Gesellschaft

Anschlag in St. Petersburg: Nicht da, wo ich sein sollte

Artikel veröffentlicht am 7. April 2017
Artikel veröffentlicht am 7. April 2017

Unsere Autorin hat ein Erasmus-Jahr in St. Petersburg verbracht. Als am vergangenen Montag in der russischen Metropole 14 Menschen bei einem Attentat in einer U-Bahn ums Leben kamen, war sie in Paris. Während der Anschläge von Paris im November 2015 war sie in Russland.

Leere und Stille, die Stadt befindet sich im Rückwärtsgang. Auf der Straße sind ein paar Passanten, verstört und in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, als würden sie sich ihres Spaziergangs schämen. Als ich bei der Botschaft ankomme, hat ein starker Regen eingesetzt. Am Eingang des Gebäudes hat sich bereits eine kleine Gruppe von Menschen gebildet. Sie stehen vor einem Berg aus Blumen, Kerzen, Fahnen und Worten der Unterstützung. Sie betrachten ihn, beeindruckt, bewegungslos. Über einige Gesichter rinnen Tränen, sie vermischen sich mit den Regentropfen, die auch die Trauerbekundungen und Kinderzeichnungen durchnässen. Der schmale Bürgersteig des Newski-Prospekts, der Hauptverkehrsader von St. Petersburg, gestattet kein längeres Verweilen. Am Eingang der Botschaft lege ich meine Blumen nieder, rote Nelken. Ich verlasse diesen andächtigen Ort des Gedenkens mit dem Gefühl, zu wenig getan zu haben, zu weit weg zu sein.

Diese Erinnerung liegt fast eineinhalb Jahre zurück, es war der 14. November 2015. Im September hatte ich meinen Pariser Vorort verlassen, um an einem einjährigen Austauschprogramm in St. Petersburg teilzunehmen. Am Vorabend war Paris, meine geliebte Stadt, von den verheerendsten Terroranschlägen in der Geschichte Frankreichs getroffen worden. Als am vergangenen Montag in der St. Petersburger U-Bahn eine Bombe explodierte und zehn Menschen auf der Stelle tötete, kam dieses ungute Gefühl wieder hoch: in diesem Moment nicht dort zu sein, wo ich sein sollte. Frustration, Schuldgefühle, wie kann ich aus der Ferne helfen und meine Unterstützung bekunden? 

Die Abläufe wiederholen sich, wie eine Art von Ritual: sich vergewissern, dass  nahestehende Menschen in Sicherheit sind, ein paar Zeilen in den sozialen Netzwerken posten, die Nachrichten verfolgen, um jede noch so kleine Information zu erhaschen. Und schließlich mit den Freunden reden, über das Wie und das Warum, über die Zukunft. All dies ist heutzutage aus der Ferne möglich. Jedoch empfindet man das alles als unzureichend. Man möchte dort sein, an ihrer Seite. Würde unsere Anwesenheit vor Ort etwas ändern? Sicher nicht. Macht es eigentlich einen Unterschied, wo man ist, ob hier oder dort?

In den Nachrichten sehe ich die Bilder vom Sennaja-Platz, welcher die U-Bahn-Station beherbergt, wo der Anschlag stattfand. Meine Erinnerungen kehren zurück. Was verkörpert dieser Platz für mich? Ein Durcheinander, ein Getümmel, wo kleine Shawarma-Läden (russischer Döner) und Geschäfte mit preiswerten Schuhen und Telefonkarten unmittelbar neben den Auslagen der großen internationalen Marken liegen. Hier ist Russland in komprimierter Form, immer in Bewegung, immer lebendig. In Gedanken bin ich wieder in der U-Bahn. Ihre wuchtigen Türen empfangen mich mit offenen Armen. Die typische Durchsage kündigt die Abfahrt an: „Achtung, die Türen schließen sich. Nächster Halt: Technologisches Institut.“ Ich kehre zurück in die Realität, zu den Anschlägen.  

Es zerreißt einem das Herz, die Anschläge aus der Ferne zu erleben. Blumen bei der Botschaft niederlegen, sein Profil auf Facebook ändern - diese Aktionen erscheinen so nutzlos und unbedeutend. Keine scheint dem Grauen der Ereignisse gerecht zu werden. Die einzig angemessene Reaktion ist es, vor Ort zu sein, persönlich seine Anteilnahme zu zeigen und so die Last der Trauer und der kollektiven Angst mitzutragen. Stattdessen informieren wir uns, hören die immer gleichen Eilmeldungen, tragen scheibchenweise neue Erkenntnisse zusammen. Auf diesem Weg erhalten wir Zugang zu einer Wirklichkeit, die so weit weg und doch so vertraut ist. Wir suchen nach allem, was uns mit ihr verbinden kann. Wir fühlen uns ohnmächtig, weil wir doch nur einen anonymen Beistand anbieten können.