Gesellschaft

Arno Jullien: Europas Grimassen live

Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Europalive ist die Geschichte eines jungen Hobbyfilmers, der mit seiner Videokamera im Gepäck durch 24 europäische Länder reiste, um das menschliche Gesicht des Alten Kontinents einzufangen. Ziel des 52-minütigen Films von Arno Jullien ist es, die Wahrnehmungen, Vorlieben und Grimassen der Europäer zu zeigen und für andere nachvollziehbar machen. Interview.

cafebabel.com: Was waren neben Deiner Abenteuerlust die wichtigsten Beweggründe für Dein Projekt Europalive?

„Heutzutage haben junge Menschen unter 25 nicht wirklich eine Meinung über die EU.“

Arno Jullien: Ziel war es herauszufinden, was einen Europäer ausmacht. Als Teil der „Erasmus-Generation“ wollte ich wissen, auf welche Art und Weise das Europa der 27 wirklich existiert - und zwar abseits der üblichen Nachrichten, mit denen die großen Medien über Europa berichten. Ich selbst habe mich in Sachen Europa immer eher schlecht informiert gefühlt und hatte deswegen den Eindruck, dass es auf europäischer Ebene an Kommunikation fehlt. Bei der Ausarbeitung der Fragen über das Alltagsleben der europäischen Bürger hatte ich besonders ein Ziel vor Augen: die verschiedenen kulturellen und historischen Sichtweisen der Europäer herauszustellen. Dadurch ist mir schließlich bewusst geworden, dass wir Europäer gar nicht so verschieden sind.

cafebabel.com: Deine Fragen waren durchaus politisch ausgerichtet. Hast Du mit dem Projekt auch ein gesellschaftliches Engagement verbunden?

Hinter dieser Grimasse stecken drei Jahre Vorbereitung und acht Monate DreharbeitenArno Jullien: Tatsächlich steckte soziales Engagement dahinter. Trotzdem habe ich versucht, ohne Vorurteile zu reisen. Europalive stützt sich auf keine wissenschaftliche Basis. Es hat nur zum Ziel, sowohl die Bürger als auch die Institutionen anzusprechen. Während der Vorbereitung für das Projekt hatte ich große Schwierigkeiten, Informationsquellen zu finden, die für junge Menschen geeignet sind. Heutzutage haben junge Menschen unter 25 nicht wirklich eine Meinung über die EU. Um ehrlich zu sein habe ich den Eindruck, dass sie ihnen egal ist. Ein Grund mehr für mich, von meiner Reise zu berichten, Zeuge einer tollen Erfahrung zu sein, mit der sich jeder identifizieren kann.

cafebabel.com: Da du unvoreingenommen gereist bist - hat sich deine Sichtweise von Europa seit dieser Reise verändert?

„Macht es! Das Schlimmste, was passieren kann, sind positive Überraschungen!“

Arno Jullien: Ich hatte schon einige Erfahrung, bevor ich losgefahren bin, da ich schon in mehreren europäischen Hauptstädten gelebt habe. Deshalb sehe ich mich zunächst als Europäer und nicht nur als Franzose. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich nicht im Voraus über meine Reiseländer informiert habe - ich wollte möglichst viel Platz für Überraschungen lassen. Durch diese Vorgehensweise konnte ich meine Ansichten über Europa tatsächlich weitgehend ändern, zum Beispiel mithilfe der Aussagen der Obdachlosen. Das sind wunderbare Menschen: Sie haben überall gelebt, sprechen fünf Sprachen und sind fähig, einem Zitate von Verlaine und Beaumarchais an den Kopf zu werfen! Ich glaube, am meisten war ich von ihrer Kultur und Offenheit überrascht. Durch solche magischen Momente ist das Projekt dann auch weit über das Stadium meiner reinen Neugierde hinaus gegangen. Heute kann ich bestätigen, dass man aus jeder Art von Erfahrung lernen kann, egal um welches Thema es geht. Ginge es nach mir, wäre ein Erasmus-Jahr Pflichtprogramm für alle, um zu lernen, die einfachen Dinge des Lebens zu vergleichen. Man öffnet die Augen für die Welt, die einen umgibt. Europalive, das ist auch eine Botschaft: „Macht es! Das Schlimmste, was passieren kann, sind positive Überraschungen.

Mehr Informationen zu Europalive gibt es bald imbabelblog von Arno Jullien aufcafebabel.com. Dort präsentiert er die Videos seines Projekts als Serie.

Fotos : ©U-g-g-B-o-y/flickr; Portrait Arno Jullien : ©Matthieu Amaré; Europalive : ©Europalive