Gesellschaft

Andalusien: Warten, bis der Wind sich dreht

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2006
Die EU und Marokko planen ein neues Fischfangabkommen. Die Fischer in Südspanien reagieren misstrauisch.

In dem Küstendorf Barbate, südlich von Cadiz, leben die Menschen seit Hunderten von Jahren mit den Launen des Meeres. Wenn der Ostwind weht, schlagen die Türen im Dorf und die Einwohner können sich nur langsam vorwärts tasten, blind vom Sand, der ihnen in die Augen treibt. Der Wind beherrscht ihr Leben, und er herrscht in den kleinen Gassen, die er in Wüsten verwandelt. Gegen diesen Wind kann man nicht kämpfen. Man kann nur warten.

Das Warten beherrscht auch den Hafen von Barbate. Auf den Anlegestellen reparieren die Fischer ihre Netze. Geschickt und präzise knüpfen ihre groben Hände die Fäden. Immer wieder gehen die Blicke der Männer zum Horizont, wo in nur zwanzig Kilometern Entfernung, jenseits der Meerenge von Gibraltar, die afrikanische Küste liegt.

Unmut über die Übereinkunft

So nah liegt diese Küste und doch so fern. Seit im Jahr 1999 das letzte Fischfangabkommen mit Marokko abgelaufen ist, dürfen die Fischer von Barbate ihre Netze nicht mehr in den fischreichen Gewässern an der nordafrikanischen Küste auswerfen. Mehr als viertausend spanische Fischer und zehntausend Arbeiter der Fischindustrie haben ihre Arbeit verloren. Einigen ist es gelungen, ihren Besitz durch staatliche Subventionen zu sichern, die meisten jedoch wurde die Existenzgrundlage genommen.

Inzwischen steht im marokkanischen Parlament die Unterzeichnung eines neuen Abkommens bevor. Der Vertrag zwischen Brüssel und Rabat sieht konkrete Eingriffe in den Fischfangsektor vor, der vor allem in Andalusien auf Unterstützung angewiesen ist. Insgesamt sollen 119 Fanggenehmigungen verteilt werden, davon mehr als achtzig Prozent an spanische Fischer. Die übrigen werden an Portugal gehen, an Frankreich und an Italien. Dank dieser Genehmigungen werden die Europäer in marokkanischen Gewässern bis zu sechzigtausend Tonnen Fisch fangen dürfen. Im Gegenzug zahlt die Union 144 Millionen Euro an Marokko. Und dennoch sind die Fischer in Barbate unzufrieden. Der alte Vertrag mit Marokko sah mehr als 600 Fangscheine vor, davon allein 541 für Spanien.

Die Fische machen sich rar

Das kleine Boot, das Francisco in den letzten fünfzig Jahren zum Fischfang genutzt hat, trägt seinen Namen. Es ist zugleich der Name seines Vaters und seines Großvaters. Wie die meisten Fischer von Barbate setzt Francisco mit seiner Arbeit eine Familientradition fort. Als er anfing, war das Meer die Hoffnung Andalusiens. „Siehst du all diese Boote, die am Kai festgezurrt sind?“, fragt Francisco und deutet auf die Umrisse der Holzkähne, die in langer Reihe auf den Wellen schaukeln. Er senkt die Augen. „Das hätte es vor dreißig Jahren nicht gegeben.“

Keiner seiner fünf Kinder hat den Weg aufs Meer gewählt. Er kann sie verstehen. „Die jungen Leute wollen heute nicht mehr für einen Hungerlohn den ganzen Tag in der Kälte auf dem Boot verbringen. Sie gehen lieber in die Städte, zu den Baustellen. Oder sie treiben sich früh morgens am Strand herum und warten auf die Motorboote. Die bringen ihnen Haschisch.“

Francisco meint die busquimanons, jene Jugendlichen, die mit ihren Mopeds bei Sonnenaufgang am Strand auftauchen. Sie besorgen sich dort Drogen, die per Motorboot an Land gebracht werden. In den letzten Jahren ist die Zahl der busquimanons zwar deutlich zurückgegangen. Dennoch sind nach Schätzungen der spanischen Polizei mindestens zehn Prozent der Einwohner von Barbate direkt oder indirekt in den Drogenhandel verwickelt.

Juan ist einer der jüngsten Fischer von Barbate. Er ist erst 37 Jahre alt, sein Sohn, der als Maskottchen ein kleines Chamäleon mit sich trägt, ist 15. „Er wird nicht Fischen gehen“, versichert Juan, während er seinem Jungen über den Kopf streicht. „Er wird studieren.“ Für die Älteren in Barbate gibt es nur wenig Unterstützung. Obwohl die meisten der Fischer längst in Rente sein müssten, fahren sie weiterhin Morgen für Morgen aufs Meer, um ihre mageren Pensionen aufzustocken. Aber die Fische machen sich zunehmend rar in den Gewässern Andalusiens.

Oft bleibt Juans Boot im Hafen. Die strengen Fangquoten müssen befolgt werden, um Überfischung zu verhindern und die Artenvielfalt im Meer zu garantieren. Der Thunfischfang, das „rote Gold“ von Barbate, ist in den letzten sechs Jahren um achtzig Prozent zurückgegangen. Inzwischen ist auch der Fang von Sardellen und Sardinen betroffen. Neben den Fangquoten bedroht vor allem die Konkurrenz durch ausländische Unternehmen die Arbeit der Fischer vor Ort. „Das bisschen, das wir fangen, können wir nicht einmal mehr verkaufen“, erklärt Juan. „Mit dem Preis der tiefgefrorenen Fische, die aus Italien, Frankreich und Marokko kommen, können wir nicht mithalten. Was können wir da schon machen?“

“Es gibt hier einfach nichts zu tun“

Rafael hat sein Boot auf die Vornamen seiner beiden Kinder getauft: Ana y Antonio. In einem Lagerhaus unweit vom Hafen blättert er in einem alten Fotoalbum. In schwarz und weiß ziehen Bilder aus längst vergangen Zeiten vorüber. Mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut betrachtet Rafale ein Foto, das seinen Vater und vierzig andere Seeleute zeigt, die gemeinsam an Bord der El Alonso arbeiten. Das Boot kenterte kurz darauf. Die Leichen der Männer wurden nie gefunden.

Vom sechsten Lebensjahr an bis zu seiner Hochzeit ist Rafael zur See gefahren. Heute arbeitet der 47-jährige als Maurer und sammelt in der verbleibenden Zeit Fotos und Poster von Kinofilmen aus den vierziger Jahren. „Es gibt hier einfach nichts zu tun“, beschwert er sich, während sein Blick über Papierboote schweift, die er in seinen Händen hält. Mit den Anekdoten über die Fischer und ihre Leben, meint Rafael, könne er ganze Bücher füllen. Dann hält er inne. Seine ganze Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf die Boote im Album. Sie sehen zerbrechlich aus und verwundbar. Ganz wie die Schiffe draußen im Hafen, die geduldig und still darauf warten, dass sich der Wind zu ihren Gunsten dreht.