Gesellschaft

Anschläge in Brüssel: „Von hier geht alles den Bach runter“

Artikel veröffentlicht am 22. März 2016
Artikel veröffentlicht am 22. März 2016

Heute Morgen kam es in Brüssel zu Bombenanschlägen am Flughafen sowie in einer Metrostation in der Nähe des EU-Viertels. Dabei wurden nach bisheriger Zählung mehr als 30 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Europas Hauptsstadt befindet sich im Schockzustand. Reaktion eines Journalisten vor Ort.

cafébabel: Wo bist du gerade?

Quentin: Ich kann die Station Maelbeek von meinem Standort aus sehen [Metrostation, auf die bei den Angriffen gezielt wurde, Anm. d. Red.]. Mein Büro ist ungefähr 200 Meter von hier entfernt. Die Rue de la Loi - der große Boulevard, an dem sich die Europäischen Institutionen befinden - wird gerade abgesperrt. Sie machen alles dicht.

cafébabel: Was passiert um dich herum?

Quentin: Überall ist Polizei, ich kann die ganze Zeit Sirenen hören … Journalisten quetschen sich in ein Hotel in der Nähe, um zu arbeiten, einige machen Liveübertragungen auf der Straße. Die Polizei und die Feuerwehr drehen ihre Runden. Neben der Metrostation sind zwei oder drei Krankenwagen. Aber ich kann nicht sehen, ob sie immer noch Verwundete von dort evakuieren.

cafébabel: Wie fühlst du dich selbst gerade?

Quentin: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. [Schweigen]. Ich kann es nicht fassen. Es gibt einen Moment, wo du verdammt nochmal nicht verstehst, was los ist. Scheiße Mann, das sind Leute, die eine U-Bahn oder den Flieger nehmen wollen. Wir wussten, dass das passieren kann. Schließlich wissen wir, dass sie uns einschüchtern wollen. Aber bist du als Journalist auf so etwas vorbereitet? Wir sind im ständigen Stress. Aber diesmal war ich richtig nah dran. Erstmal abwarten, aber ich denke, dass es eine harte Woche auf Arbeit wird.

cafébabel: Kann man als Journalist in solch einer Situation einfach so arbeiten?

Quentin: Du hast nicht wirklich eine Wahl. Das heißt im Jargon „von Eilmeldungen überrollt werden“. Wir sind im Arbeitsmodus, wir sind live, wir sind bei Twitter, man muss einfach weiter arbeiten. Es gibt ja jetzt schon Gerüchte, denen zufolge es überall in Brüssel Schüsse gegeben hätte. Man muss Informationen sofort prüfen, auch um die Leute zu beruhigen. Das ist unser Job, zu bestätigen was wir können und unsere Leser davor zu warnen, was wirklich passiert. Weil es von hier nur den Bach runter gehen kann.

cafébabel: Ganz ehrlich, wir haben alles Mögliche darüber gehört, was heute Morgen passiert sein soll. Kannst du überhaupt Abstand nehmen und die Sache durchdenken?

Quentin: Mehr oder weniger … Zum Beispiel, ich war ungefähr 9:40 Uhr am Hauptbahnhof, als sie durchsagten, dass es eine dritte Explosion gegeben hätte. Eigentlich war das nichts. Dann haben die Behörden eine Nachricht gesendet, dass noch eine weitere Bombe folgen könnte. Hypothetische Informationen haben nur zur Verwirrung beigetragen. Um Gerüchte in „Fakten“ zu verwandeln, braucht es nur jemanden, der kein Französisch kann und etwas falsch versteht.

cafébabel: Es wird von einem Belagerungszustand, sogar von einem „Kriegszustand“ gesprochen. Kannst du das nachvollziehen?

Quentin: Ich weiß nichts über einen Kriegszustand. Aber wir sind ziemlich offensichtlich im Belagerungszustand - wir sind auf Alarmstufe 4. Das ist Frankreichs Ausnahmezustand gleichzusetzen. Sie haben die Busse, die Straßenbahnen, die U-Bahn gestoppt. Restaurants sind geschlossen. Brüssel wird zur Geisterstadt. Über den Ausdruck „Kriegszustand“ bin ich skeptischer. Meiner Meinung nach führt er genau zu der Denkweise, die diese Typen kreieren wollen. Die Behörden [laut jüngsten Nachrichten sind 1600 Kräfte im Einsatz, Anm. d. Red.] treffen Sicherheitsvorkehrungen und tun alles, was sie können, um die Situation zu beruhigen. Jetzt müssen wir auch unsere Arbeit machen und die Öffentlichkeit über die Fakten informieren.

cafébabel: Du hast schon den „Lock Down“ miterlebt: auch in den Tagen nach den Anschlägen von Paris war die Alarmstufe 4 angesagt. Ist es diesmal anders?

Quentin: Es ist überhaupt nicht zu vergleichen. Der Lock Down [der Ausdruck wurde in den Tagen nach den Pariser Attentaten benutzt, um den Ausnahmezustand nach den Terrordrohungen in Brüssel zu beschreiben, Anm. d. Red.] wurde am Wochenende um 5 Uhr morgens beschlossen. Dadurch bist du aufgewacht und es gab keine Metro mehr, alles war zu. Heute ist Dienstag, alle sind auf Arbeit, es ist einfach nicht das Gleiche. Die Leute erwarten es nicht. Man sieht Leute, die überall umher rennen, alle Büros versuchen, ihre Mitarbeiter zu schützen. Panik bricht aus.

cafébabel: Es gab sehr schnell Stellungnahmen zu den Anschlägen, zum Beispiel vom schwedischen Ministerpräsidenten, der von einem „Angriff auf das demokratische Europa“ sprach. Glaubst du, dass die europäischen Institutionen besonders gezielt angegriffen wurden?

Quentin: Wir wissen, dass die Institutionen allgemein im Visier sind. Strategisch gedacht gibt es im Europäischen Viertel viele Diplomaten, Politiker, also handelt es qich automatisch um ein Gebiet, das man im Auge behalten muss. Aber die Stellungnahmen zum „Symbol Europa“, daran glaube ich weniger. Es ist noch zu früh um zu sagen, was das Ziel der Terroristen war. Es wurde bestätigt, dass der Anschlag in Maelbeek von einem Selbstmordattentäter begangen wurde. Deshalb denkt man, der Anschlag war vorbereitet. Ob es ein Anschlag war, der Europa als Rache für bestimmte Handlungen ins Visier nimmt? Ich weiß es nicht. Das werden wir erst nach den Untersuchungen sehen.

Die Station Maelbeek, Ziel des zweiten Anschlags am Morgen in Brüssel.

cafébabel: Das Europäische Viertel ist das, wo am meisten los ist.

Quentin: Ja, offensichtlich. Im EU-Viertel arbeiten mehr als 30 000 Leute. Dann gibt es NGOs, Anwaltskanzleien und so weiter. Die Metrolinie, die getroffen wude, ist eine der meistgenutzten. Wenn sie Maelbeek angreifen, passiert das vor allem, weil sie wissen, dass da viele Leute durchkommen.

cafébabel: Wie wird dein Tag aussehen?

Quentin: Ich denke, wir werden einen langen Tag haben. Das erste Ziel ist, Bullshit zu vermeiden.

cafébabel: Viele Leute sagen, dass sie sich angesichts dieser Angriffe machtlos fühlen. Geht es dir auch so?

Quentin: Ja. Es ist wie in Paris. Sie greifen Städte an, wo niemand bewaffnet ist, multikulturelle Städte, Gegenden, die darauf nicht vorbereitet sind. Maelbeek hat keine hohen Sicherheitsvorkehrungen. Es ist eine kleine Station, vielleicht neben einer Brücke, aber hey... wenn du zur Arbeit willst, musst du da durch.