Gesellschaft

Athen: Die einzige europäische Hauptstadt ohne Moschee

Artikel veröffentlicht am 27. April 2012
Artikel veröffentlicht am 27. April 2012
Etwa 700.000 von 11 Millionen Einwanderern in Griechenland sind Moslems – so ungefähr. Ganz genau weiß man das nicht, da ihnen die Regierung das Leben nicht gerade einfach macht. Unter anderem hält Griechenlands Hauptstadt einen traurigen Rekord: Es gibt keine offizielle Moschee.

Moslems leben seit Jahrzehnten in Griechenland. Viele von ihnen sind schon in der zweiten Generation hier. Sie sprechen Griechisch und benehmen sich wie andere Griechen auch. Trotzdem werden sie nicht als ganz normale Bürger angesehen. Und die griechische Regierung macht es ihnen auch nicht gerade einfacher. Der Bitte zur Errichtung einer offiziellen Moschee kommt die griechische Regierung nicht nach.

Weder Moschee noch muslimischer Friedhof

„Wir haben das Angebot von Saudi Arabien bekommen, dass es die Moschee finanziert. Aber wir haben das abgelehnt“, sagt Naim Elghandour, der ägyptisch-stämmige Präsident der Muslimvereinigung Athens. „Wir wollen sie niemandem schuldig sein. Wir wollen einen öffentlichen Raum, der von der griechischen Regierung geschaffen ist.“

Naim und seine Frau haben fast ihr ganzes Leben hier verbracht. Naim hat sogar seinen Wehrdienst in Griechenland geleistet. Aber trotzdem stoßen die beiden immer auf Hindernisse, die es schwer machen, sich vollkommen integriert und akzeptiert zu fühlen. Zum Beispiel: Es gelang ihnen, ein Stück Land für die Erbauung einer Moschee zu bekommen. Allerdings kam schnell das böse Erwachen. Denn das Land lag in der Nähe des Flughafens. „Das war Bösartigkeit“, sagt Naim. „Kein praktizierender Moslem könne fünf Mal am Tag dorthin gehen, um zu beten. Es gibt weder Zeit noch Geld, um dort hinzufahren und zurückzukommen, noch existieren ideale Verkehrsverbindungen dorthin.“

Die muslimische Gemeinschaft steht deshalb in Sachen Moscheebau wieder ganz am Anfang. „Die Regierungsvertreter sagten uns, dass es nicht ihr Fehler sei, denn sie wollen eine Moschee bauen. Es stimmt auch, dass sie niemals „nein“ dazu gesagt haben – aber ihre Untätigkeit sagt mehr als tausend Worte.“

„Wir wollen kein Ghetto, keine Gesellschaft in der Gesellschaft, erschaffen“

Neben der Moschee fehlt es auch an einem muslimischen Friedhof. Es gibt zwar einen im Norden von Griechenland. Aber die Kosten, um eine Beerdigung dorthin zu verlegen plus die die Reise, machen es zu einer finanziellen Herausforderung. Hingegen ist für die Muslime vor Ort eine Bereicherung, diesen Friedhof zu haben. Er macht sie als Gemeinschaft stärker und unabhängiger. Allerdings ist das nicht das Ziel von Naims Frau Ana. „Wir wollen kein Ghetto, keine Gesellschaft in der Gesellschaft, erschaffen“, sagt sie. Mehrere NGOs haben dem Paar geraten, vor Gericht zu ziehen – auch international. Aber die beiden wollen nicht. „Das wäre das letzte Mittel. Wenn wir unsere Nachbarn verklagen, dann würden wir unsere Freunde und Kollege demütigen. Das wollen wir nicht.“

Al Salam – die Moschee in der Garage

9 Uhr abends. Mohammes Rossa heißt mich zum letzten Gebet des Tages im Viertel Neos Kosmos willkommen. Neonschriften zieren die Straßen, die voll sind von Varietés und Sexshops, die Frauen beim Ausziehen und in aufreizenden Posen zeigen. Paradoxerweise kommt die fleischliche Lust hier vor der Reinigung des Geistes in der Moschee.

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Mohammed hat Palästina vor etwa zwei Jahrzehnten verlassen, um in Griechenland zu leben. Trotzdem hat er noch immer keine Staatsbürgerschaft. „Es gibt immer irgendeine Ausrede“, sagt er. „Erst sagen sie dir, dass du zehn Jahre im Land leben musst, dann brauchst du eine Arbeit, dann irgendwas anderes… Mein Bruder hatte Glück. Er kam einige Jahre vor mir in Griechenland an und hat die Staatsbürgerschaft. Andere haben es geschafft, in dem sie einen Briefumschlag unterm Tisch übergeben haben – wenn du weißt, was ich meine.“

Eine ehemalige Garage unter einem Gebäude dient als illegale Moschee in Neos Kosmos. Es ist nicht die einzige ihrer Art. Etwa hundert davon gibt es in Athen. „Es ist schwer die genaue Zahl zu erfahren, wenn jeder einen Treffpunkt oder einen Gottesdienst in seinem eigenen Zuhause oder eigenen Räumlichkeiten organisieren kann“, erklären einige Männer, die in der Halle der Moschee warten. Ein großer Teil der muslimischen Gemeinschaft lebt in diesem Stadtteil. Die Moschee von Mohammed ist eine der beliebtesten und meist besuchten in Athen. Bis zu 500 Menschen haben in ihr Platz.

Ein kleiner Treppenaufgang an der rechten Seite führt zu einem kleinen Bereich mit mehreren Waschmöglichkeiten für die traditionelle Reinigung vor dem Gebet. Im selben schäbigen Raum werden auch die Toten gewaschen. An der linken Seite führt eine Rampe zu den Gebetsräumen. Sie sind ganz mit roten Teppichen ausgelegt, auf denen Zeilen aus dem Koran geschrieben stehen. An der Wand befinden sich Regale mit Büchern über den Islam. Es könnte hier wie in einer echten Moschee sein, wäre da nicht Krach des Luftabzuges vom Dach.

Mohammed und seine Frau haben diese Garage 1993 gekauft, weil sie glaubten, dass es nötig sei, einen Ort wie diesen, zu schaffen. Sie nannten die erste Moschee in Griechenland „Al Salam“.

Während das Gebet dort in vollem Gange ist, kommt die junge Syrerin und Journalistik-Studentin von der Uni Athen in der Moschee an. Sie erzählt wie bizarr sie es findet, wenn Bekannte von ihr diese „Migranten, die hierherkommen um zu leben“ kritisieren – ohne dabei zu bedenken, dass sie selbst auch Teil von diesen ist. „Ich bin mein ganzes Leben in Griechenland gewesen. Ich spreche ohne jeden Akzent. Deshalb ist es für die Leute schwer zu glauben, dass ich tatsächlich aus Syrien komme“, sagt sie. Sie arbeitet derzeit an einer Internetseite, wo sie und andere Nachrichten aus der islamischen Szene Griechenlands veröffentlichen können.

Aber auch das ist nur ein kleiner Schritt. Insgesamt fällt es momentan schwer, sich eine Lösung für das Moscheenproblem in Griechenland vorzustellen. Andere Konflikte sind viel akuter. Die Nerven der Griechen sind nach wie vor angespannt, wie jüngste Proteste und der Selbstmord eines Rentners auf dem zentralen Syntagma-Platz zeigen. Außerdem bekommt die Regierung das Flüchtlingsproblem nur langsam in den Griff – obwohl bereits der Bau neuer Flüchtlingslager von der Regierung beschlossen und begonnen wurde.

„Ich vermute, dass viele der kürzlich angekommenen Moslems lieber woanders hinziehen würden in Hinblick darauf, wie unmöglich es ist, hier zu leben“, sagt Julia. „Alle anderen, die schon tiefere Wurzeln geschlagen haben, müssen hier wahrscheinlich ihre Religion weiterhin in versteckten Moscheen ausleben.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportageserie  Multikulti on the Ground 2011-2012, von cafebabel.com in ganz Europa. Lest hier mehr über die Idee von Multikulti on the ground.  Ein großes Danke an das Lokalteam in Athen.

Fotos (in der Reihenfolge des Textes):  (cc)Abdulmajeed Al.mutawee/flickr, (cc)PhotoAtlas/flickr, ©Colin Delfosse