Gesellschaft

Arkadi Babtschenko: 'Das heutige Russland ist das Deutschland von 1934'

Artikel veröffentlicht am 3. März 2008
Artikel veröffentlicht am 3. März 2008
Arkadi Babtschenko, der als 18-Jähriger an die tschetschenische Front geschickt wurde, offenbart in seinen gesammelten Erzählungen 'One Soldier's War in Chechnya' den täglichen Alptraum eines russischen Soldaten.

Arkadi Babtschenko nimmt kein Blatt vor den Mund. Regungslos stößt er seine Worte hervor. "Die russische Gesellschaft ist grausam heutzutage. Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus sind weit verbreitet. Letzten Endes ähnelt mein Land mehr oder weniger Deutschland im Jahre 1934." Der 1977 geborene, große Mann wartet in einer Bar im Herzen des Londoner Stadtviertels Soho, begleitet von seiner Übersetzerin. Er ist kahlgeschoren. Sein Gesicht zeigt feine Züge. Ich kann nicht verhindern, darin Spuren der schrecklichen Erfahrungen an der tschetschenischen Front zu suchen.

1996 ist Arkady 18 Jahre alt und verbringt seine Tage in den Hörsälen der Rechtsfakultät in Moskau. Seine Zukunft scheint vorgezeichnet: "Eine Karriere als Rechtsanwalt, viel Geld und ein dickes Auto", fasst er in einigen Worten zusammen. Doch Babtschenko hatte seine Rechnung ohne Boris Jelzin gemacht. Der damalige russische Präsident entschied, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tschetschenen zu ersticken.

Eine unmenschliche Armee

Die russische Armee wirbt Arkadi an und schickt ihn nach sechs Monaten Ausbildung in den Kampf. Es folgen Monate der Hölle, in denen der junge Mann und seine Kameraden täglich von Offizieren geschlagen werden. Er muss gegen den Hunger, die Kälte, den Wahnsinn, die feindlichen Übergriffe und die ihm zugefügten körperlichen Qualen kämpfen.

Nach dem ersten Tschetschenienkrieg (1994-1996) kehrt Arkadi 1998 nach Russland zurück, um weiter zu studieren. Aber im folgenden Jahr meldet er sich freiwillig, um im zweiten Tschetschenienkonflikt (1999) wieder ganz mit vorn zu stehen. Nach einigen Sekunden bricht er das Schweigen: "Ich bin niemals wirklich zurückgekommen. Mein Körper war da, aber meine Gedanken und mein Bewusstsein sind in Tschetschenien zurückgeblieben. Es war wie Wahnsinn. Dazu kam, dass die Welt, in die ich zurückgekehrt bin, mich nicht mehr akzeptiert hat. Das habe ich nicht ertragen. Das zweite Mal habe ich mich befreit gefühlt: Es war, als ob ich dorthin zurückkehren musste, um einen Teil meines Lebens wieder zu finden."

Bei der zweiten Rückkehr fühlt Arkadi das starke Bedürfnis sich zu 'reinigen' und all das, was er in einer unmenschlichen Armee in diesem Krieg erlebt hat, auf Papier festzuhalten. Die in einem Buch zusammengetragenen Erzählungen sind bereits auf Englisch unter dem Titel One Soldier's War in Chechnya erschienen.

"Der Prozess des Schreibens war wie eine Katharsis. Ich konnte all das nicht ertragen. Meine Leser sind meine Psychotherapeuten. Wenn ihr lest, was ich geschrieben habe, fühlt ihr euch schlecht und ich mich besser!", fasst er nicht ohne Humor zusammen.

Molotowcocktail an den Grenzen Europas

Wir lachen, aber ich weiß, das er recht hat: Seine Geschichte zu lesen, verlangt einem einiges ab. Sie stürzt den Leser in Schrecken und gleichzeitige Faszination. Eine rohe Wahrheit auf Papier, bestehend aus Blut, Unsinnigkeit, Erniedrigung und Unverständnis. Ein Molotowcocktail an den Grenzen Europas. Und trotzdem sind die Leser ihm dorthin gefolgt: Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, sein Autor wurde mit Tolstoi und Isaac Babel verglichen und erhielt den Preis für das beste Debüt des Jahres (2007) in Russland.*

Ich befrage ihn über die Praxis der körperlichen Schikanen innerhalb der russischen Armee: "Das ist in Russland kein Geheimnis mehr. Das gibt es seit 30 Jahren. Man hat darüber in den Medien diskutiert, aber es hat sich nichts geändert. Das sind die Spielregeln. Wenn Sie einen Sohn haben, wissen Sie, dass er eines Tages seinen Militärdienst ableisten wird und zwei Jahre lang geschlagen wird." Das Problem liegt, seiner Meinung nach, in der russischen Gesellschaft. "Die Armee reflektiert die Gesellschaft. Und wenn die Gesellschaft grausam ist, ist die Armee grausam", schließt Arkadi.

Wie kann man nach diesen schrecklichen Jahren noch an die Menschlichkeit glauben? "Niet", antwortet Arkadi auf Russisch. "Es ist jetzt erst wieder soweit, dass ich langsam beginne, an die Menschheit zu glauben." Der ehemalige Soldat lebt heute mit seiner Frau und seinem Sohn in Moskau. Er arbeitet als Journalist für die wichtigste russische Oppositionszeitung Novaya Gazeta. Die vor einem Jahr ermordete Journalistin Anna Politkowskaja war seine Kollegin. Kennt er den Grund für den Mord? Seine Antwort ist vorsichtig: Er hat eine Vorstellung, möchte aber nicht in die staatlichen Ermittlungen eingreifen. Eine Untersuchungskommission arbeitet an der Aufklärung.

Die ehemaligen Kämpfer rehabilitieren

Babtschenko wird in jedem Fall weiter über die Armee schreiben, über das Leben der Soldaten während und nach den zwei Tschetschenien-Konflikten. "Ich glaube nicht, dass das Schreiben über den Krieg die Leute davon abhalten wird zu kämpfen. Aber ich hoffe, dass darauf Reaktionen folgen, selbst geringfügige: Wenn ein 15-jähriger Junge begreift, dass er nicht töten soll, während er meinen Text liest, so ist dies bereits eine Rechtfertigung für das, was ich tue."

Arkadi Babtschenko hat sich zudem der Initiative eines ehemaligen Soldaten, der in Afghanistan gekämpft hat, angeschlossen. Dieser hat 1998 eine Internetseite mit dem Titel The Art of War ins Leben gerufen. Mehr als 200 ehemalige Soldaten der letzten Kriege teilen sich durch Texte, Gedichte und Zeichnungen auf der Internetseite sowie in der Zeitschrift Iskusstvo Voyny mit. "Wir wollen nicht schweigen", erklärt Arkadi. Der Autor und Journalist weist auf die Abwesenheit vernünftiger Resozialisierungsmaßnahmen für ehemalige Frontsoldaten in Russland hin, laut Babtschenko ein weiteres Beispiel für eine grausame und apathische Gesellschaft.

"Mehr als eine Million Menschen haben in Afghanistan und Tschetschenien gekämpft. Und niemand spricht darüber, es gibt keine Gedenkfeiern. Wir wollen nicht aufhören zu existieren, wir wollen, dass die Leute wissen, dass wir gekämpft haben und wie der Krieg war. Wir wollen nicht, dass sie nur die offizielle Version der Geschichte kennen." Dieses Recht, diese Freiheit fordern die "18-jährigen, jungen Männer, die aus ihren Familien gerissen und aufgrund politischer Machenschaften an die Front geschickt wurden. Sie haben Arme, Beine oder den Verstand verloren und werden bei ihrer Rückkehr von der Gesellschaft geächtet."

Arkadi Babtschenko über:

Russland

"Russland hatte niemals das Bestreben eine freie Nation zu sein. Die Sklavenmentalität ist ein Teil der russischen Mentalität. Folglich nimmt man an, sie sei ein Teil von uns."

Putin

"Es gibt drei Menschen auf der Welt, die ich aus ganzem Herzen hasse: Boris Jelzin, Pavel Grachov (der Verteidigungsminister, der entschieden hat, 1994 repressive Maßnahmen gegen Grosny einzusetzen; A. d. Red.) und Wladimir Putin. Zwei von ihnen sind noch da.

Das Magazin Iskusstvo Voyny, für das er mit anderen ehemaligen Kämpfern zusammenarbeitet:

"Die erste Nummer wurde im November 2006 veröffentlicht. Wir haben sie selbst finanziert und wollen sie demnächst auch in Englisch anbieten, um ein größeres Publikum zu erreichen."

One Soldier's War in Chechnya, Arkady Babchenko, Portobello Books.