Gesellschaft

Antisemitismus in Frankreich: Torheiten vs. Thora

Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2014

Von außen scheint es so, als hätte Frank­reich ein Pro­blem mit Juden. Die Be­liebt­heit des Ko­mi­kers Dieudonné, der gerne den Ho­lo­caust ver­harm­lost und Jean-Ma­rie Le Pen der Juden in einem Atem­zug mit Öfen nennt, haben das Land in Ver­ruf ge­bracht. Eine Re­por­ta­ge aus dem Pa­ri­ser Be­zirk Ma­rais: von Schreck­ge­spens­tern und vie­len Zah­len.

Je wei­ter man sich der Rue des Ro­siers nä­hert, einem Ort im vier­ten Ar­ron­dis­se­ment von Paris, der als Zen­trum der jü­di­schen Ge­mein­schaft gilt, spürt man plötz­lich eine an­de­re At­mo­sphä­re. An die­sem son­ni­gen Mitt­woch­nach­mit­tag drängt sich eine be­trächt­li­che Men­schen­men­ge auf die Stra­ße. Um sie herum sor­gen schö­ne Ge­bäu­de, Läden, Bü­che­rei­en, Re­stau­rants und ver­schie­de­ne Händ­ler für den be­son­de­ren Charme. Genau an die­sem fried­li­chen Ort fand am 9. Au­gust 1982 ein an­ti­se­mi­tisch mo­ti­vier­tes At­ten­tat auf das Re­stau­rant „Jo Gol­den­berg" statt, wel­chem 6 Tote und 22 Ver­letz­te zum Opfer fie­len. Erst 19 Jahre da­nach wurde eine pa­läs­ti­nen­si­sche Be­we­gung na­mens Abu Nidal Or­ga­ni­sa­ti­on von der fran­zö­si­schen Jus­tiz für die Tat ver­ant­wort­lich ge­macht.

„Eine feind­li­che Agen­da, die es auf Juden in aller Welt ab­ge­se­hen hat“?

Fragt man heute die Ein­woh­ner des Quar­tiers, wie es um An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich steht, kom­men sie ins Grü­beln. Ei­ni­ge be­zwei­feln, dass es ihn wirk­lich gibt. „Nach den Be­rich­ten der letz­ten Jahre ver­schwin­det der An­ti­se­mi­tis­mus mehr und mehr aus un­se­ren Stra­ßen. Aber die Er­in­ne­rung an das schreck­li­che At­ten­tat bleibt trotz­dem immer in uns“, er­klärt ein jü­di­scher An­woh­ner mit be­ben­der Stim­me. Eine Frau der glei­chen Kon­fes­si­on un­ter­bricht ihn schrei­end: „Der An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich be­kommt immer mehr An­hän­ger. Jene, die sagen, es gäbe ihn nicht in die­sem Land, stel­len sich gegen die Er­war­tun­gen und Sehn­süch­te der fran­zö­si­schen Juden. Sie be­für­wor­ten damit eine feind­li­che, au­ßen­po­li­ti­sche Agen­da, die es auf die Juden in aller Welt ab­ge­se­hen hat.“ 

Die Wahr­neh­mung und das Ver­ständ­nis vom An­ti­se­mi­tis­mus klaf­fen sogar in­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­de weit aus­ein­an­der. Die Ant­wor­ten, der in Paris ge­führ­ten In­ter­views, las­sen sich in drei Ka­te­go­ri­en ord­nen: (1) jene, die sagen, dass es An­ti­se­mi­tis­mus gibt und die be­stä­ti­gen, dass der Hass auf Juden steigt; (2) jene, die nichts dazu sagen kön­nen, da sie sich noch nie damit aus­ein­an­der ge­setzt haben; und (3) schließ­lich jene, wel­che die Exis­tenz des An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich ab­strei­ten, ab­ge­se­hen von sel­te­nen Ein­zel­fäl­len.

„Nach einem Ver­bre­chen an einem Juden, einem Schwar­zen oder einen Mos­lem darf man in kei­nem Fall sagen, dass er einer ras­sis­tisch mo­ti­vier­ten Tat zum Opfer ge­fal­len ist“, be­stä­tigt Isaac, ein jun­ger Jude aus Paris, „son­dern man muss sagen, dass eine be­stimm­te Per­son fran­zö­si­scher oder an­de­rer Na­tio­na­li­tät einer kri­mi­nel­len Straf­tat zum Opfer wurde. Dann muss die Jus­tiz die Schul­di­gen fin­den und ihre Mo­ti­ve auf­klä­ren. Erst ab die­sem Mo­ment kann man fest­stel­len, ob die Ag­gres­si­on auf Ras­sis­mus ba­siert oder nicht.“ Isaac sagt von sich, dass er sehr an sei­ner Re­li­gi­on und sei­nen Wur­zel hängt. Manch­mal är­gert er sich sehr über be­stimm­te Pres­se­ti­tel, die wie er sagt „in ei­ni­gen Fäl­len den ras­sis­ti­schen Hass näh­ren und be­stimm­ten Per­so­nen Fak­ten geben, um den Ter­ror zu ver­stär­ken. So­bald man an­gibt, dass ein Opfer jü­disch oder mus­li­misch ist, sind so­fort alle über­zeugt, dass es sich um eine an­ti­se­mi­ti­sche oder is­la­mo­pho­be Tat han­delt. Das ist aber nicht immer der Fall.“

„An­ti­se­mi­tis­mus ist die Pro­pa­gan­da Is­ra­els“ ?

Av­ra­ham Wein­berg ist Wär­ter in der Syn­ago­ge „Adath Is­ra­el“, die im elf­ten Pa­ri­ser Ar­ron­dis­se­ment zu fin­den ist. Nach einem lan­gen Ge­spräch, fin­det er plötz­lich sehr klare Worte: „Es gibt ab­so­lut kei­nen An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich.“ Er er­klärt, dass „es zwar stimmt, dass Juden ab und zu be­droht wer­den“, was er sehr be­daue­re, „des­we­gen dür­fen wir aber nicht die Leute ver­rückt ma­chen.“ Ist der An­ti­se­mi­tis­mus also ein Schreck­ge­spenst? Für Av­ra­ham „ist es der Staat Is­ra­el, der eine Pro­pa­gan­da ge­schaf­fen hat, die dafür sor­gen soll, dass die fran­zö­si­schen Juden nach Is­ra­el kom­men und dort ihr Geld las­sen.“

Av­ra­ham Wein­berg ist in Is­ra­el ge­bo­ren und hat dort seine ers­ten zehn Le­bens­jah­re ver­bracht. Er er­in­nert sich an eine glück­li­che Kind­heit, in der er mit ara­bi­schen Kin­dern ge­spielt hat. „Wir waren wie Brü­der, wir sind zu­sam­men auf­ge­wach­sen und wir haben uns nie fremd ge­fühlt oder ge­merkt, dass wir ver­schie­de­ner Ab­stam­mung sind“, seufzt er. Av­ra­ham be­schul­digt die Zio­nis­ten (Be­we­gung, die auf die Er­rich­tung, Recht­fer­ti­gung und Be­wah­rung eines jü­di­schen Na­tio­nal­staats in Pa­läs­ti­na ab­zielt, A.d.R.) für die Ver­schlech­te­rung der Si­tua­ti­on im Nahen Osten ver­ant­wort­lich zu sein. „Sie (die Zio­nis­ten) sind blind vor Gier, das Land zu ko­lo­ni­sie­ren. Sie wol­len die Welt re­gie­ren, zu­sam­men mit der Welt­macht USA.“

Zah­len und Un­be­ha­gen

Im Jahr 2013 wurde vom SPCJ (Ser­vice de Pro­tec­tion de la Com­mu­nauté Juive, dt. ‘Dienst zum Schutz der jü­di­schen Ge­mein­schaft‘) der fran­zö­si­sche An­ti­se­mi­tis­mus-Re­port her­aus­ge­bracht. Darin ist zu lesen, dass „der An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich über die Kon­junk­tur der Kon­flik­te im Nahen Osten hin­aus be­trach­tet wer­den muss. Es han­delt sich um einen struk­tu­rel­len Miss­stand, der längst nicht so aus­ge­bremst wurde, wie es mög­lich ge­we­sen wäre.“ Die Daten für den Be­richt wur­den ge­mein­sam mit dem fran­zö­si­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um er­ho­ben. Seine Zah­len und Sta­tis­ti­ken zei­gen einen ein­deu­ti­gen An­stieg des An­ti­se­mi­tis­mus in Frank­reich. Der SPCJ gibt an, dass die Vor­fäl­le im Jahr 2013 über „le­gi­ti­me, zu er­war­ten­de Zah­len“ hin­aus­gin­gen, ob­wohl be­reits eine Ver­min­de­rung um 31 % der an­ti­se­mi­tisch mo­ti­vier­ten Taten (im Ver­gleich zum Be­richt von 2012) fest­zu­stel­len ist.  Der SPCJ be­trach­tet 2012 als „ex­tre­mes Jahr in Bezug auf den An­ti­se­mi­tis­mus“ (614 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.). Für das Jahr 2013 bleibt die Zahl der Vor­fäl­le er­höht (423 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.) ver­gli­chen zu 2011 (389 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.). Diese Ent­wick­lung be­schreibt die Stu­die als „be­sorg­nis­er­re­gend“. Der SPCJ er­klärt, dass der Zeit­raum 2011-2013 eine sie­ben­mal hö­he­re An­zahl an an­ti­se­mi­tisch mo­ti­vier­ten Straf­ta­ten, ver­gli­chen zur Zeit der 90er Jahre, zeige. Die meis­ten die­ser Taten von 2013 wur­den in Paris be­gan­gen, hier wur­den 77 Fälle ge­zählt. Die Hälf­te davon lässt sich auf nur vier Ar­ron­dis­se­ments be­gren­zen: das 16. und das 19. (je­weils 12 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.), das 11. (9 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.) und das 20. (8 an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten, A.d.R.).

Der SPCJ wurde vom CRIF (Con­seil Représen­ta­tif des In­sti­tu­ti­ons Jui­ves de Fran­ce, dt. ‘Zen­tral­rat der Jü­di­schen In­sti­tu­tio­nen in Frank­reich’) ge­grün­det und fi­nan­ziert. Sein Si­cher­heits­dienst ist nicht be­son­ders gast­freund­lich, auch nicht ge­gen­über ausländischen Jour­na­lis­ten. Man wird ab­ge­wie­sen, ob­wohl man nur ein paar Fra­gen stel­len woll­te. Erst nach um­ständ­li­chen Te­le­fo­na­te, fin­det sich end­lich eine Per­son, die mich ein­lädt „alle Fra­gen, die ich habe, zu stel­len“! Als es so­weit war, war sie je­doch un­kon­zen­triert und des­in­ter­es­siert an un­se­rem In­ter­view. Sie riet uns sogar, un­se­re Ant­wor­ten doch bes­ser im In­ter­net zu su­chen. Her­aus be­glei­tet wurde ich von drei Män­nern, einer davon Po­li­zist. An­schei­nend gibt es auch noch Dinge, die von den Zah­len nicht er­klärt wer­den kön­nen.

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil einer Son­der­rei­he über Paris, die auf In­itia­ti­ve von Cafébabel in Zu­sam­men­ar­beit mit „i-watch“, „Se­arch for Com­mon Ground“ und der „An­na-Lindh-Stif­tung“ im Rah­men des Pro­jekts "Eu­ro­med Re­por­ter" ver­öf­fent­licht wird. Wei­te­re Ar­ti­kel dem­nächst auf der Start­sei­te die­ses Ma­ga­zins.