenhängen. Ganz zu schweigen von den tausenden von Lädchen, die täglich an den Touristen verdienen. Dieses Phänomen nahm seinen Anfang während der Olympischen Spiele 1992 und hat in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen. Barcelona liegt heute auf Platz zehn der Metropolen mit dem höchsten Touristenaufkommen weltweit und laut Sightsmap auf Platz drei der am häufigsten fotografierten Städte.

Aber natürlich hat diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten. Oft vergessen wir die Darsteller, die nicht minder bedeutend sind für dieses Stück: die Bewohner der Stadt. Die massive Zunahme des Tourismus geht ihnen mittlerweile ganz schön auf die Nerven und die Beziehung der Einwohner von Barcelona zu den Touristen wird täglich schlechter.

Die Ramblas, einer der bekanntesten Orte der Stadt, ist das beste Beispiel für diese Verwandlung. Die Klamottenläden, kleine Geschäfte und Bäckereien mussten Restaurants weichen, deren „Kassenschlager-Gericht“ die Paella ist (natürlich mit einem Krug Sangría), oder Wechselstuben und Souvenirläden. Letztere natürlich vollgestopft mit Figuren von Flamencotänzerinnen, Stieren und – für viele überraschend – mexikanischen Sombreros! Ein Tipp: Wer die Ramblas schnell von einem Punkt zum anderen durchqueren möchte, sollte darauf gefasst sein, sich beim Ausweichen von Touristengruppen wie ein Ninja vorzukommen.

Für viele Bewohner der Stadt hat sich Barcelona in einen „Themenpark“ verwandelt – auf einer Stufe mit Venedig. „Hier machen sie, was ihnen gerade in den Kram passt“, beschwert sich José Antonio, der im Stadtteil La Barceloneta wohnt. Ausgerechnet in diesem von der Fischerei geprägten Stadtteil, einem der charmantesten der Stadt, kommt es mittlerweile am häufigsten zu Zusammenstößen zwischen Anwohnern und Touristen. Gründe sind Lärm, dreckige Straßen und Leute, die auf der Straße Alkohol trinken.

Letzten Sommer gingen Bilder durch die sozialen Medien, die italienische Touristen zeigten, die nackt durch die Straßen der Stadt liefen. Dieser Vorfall führte zu zahlreichen Protesten, angeführt von Nachbarschaftsvereinen, die die Nase voll hatten vom „Billigtourismus mit Saufgelage“.

Die Touristenapartments sind ein weiterer Grund für die Proteste. Die Wohnungen die für ein paar Tage an Touristen vermietet werden, werden immer mehr. „Du weißt nie, wen Du auf der Treppe triffst“, sagt Carmen, Bewohnerin des gleichen Stadtteils. „Man hört ständig Geräusche, Musik, Schreie. Die begreifen einfach nicht, dass hier auch Leute wohnen, die am nächsten Tag arbeiten müssen.“ Die Wohnungen, die an Touristen vermietet werden, gehen in die Tausende – die meisten davon ohne Lizenz. Die Stadtregierung von Barcelona hat bis vor wenigen Monaten untätig zugeschaut und am 16. Dezember 2014 eine Hotline eingerichtet, um Beschwerden der Nachbarn über Belästigungen durch die Touristenapartments entgegen zu nehmen.

Das Tourismusmodell von Barcelona war in aller Munde in den vergangenen Monaten. Der Dokumentarfilm Bye Bye Barcelona, der im April in die Kinos kam, hatte einen Aufschrei über die negativen Folgen des Massentourismus in der Stadt zur Folge. Der Film von Regisseur Eduardo Chibás beschreibt ausführlich die ständigen Spannungen zwischen den Bewohnern Barcelonas und den Touristen. In die gleiche Kerbe schlägt das im März im Antic Teatre gezeigte Theaterstück Guiris Go Home, das mit Humor gegen die Touristeninvasion in Barcelona vorgeht.

Gefallen Barcelona die Touristen nicht? Es handelt sich nicht um eine „Touristenphobie“, sondern um eine „klare gesellschaftliche Wahrnehmung des Verfalls“, wie es der Regisseur von Guiris Go Home, Marc Caellas, in der Zeitung La Vanguardia beschreibt. Die Stadtregierung von Barcelona steht nun an einem Scheideweg: Auch wenn geplant ist, das jährliche Touristenaufkommen auf mehr als 10 Millionen zu erhöhen, sollte sie eine Lösung für das von vielen Bewohnern Barcelonas als „außer Kontrolle geraten“ und „unverantwortlich“ empfundene Tourismusmodell präsentieren.