Gesellschaft

Attentat in Istanbul: Traurige Banalität

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2016

Dienstagmorgen wurde das touristische Viertel der Blauen Moschee von einem terroristischen Attentat heimgesucht, das 10 Tote und 15 Verletzte, die meisten unter ihnen Touristen, zählte. Im Rest der Stadt spricht man über die Geschehnisse, aber das Leben nimmt seinen Lauf. Als wäre der Terror bereits traurige Banalität.

11 Uhr 30, Dienstagmorgen. Breaking News auf den lokalen TV-Sendern, geschickte SMS von Nahestehenden, stille Post unter den Kunden eines Bakkal, soziale Netzwerke: die Info ist bald in aller Munde, es hat eine Explosion „unbekannten Ursprungs“ im Istanbuler Touristenviertel Sultanahmet gegeben.

Ich selbst wurde von meinen Eltern darüber berichtigt, fast im gleichen Atemzug als ich auf Facebook die Nachricht eines Bekannten las, der in die Runde fragte: „Ich bin bei Cihangir (Taksim) und habe gerade eine Detonation gehört, jemand anderes auch?“ Und ein anderer, der antwortet, dass er es auch „gehört habe. Es klang wie ein Gewitter, aber es sind keine Wolken am Himmel. Viele große, schwere Objekte taumeln in Istanbul, wenn der Lodos wütet. Vielleicht ist es das, was wir gehört haben?“

Ohne gleich in Stress zu verfallen verfolge ich, vertrauenswürdig, die Option des Lodos, dieser heiße und kraftvolle Wind, der oft einen Haufen Schaden hier anrichtet. Die Gaswerke teilen außerdem mit, dass man in seiner Präsenz die Heizung lieber ausgeschaltet lassen sollte, weil besagter Lodos oft die Schornsteine blockiere.

Zum einen Ohr rein…

Trotzdem schaue ich kurz auf Hurriyet Daily News nach, die englischsprachige Version der renommierten türkischen Tageszeitung Hurriyet. Auf der Titelseite ist die Rede von einer Explosion in der Nähe der Blauen Moschee, die mehrere Opfer zähle.

Umgehend teile ich die Information mit meinem Mitbewohner, ein Grafikdesigner in seinen Dreißigern. Er schaut kaum von seiner App auf dem Telefon auf, deren Namen ich vergessen habe. Seine Reaktion ist interessant: erstmal nämlich gar keine. Niente.

Als klar wird, dass es mehrere Tote gibt und es sich höchstwahrscheinlich um ein terroristisches Attentat handelte, werden wir endlich wachgerüttelt. „Versuch mal lieber die Metro zu vermeiden“, sagt er mir. „Ich muss zwar arbeiten, sollte aber trotzdem kein Problem sein“, erwidere ich. Quentin, von cafébabel Istanbul stimmt zu: „An der Uni trinken die Leute ihren çay und lachen dabei, keine verdüsterten Minen!“ Wir sagen uns beide, dass es doch sicher übertrieben sei, zu Hause zu bleiben, jede Fortbewegung zu vermeiden, als wäre unser Leben in Gefahr. 

...zum anderen wieder raus

Während ich mich selbst über meine Ruhe und mein Verdrängungspotenzial wundere, stelle ich mir die Frage über die Perspektive auf den Terrorismus in dieser Stadt, in der ich seit zwei Jahren lebe. Eine Bombe, eine Explosion, eine Schießerei: das sind Situationen, die mir gelinde gesagt genau so wichtig sind wie das Bezahlen meiner Miete am Monatsende. Vielleicht sogar weniger. Ganz im Ernst.

Ich war von den Attentaten in Ankara sehr geschockt (10. Oktober 2015, das bisher schwerste Attentat in der Türkei mit 102 Todesopfern, das Daesh auf sich verbuchte) und ich war daraufhin vorsichtiger – aber ich kann nicht wirklich sagen, dass ich irgendwann um meine eigene Sicherheit besorgt war. Zumindest, das ist sicher, nicht in dem Ausmaß wie meine Bekannten in Belgien und Frankreich. Mein Leichtsinn oder allgemeiner Leichtsinn?

Was mich dazu führt, diese Art von Fragen zu stellen, ist die Regelmäßigkeit dieser Situationen – Situationen, in denen ein Attentat in Istanbul die Menschen, die tausende Kilometer entfernt leben, mehr zu beunruhigen scheint als die Menschen in Istanbul selbst.

Von Gewohnheiten und Geografie

Den Grund dafür kenne ich nicht. Vielleicht weil dort, in Belgien, in Holland, in Frankreich, unsere Familien sind, unsere Freunde, die sich informieren und beunruhigt sind. Warum, wenn News Titel wie „Explosion in der Nähe einer Istanbuler Metrostation“ bringen, nicht meinen Vater verstehen, der mir nur 20 Tage nach den schrecklichen Attentaten von Ankara, schreibt, „es ist Zeit, nach Brüssel zurückzukehren“. Puck, ebenfalls vom cafébabel Istanbul Team, hat mir beispielsweise heute geschrieben: „Ich habe erst vom Attentat erfahren, als mich Familie und Freunde angefangen haben zu fragen, ob ich noch am Leben sei.“

Vielleicht ist das auch so, weil im Gegensatz zu 'meiner Heimat', diese Art von Ereignis, diese Attentate hier einfach häufiger sind. Unter ‚hier‘ verstehe ich zuerst die Türkei im Allgemeinen, die seit 1984 durch den Kurdenkonflikt entzweit ist. Danach verstehe ich darunter auch Istanbul, dessen Bevölkerungsdichte über 5000 Einwohner pro Quadratkilometer zählt – das Risiko für Anschläge ist also hier auf jeden Fall höher. Und unvermeidlich ist auch, dass man, je mehr man darüber spricht, auch abgefertigter wird. Dann ist da auch noch die Dreiteilung der Stadt durch den Bosporus in asiatische, europäische Seite und goldenes Horn. Ein „Selbstmordattentat einer Frau gegen die Polizei“ in Fatih kann subjektiv ziemlich weit weg wirken.

Ein anderer Grund ist eventuell auch die grassierende Sensationsmache seit den Gezi-Protesten und den Ankara-Attentaten, in dessen Prisma Ereignisse, die in Istanbul stattfinden, immer wieder interpretiert werden. Alle Demonstrationen werden mit Gezi in Verbindung gebracht, jede Explosion wird zum organisierten Terrorakt. Außerdem ist Istanbul eine 2600 Quadratkilometer große Stadt, die wiederum zu einem 5000 Quadratkilometer großen Ballungsgebiet gehört. Wenn man also von Ausuferungen spricht oder von einer „Explosion in Istanbul“, dann ist das designierte Territorium ziemlich groß. Nehmen wir zum Beispiel die Nachricht über die Polizei, die „das Feuer in Istanbul eröffnet hat“: ein lückenhafter, reißerischer Titel. Okmeydani, ohne irgendwelche Fakten verschleiern zu wollen, ist ein Viertel, in dem urbane Gewalttaten und Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Zivilisten nicht selten sind. Das ist, als würde man jeden einzelnen Vorfall in der Pariser oder New Yorker Vorstadt zitieren…

Unsere Familien, die sich zu sehr sorgen, ein Land, in dem man sich an ‘das Schlimmste’ gewöhnt, Ereignisse, die zu oberflächlich in den Medien behandelt werden – vielleicht erklärt sich der Unterschied in den Reaktionen einer beliebigen Person, die tausende Kilometer entfernt von hier lebt, und meine eigene in einem dieser Punkte. Vielleicht aber auch mit keinem. Oder in allen Punkten zusammen.

Ich habe keine vorgefertigten Antworten. Aber eine Sache macht heute den Unterschied aus: zum ersten Mal bin ich beunruhigt darüber, wie meine Welt sich morgen weiter dreht – darüber, dass der Terror banal, für mich banal geworden ist.

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Ich bin ein Istanbuler. Dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Istanbul-Team.