Gesellschaft

Ausgrenzung 2010: Europa will der Armut an den Kragen

Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Als die Lissabon-Strategie im März 2000 verkündet wurde, gaben die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten bekannt, einen „entscheidenden Schritt in Richtung Bekämpfung von Armut“ getan zu haben. Zehn Jahre später, vor dem Hintergrund der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929, hat das Jahr des Kampfes gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Europa begonnen - höchste Zeit!

Was viele nicht wissen: In Europa betrifft Armut nicht nur die am wenigsten entwickelten Länder. Da einige Nationen besser mit der Armut umgehen können als andere, variiert die prozentuale Armutsrate je nach Land sehr stark. Sie bewegt sich in Skandinavien, den Niederlanden und Österreich zwischen 11 und 12%. In Rumänien und Bulgarien sind 23 bzw. 21% der Bevölkerung „arm“. Aber selbst bei den wirtschaftlichen Zugpferden der EU sieht die Lage nicht immer rosig aus: 13% der Franzosen, 15% der Deutschen und bis zu 19% der Briten gelten heute als arm!

Armut des Ostens, Armut des Westens

In den ärmsten Ländern Europas erleben die Armen eine weniger starke soziale Ausgrenzung als in den Industriestaaten. Der Soziologe Serge Paugam spricht dabei von „integrierter Armut“.

Auch der Begriff der „Armut“ variiert von Land zu Land. Um die Armutsrate eines Landes dennoch allgemein bewerten zu können, hat die EU folgende Definition formuliert: Arm ist, wer weniger als 60% des nationalen Durchschnittseinkommens verdient. Nach dieser Formel sind 79 Millionen Menschen, d.h. 16 % der Europäer von Armut betroffen. Der einzige Haken an dieser Statistik, so die französische Organisation Observatoire des Inégalités (in etwa: „Beobachter der Ungleichheit“), ist die Tatsache, dass die so zu berechnende Armutsgrenze in Großbritannien bei 967€ Einkommen pro Monat liegt, während sie beispielsweise in Rumänien auf 159€ fällt! Demzufolge lautet die absurd klingende Schlussfolgerung des Observatoire des Inégalités: „Die Armen der ehemaligen Ostblockstaaten sind sehr viel ärmer als die des Westens...“. Kann man ärmer als arm sein? 

In Europa: Drei Formen von Armut

Weiterhin sollte Armut nicht immer nur als ein wirtschaftliches Label betrachtet werden. Der französische Soziologe Serge Paugam ergänzt die vage Definition: Die Armut schafft eine Situation der Abhängigkeit, deren Realität von verschiedenen Gesellschaftstypen unterschiedlich wahrgenommen wird. Der Soziologe unterscheidet dabei drei Typen von Armut: Die „integrierte Armut“ tritt v.a. in sehr armen Ländern auf, während die „marginale Armut“ in hypothetisch weniger betroffenen Ländern typisch ist. Als dritte und drastischste Form unterscheidet man die „disqualifizierende Armut“, die in zunehmendem Maße in „reichen“ Ländern vorkommt, deren Ökonomie sich in einer Krise befindet. 

Hinzu kommt, dass Arbeit heutzutage in Europa nicht mehr unbedingt vor gesellschaftlicher Ausgrenzung schützt: 8% der so genannten „working poors“ in Europa können von ihrem Einkommen allein nicht leben. Zudem gibt es 2010 trotz sozialer Maßnahmen immer noch 20 Millionen Kinder, die in Europa von Armut betroffen sind.

In diesem Jahr hat die EU die besonders „gefährdeten“ Zielgruppen ins Auge gefasst: Kinder, Obdachlose, Senioren, Behinderte und Immigranten. Um diese Minderheiten oder Randgruppen besser zu integrieren, wurden Strategien „aktiver Einbeziehung“ in die Gesellschaft entwickelt. Diese sollen, so kann man auf der offiziellen Webseite der Kommission nachlesen, einer möglichst großen Anzahl Menschen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, eine Stelle vermitteln, die menschenwürdige Lebensbedingungen garantiert - womit nicht nur Arbeitslose, sondern auch die „working poors“ angesprochen werden. 

Methode der Koordinierung

Augustin Legrand, der Kopf der Organisation, trat 2010 dem französischen Parteienbündnis Europe Ecologie bei. Wie ein Firmenchef gibt die EU Richtlinien vor und legt Strategien fest, nach denen die EU-Mitgliedsstaaten ihre Politik gegen Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung ausarbeiten sollen. Diese Basis soll die Koordinierung der nationalen Politiken der Mitgliedstaaten fördern. Jeder Staat kann seine Ergebnisse mit denen der Nachbarländer vergleichen und sich von Vorgehensweisen anderer Länder inspirieren lassen, die dort bereits gut funktioniert haben. Neben der auf staatlicher Ebene realisierten Bewertung und Kontrolle, sind zusätzlich NGOs, Vereine, Sozialpartner und lokale Behörden daran beteiligt, die nationale Politik zu überwachen und dafür zu sorgen, dass sie dem vorgegebenen europäischen Sozialmodell folgt. Das Risiko dieser Methode der Koordinierung besteht darin, dass jeder Staat nur gemäß der ihm zur Verfügung stehenden Mittel agieren kann. Demzufolge ist es wahrscheinlich, dass die Mittel besonders in betroffenen Ländern äußerst knapp ausfallen werden.

Mindestens 26 Millionen Euro - davon 17 Millionen von der EU - werden innerhalb dieses Jahres zur Bekämpfung der Armut und der sozialen Ausgrenzung in Europa bereitgestellt. Leider fließen jedoch zu wenige Gelder in lokale Projekte. Ende des Jahres, am 17. Dezember, können wir anlässlich der Abschlusszeremonie in Brüssel, Bilanz ziehen.

Fotos: ©zeynep'arkok/Flickr; Bukarest: ©RudiRoels/Flickr; Zelte: ©degrés 360/Flickr