Gesellschaft

Attentate in Europa: Bleibt alles anders

Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2016

Nach den Attentaten vom vergangenen November ist in Paris wieder der Alltag eingekehrt. Aber Zweifel, Ängste und Fragen bleiben. Antworten darauf lassen sich dort finden, wo Terroranschläge in der Vergangenheit das Leben verändert haben. Junge Leute aus Madrid, Brüssel, London und Tunis erzählen von ihren Erfahrungen. 

Brüssel

„In Brüssel hatten wir nicht die Zeit, die Pariser Ereignisse zu verdauen. In der Woche nach den Attentaten, denen wir mit Unverständnis und Abstumpfung begegnet sind, hat, wie eigentlich überall, ein anderes Gefühl Oberhand gewonnen: Die Lebensfreude - seinen Freunden sagen, dass man sie mag, von seiner Freiheit profitieren, ausgehen. So als ob wir vergessen hätten, wie wichtig das ist. Aber mit der Terrorwarnstufe 4 wurde uns all das genommen und durch Angst ersetzt.

Die Angst, als Schulen, die U-Bahn, Restaurants, Bars, Kinos und Diskotheken geschlossen wurden. Obwohl uns Belgiern viel egal ist, war das eine heftige Ohrfeige. Dabei hatten wir eigentlich verstanden, dass wir eines Tages mit einer Terrorbedrohung rechnen müssen, weil es genauso uns oder eine andere Stadt wie Paris treffen kann. Aber wir konnten uns kein Bild davon machen - von abgesperrten Straßen, neben uns patrouillierenden Soldaten, Sicherheitskontrollen, um ein Gebäude zu betreten. Das war für alle Neuland.

Die Angst wurde uns aufgedrückt und wir hatten den Eindruck, verloren zu haben. Man kann dem OCAM (Koordinierungsstelle für Bedrohungsanalyse) oder der Regierung keinen Vorwurf machen, weil wir es selbst nicht besser wussten. Wir haben erwartet, dass bald der Alltag zurückkehrt und bisweilen Scherze über unsere Situation gemacht. Als am Mittwoch wieder alles geöffnet hatte, war alles wie immer und irgendwie auch nicht. Meine Mitbewohner wurden von ihrem Chef nach Hause geschickt, Kinder fragten ihre Eltern, ob die Soldaten vor ihrer Schule jetzt immer dort stehen. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich eine Frau sagen hören, dass sie sich jetzt nicht mehr traut, mit der U-Bahn zu fahren. Der #BrusselsLockDown hat uns die Augen geöffnet: Es war kein einmaliges Ereignis, sondern man sollte sich daran gewöhnen, an jeder Ecke auf einen Soldaten zu treffen. Und für uns, mit unserer Alles-egal-Einstellung, stellt das alles in Frage.“

Sarah aus Brüssel, nach der am 21. November 2015 verordneten Ausgangssperre.

 

Tunis

„Dieser Moment ist in meinem Kopf eingebrannt. Ich war gerade dabei, mir zu Hause meinem Schreibtisch einzurichten, um den Bericht über mein Studienabschlussprojekt zu schreiben. Wie so oft, wollte ich einen letzten Blick auf Facebook werfen, bevor ich offline gehe und den Abend mit der Arbeit verbringe. Genau in diesem Augenblick ist die Meldung eingetroffen und mein Nachrichtenfeed ist übergequollen: Ein Bus sei auf der Avenue Mohamed V explodiert. Meine erste Reaktion war, zu überprüfen, ob meine Schwester zu Hause ist - schließlich nimmt sie jeden Tag den Bus. Es wurde ein langer Winterabend.

Etwas später habe ich mich gefragt: Wie kann man nach einer verlorenen Schlacht von vorne beginnen? Natürlich laufen überall patriotische Lieder, es gibt leidenschaftliche Debatten im Fernsehen, die an sowjetische Propaganda erinnern und manche Anrufbeantworter spielen statt der 5. Sinfonie von Beethoven jetzt die Nationalhymne. Trotzdessen ist für mich und Millionen an Mitbürgern nicht das die richtige Antwort, sondern die Liebe. Heute wollte ich zum ersten Mal unsere Polizisten umarmen, nachdem ich im Kino und mit Freunden einen Kaffee trinken war. Was gibt es Besseres, um diese Monster zu vergraulen?“

Sherif aus Tunis, nach den Attentaten vom Dienstag, den 24. November.

Madrid

„Ich nehme an, dass die reichen Leute in ihren Autos, die sich nicht unter den Kaffee- und Schweißgeruch mischen, es nicht in gleichem Maße erlebt haben wie ich. Für jemanden aus den Vororten wie mich bedeutete dieses Attentat, das schnellste Verkehrsmittel Richtung Madrid zu zerstören. Ich erinnere mich daran, jeden Tag mein Palästinensertuch getragen zu haben. In dieser Zeit dürfen faschistische Parolen sich nicht vermehren. Ich erinnere mich, zwei Tage nach dem Desaster wieder mit einem Zug gefahren zu sein. Die absolute Stille. Blicke kreuzten sich, niemandem gefiel es, dort zu sein. Plötzlich hielt der Zug im Tunnel. Panik. Nervöses Lächeln, jeder denkt: 'Verdammt, das wird doch nicht wieder losgehen'. Es ist nichts passiert. Jeden Tag muss man mit dem Zug fahren. Einsteigen, um zu protestieren. Den anderen Menschen im Waggon in die Augen sehen und lächeln.“

Manu aus Madrid, nach den Attentaten vom 11. März 2004.

London

„Wie die meisten Großstädte war London immer ein Beispiel gelebter Multikulturalität. Über der Stadt lag eine gute Stimmung, weil sie den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhalten hatte. Einige Tage später herrschte eine unbeschreibliche Atmosphäre der Angst. Als jemand aus einem südlichen Londoner Vorort, damals 14 Jahre alt, war für mich der 'Krieg gegen den Terror' ('War On Terror') immer sehr weit weg - in Afghanistan, im Irak und natürlich in New York. Nach einer Woche konnte man ein Klima des Misstrauens spüren, besonders gegenüber Personen mit dunkler Hautfarbe und in kleinen Dingen. Dann, wenn im voll besetzten Bus der Sitz neben einem leer bleibt. Aber das städtische Leben ist nicht zum Stillstand gekommen (und konnte nicht). Die Londoner haben - wie die Pariser - zusammengehalten. Das war das einzig Richtige - und wird es immer sein.“

Viral aus London, nach den Attentaten im Juli 2005.