Gesellschaft

Athens Pride: Kunstoffensive gegen Homophobie

Artikel veröffentlicht am 25. April 2013
Artikel veröffentlicht am 25. April 2013
Eine Hand voll Menschen bläst ihren Zigarettenrauch gen Himmel, von einem hochragenden Eingang strahlt grelles Neonlicht auf das Kopfsteinpflaster und erhellt die leicht verkommenen Straßen des Metaxourgio Viertels in Athen. Auch wenn es kein Eingangsschild gibt - dies ist eine der anerkanntesten Galerien Athens, „The Breeder“.
Heute Nacht sind über hundert Künstler, Kunstliebhaber und Schwulenrechtler zu Gast, die sich dort zur fünften jährlichen „Artists for Athens Pride“ Auktion versammelt haben.

Nachdem die Gebote bei 200 Euro pro Kunstwerk gestartet sind, heizen Galerie-Direktorin Nadia Gerazouni und Miteigentümer Stathis Panagoulis die munter plappernde Menge an, ihren Einsatz immer und immer wieder zu erhöhen – schließlich soll fast der komplette Gewinn für das „Artists for Athens Pride“-Festival gespendet werden, das am 8. Juni stattfindet.

“Klack, klack!” - Stathis klopft mit dem grell pinkfarbenen Golfball gegen das schlicht-weiße Podium: Hiermit geht das letzte der 28 Kunstwerke an Bieter Nummer 19. Die Gäste bewegen sich trepp-aufwärts, auf ein letztes Glas Weißwein, während der Rauch glühender Grillkohlen über die Straßen steigt, wo einige der Künstler traditionelle griechische Köfte braten. Motorräder heulen auf, und ihre Besitzer brausen dahin, in den regen Betrieb einer Samstagnacht in Athen.

Breeder Gallery

Pseudo-Toleranz

Auch wenn die Historiker sich einig sind, dass Homosexualität bei den alten Griechen weitgehend anerkannt war – die Auffassung des modernen Griechenlands dazu ist nicht annähernd so großmütig. „Da ist diese Pseudo-Toleranz, die dazu reicht zu sagen ‚Oh, Schwule haben keine Probleme. Ihr habt eure Bars. Ihr könnt im Fernsehen rumtucken und euch zur Witzfigur machen, als Klischee des tuntigen Designers‘“, sagt Andrea Gilbert, die seit zwei Jahrzehnten in Athen wohnt. Sie ist Kunstkritikerin und Kuratorin der neunten „Athens Pride“, die auch die Spenden-Kunstauktion organisiert hat. „In Sachen wirklichen Respekts ist es noch ein weiter Weg, hinsichtlich staatlicher Absicherung und Anerkennung.“

Griechenland belegt einen der letzten Plätze in der Europäischen Union, wenn es um die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen geht, wie der europäische Regenbogenindex der internationalen Lesben- und Schwulenvereinigung vom Mai 2012 zeigt. Nur Lettland, Zypern und Malta liegen noch hinter Griechenland. Es ist das einzige Land im Ranking, das ein eigenes Jugendschutzalter für gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern hat – 17 Jahre. Das generelle Schutzalter, ab dem Geschlechtsverkehr in Griechenland legal ist, liegt zwei Jahre darunter.

„Die Polizei in Griechenland ist nicht wirklich gut informiert, was im Falle eines Homophobie-Delikts zu tun ist“

Penelope Kaouni, Hauptvorsitzende von Athens LGBT-Organisation Colour Youth, sagt, dass die meisten griechischen Lesben und Schwulen zögern, offen mit ihrer Sexualität umzugehen. „Die allgemeine Stimmung ist, dass es okay ist, schwul zu sein, wenn man es nicht zeigt“, sagt Penelope. „Solange du nicht 'provokativ' bist, weil du deinen Partner in der Öffentlichkeit umarmst oder womöglich küsst, ist es in Ordnung für dich.“

Im August und September 2012 schockierten drei unabhängige Zwischenfälle von Schwulenhass die Aktivisten von Color Youth, die zusammengeschlagen wurden – nur, weil sie schwul sind. Penelope macht dafür die steigende konservative Stimmung verantwortlich, angespornt vom Aufschwung der griechischen Neonazi-Partei Goldene Morgenröte. „Über die genaue Anzahl (von Attacken) weiß man nichts, weil sie in vielen Fällen nicht angezeigt werden“, sagt Penelope. „Wenn du dich noch nicht geoutet hast, bedeutet die Anzeige eines Homophobie-Delikts, dass du geoutet wirst. Und außerdem, schauen wir den Tatsachen ins Auge, ist die Polizei in Griechenland nicht wirklich gut informiert, was im Falle eines Homophobie-Delikts zu tun ist.“

Athene gehört uns

Über der Auktion in Breeders' großräumiger Galerie hängt ein riesiges Poster mit zwei lesbischen Liebhaberinnen, mit dem Slogan “Athene gehört uns”. „Athens Pride“-Organisatorin Andrea räumt ein, dass sie hofft, das Poster wirke der Homophobie-Stimmung der Goldenen Morgenröte entgegen. „Im Slogan geht es um die Zurückgewinnung der Stadt, weil es hier so viel Gewalt gab. Ob in der realen oder in der Cyberwelt, es war alles Einschüchterung vom rechten Rand. Das meiste im Cyberspace, aber das reicht schon, um die Menschen abzuhalten, weil wir es mit einer Bevölkerung zu tun haben, die immer noch sehr verschlossen und angsterfüllt ist.“

Die Kunstauktion hat über 80 Prozent der Kosten von „Athens Pride“ Veranstaltungen decken können, seit die „Breeder“- Galerie Andrea 2009 zum ersten Mal das Angebot gemacht hat, sie dort zu veranstalten. 2011 hat die Auktion einen Höhepunkt erreicht, als die bekannte griechische Schauspielerin Themis Bazaka Drag-Queens mitgebracht hat, die sich unter die Besucher mischten, deren enthusiastische Gebote in dem Jahr 99 Prozent der „Pride“- Kosten abgedeckt haben.

Die Managerin der Athens Pride startet die Auktion

In diesem Jahr hat Angelo Plessas der Auktion Kunstwerke gespendet - in seinen Augen die beste Möglichkeit, wie er zur Gleichberechtigung der Schwulen in Griechenland beitragen kann. In der familienbetonten Gesellschaft Griechenlands leben viele Jugendliche selbst dann noch bei ihren Eltern, bis sie über 30 sind, auch schon vor der derzeitigen Finanzkrise. Angelo meint, ein geheimes Doppelleben kann ernsthafte psychologische Probleme für junge Schwule und Lesben mit sich bringen. „Wir müssen „Athens Pride“ jedes Jahr veranstalten, um das Bewusstsein zu wecken, stolz auf das zu sein, was man ist“, sagt Angelo.

Auf einer silbernen Couch in einem geschmackvoll eingerichtetem Apartment sitzend, mit Ausblick auf die Ägäische See, erzählt mir Angelo, dass er und sein Partner in all den 14 Jahren bisher, trotz allgemeiner Homophobie in Griechenland, selbst fast nie homophobe Attacken in Athen erlebt haben. „Die griechische Gesellschaft – und damit meine ich die Menschen – sind den Schwulen viel besser gesonnen, als die Reaktionen der Regierung glauben machen“, meint Angelo. „Da gibt es immer viel Rhetorik und Versprechen, aber sie (die Politiker) tun nie etwas.“

Nach 13 Jahren als griechischer Auswanderer in Amsterdam, sagt Antonis Pittas, würde er dort keine Kunstwerke für Gay-Pride Veranstaltungen spenden. „Amsterdam hat die Spenden von Heineken, und Gay-Pride ist dort reines Marketing. Niemand dort würde eine Gay-Parade als Revolution sehen, sondern eher als Party“, sagt Antonis. „In den Balkan-Staaten ist das anders. Dort kämpft man für mehr Rechte, und dort macht es Sinn.“

Logo 2013Eine Woche nach der Auktion sitzen rund dreißig junge Athener bei einem Colour Youth Treffen unter Palmen im National Garden, Kekse und Getränke machen die Runde. Tafeln mit homophobischen Verleugnungen für eine Video-Kampagne gegen Homophobie liegen achtlos auf der Wiese, als das langhaarige Mitglied Kimon die Gruppe durch eine Reihe von High-Energy Gruppenspiele führt. Es ist offensichtlich, dass sie sich alle eng verbunden fühlen – eins der Ziele von Colour Youth ist es, eine sichere Umgebung für junge Lesben und Schwule zu schaffen, die dort Unterstützung nach ihrem Outing finden.

Sie planen auch eine Reihe von Aktivitäten für „Athens Pride“, inklusive einer LGBT-Olympiade und Tanz-Choreographien, um die Stimmung über den Tag hoch zu halten. „In einer Gesellschaft, wo LGBT-Leute sonst unsichtbar sind, ist es toll, diesen einen Tag zu haben, an dem sie es nicht sind, und die Menschen sehen können dass wir gar nicht so viel anders sind“, sagt Penelope. „Meine erste „Pride“ war berauschend. Ich habe mich so dazugehörig gefühlt, und für viele macht es genau das aus.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe ‘EUtopia on the Ground’, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Das cafebabel.com Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.

Illustrationen: Teaser ©Athens Pride - Φεστιβάλ Υπερηφάνειας Αθήνας Facebook; Im Text ©Austin Fast für 'EUtopia on the ground von cafebabel.com', Athen, April 2013; Video (cc)athenspridefest/YouTube