Gesellschaft

Auf der Suche nach einem marokkanischen Frühling

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
In Marokko gibt es auch fast ein Jahr nach dem Arabischen Frühling weiterhin Demonstrationen für demokratische Reformen. Begegnungen mit jugendlichen Demonstranten der Bewegung des 20. Februar, um ihre Beweggründe im Jahr 2012 besser zu verstehen.

Seit dem 20. Februar 2011 gibt es in Marokko große Demonstrationen. Die Verfassungsänderung, die von 98,5% der Wähler per Referendum angenommen wurde, hat einige demokratische Elemente mit sich gebracht. Jedoch haben linke Parteien und Gewerkschaften das Referendum boykottiert, da sie die Veränderungen für „kosmetisch“ halten. So gibt es in vielen marokkanischen Städten und sogar in Paris weiterhin Demonstrationen. Die meisten Forderungen der Demonstranten reihen sich in den Kontext des Arabischen Frühlings – Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit – ein; dennoch fordern die meisten Marokkaner nicht den Rücktritt des Königs.

Ich treffe Najah in Deutschland. Sie erzählt mir, dass dies seit dem 20. Februar der erste Sonntag sei, an dem sie nicht demonstrieren geht. Die junge Studentin ist überzeugt davon, dass Marokko eine wirkliche Demokratie braucht und nimmt deshalb an den Treffen und Demonstrationen der Bewegung des 20. Februar (Mouvement du 20 février) teil.

Diese Bewegung wird von zahlreichen NGOs und fünf politischen Parteien unterstützt. Da Marokko eine sehr aktive Zivilgesellschaft hat, sind Demonstrationen an sich kein neues Phänomen für das Land. 2004 haben große Proteste von NGOs zu einer Reform des Zivilrechts und somit zu einer eindeutigen Verbesserung der Frauenrechte geführt.

Aber nicht alle Demonstranten halten es mit den Demonstrationen wie Najah. Soufiane aus Marrakesch hat ein paar Mal mitdemonstriert, geht nun aber schon seit einiger Zeit nicht mehr auf die Straße. Ihm zufolge hat sich die Situation seit der Verfassungsänderung verbessert, auch wenn die Korruption weiterhin anhält. Die „Diebe“, Beamte, die sich auf Kosten der normalen Bürger bereichern, sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Karim Chakib schreibt auf der Facebook-Seite der Bewegung des 20. Februar Casablanca: „Wir sind alle königstreu. Nehmt euch aber in Acht vor den Heuchlern und Dieben, die königstreuer als der König selbst sind.“

Amar, der wie Soufiane in Marrakesch lebt, stellt fest, dass sich die ursprünglich politische Bewegung immer mehr in eine soziale Bewegung verwandelt. Diese Veränderung spiegelt sich ebenfalls darin wider, dass die Kundgebungen statt wie am Anfang auf den großen Boulevards, zum Beispiel vor dem Parlament in Rabat, nun eher in den Arbeitervierteln stattfinden. «Wir müssen auf die Leute zugehen», erklärt Yassir aus Rabat. Er ist Mitglied in drei Vereinen und zählt zu den vier Prozent der Marokkaner, die einer Partei oder einer Gewerkschaft angehören. Er hat das Referendum über die Verfassungsreform boykottiert, da er diese als „kosmetisch“ ansieht. Für ihn wäre ein Marokko ohne König denkbar, „wenn der König weiterhin die Forderungen der Bewegung ignoriert“.

Welche Position hat die Protestbewegung gegenüber dem König Mohammed VI.? Einig sind sich viele darüber, dass der König an Macht verlieren müsse, ohne jedoch seinen Rücktritt zu fordern. Der König hat eine dreifache Legitimität: eine religiöse Legitimität –als „direkter Nachfahre“ des Propheten Mohammed - , eine historische Legitimität – Marokko ist seit zwölf Jahrhunderten eine Monarchie und das einzige arabische Land, das nicht unter osmanischer Herrschaft war – und eine außenpolitische Legitimität – denn die unter Mohammed VI. eingeführten Reformen wurden häufig von der Europäischen Union und dem Europarat als vorbildhaft hervorgehoben.

Saïd zählt sich nicht zur Bewegung des 20. Februar, auch wenn er an einigen Demonstrationen teilgenommen hat. Seit der Ankündigung der vorgezogenen Parlamentswahlen und der Anerkennung der „Amazighität“ [es gibt viele Amazighs, die oft „Berber“ genannt werden, in Marokko und den anderen nordafrikanischen Ländern, A.d.R.] in der neuen Verfassung, gibt es für ihn keine Gründe mehr, demonstrieren zu gehen. Die „Berber“-Frage, auch wenn er sie lieber „Amazigh“-Frage nennt, ist für den Mann aus Casablanca von großer Bedeutung.

Yousra und Amal gehören ebenfalls nicht zur Protestbewegung. Yousra zufolge hat der König Reformen eingeleitet und gut reagiert, indem er Wirtschaftsprogramme ins Leben gerufen hat. „Dies erklärt, wieso es in Marokko im Vergleich zur restlichen arabischen Welt relativ ruhig ist“, sagt sie. Amal hingegen ist eine leidenschaftliche Frauenrechtlerin. Sie ist nicht bereit, sich einer Bewegung anzuschließen, der auch Islamisten angehören [seit Mitte Dezember 2011 gehören die Islamisten nicht mehr zur Bewegung des 20. Februar; A.d.R.]. Dieser Punkt ruft Kontroversen hervor und teilt die Verfechter der Veränderung - Familien, Freunde, die Zivilgesellschaft, die Linke. Ali, Französischlehrer, ist optimistisch in Bezug auf tiefgreifende Veränderungen, die geschehen müssten. Aber um diese zu erreichen, ist er sich sicher, braucht es Zeit und Anstrengung.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Mittelmeer-Portal babelmed.net veröffentlicht.

Fotos: Homepage (cc)ares tavolazzi/flickr; Mohammed VI (cc)Adobe of Chaos/flickr; (cc)alkanchaglar/flickr