Gesellschaft

An Bord des "Klimaexpress" Richtung Kopenhagen

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
12. Dezember am Gare du Nord in Paris: 800 Demonstranten steigen an Bord eines Zuges, der von zwei französischen Umweltschutzorganisationen gemietet wurde. Unter ihnen Jean-Michel Augé von der Organisation Objectif Climat, der von Straßburg nach Kopenhagen gereist ist, um Druck auf die Politiker auszuüben und sein Recht auf Meinungsfreiheit zu nutzen. Interview.

Auf dem Rückweg von KopenhagenUm Obama zu ermutigen, ambitionierte Entscheidungen gegen den Klimawandel zu treffen, war Jean-Michel Augé, 49 Jahre alt, nach Dänemark aufgebrochen. Auf seinem Weg begegneten ihm der ein oder andere Pinguin sowie Aktivisten aus der ganzen Welt, die sich zu einem kreativen Demonstrationszug zusammengeschlossen haben. Augé ist Präsident von Objectif Climat, einer elsässischen Organisation, die Menschen für das Thema Klimawandel sensibilisiert. Er hat den Klimaexpress der Umweltaktivisten in Richtung Kopenhagen genommen, um am 12. Dezember 2009 an der Seite von 50.000 bis 100.000 Leuten in den Straßen der dänischen Hauptstadt, am Rande des Weltklimagipfels zu demonstrieren. Ein Rückblick.

In 20 Stunden von Paris nach Kopenhagen und in 22 Stunden wieder zurück - und das in nur 4 Tagen! In welcher Hinsicht war der Klimaexpress eine militante Reise?

Er hat mich jünger gemacht! Das Highlight der Reise war zweifellos das riesige Handgemenge mitten im Zug mit den Aktivisten von Oxfam, Amis De La Terre (Freunde der Erde) und den Basken von Bizi. Im Rugby nennt man das 'Gedränge'. Kopenhagen war viril, aber friedlich, und zum Abschluss gab es einen großen Chor baskischer Lieder. Was mich beeindruckt hat, war der Generationenmix. Die alteingesessenen Umweltschutzaktivisten im Alter von über 70 Jahren tauschten sich mit Aktivistenneulingen aus, die kaum 20 Jahre alt waren. Dabei gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich ziemlich selten Raum zum Generationenaustausch. Außerdem war ich von der Organisation des Events beeindruckt! Das Team bestand aus Freiwilligen verschiedener Organisationen. Alle haben mit angepackt, die einen haben sich um das Essen gekümmert, andere um die Logistik. Das hat mich an die Selbstverwaltung der 1970er Jahre und die Hoffnungen der damaligen Zeit erinnert: den sozialen Fortschritt, den offenen Regionalismus, den Antikolonialismus. Diese Bewegung erwachte wieder zum Leben. Der Klimawandel bringt die Rückkehr dieser Fragen mit sich. Es handelt sich nicht um eine rein wissenschaftliche Fragestellung: Der Klimawandel stellt das Wachstum, das wirtschaftliche System, und das Verhalten des Einzelnen in der Gruppe in Frage.

Wie haben sie die Demonstration vor Ort miterlebt?

Ich habe Demos gesehen, aber keine wie diese. Es gab viel Kreativität, viel Multikulti in Kopenhagen: Es war das erste Mal, dass ich mit Nepalesen vor mir, Dänen auf der Seite und Südamerikanern hinter mir marschiert bin. Alles war 100% durchorganisiert: Hunderte Plakate und Banner wurden an Demonstranten verteilt. Man konnte sogar nach Sprache und Slogan auswählen. Das war besonders für Einzelgänger perfekt, die man so integrieren konnte! Im Gegensatz zu Demonstrationen, die von politischen Parteien oder Gewerkschaften betreut werden, konnte jeder mit seinen Liedern, seinen Parolen, Clowns- Bären und Pinguinkostümen seiner Kreativität freien Lauf lassen.

Vor allem war es keine nihilistische Demonstration, die Leute konnten offen sagen, was ihnen am Herzen liegt. Alle Worte waren gleichwertig: egal ob von jungen oder alten Leuten, Leuten aus dem Süden oder Norden. Und vor allem fanden die Kundgebungen an öffentlichen Plätzen oder mitten auf der Straße statt, im Gegensatz zu den Aktionen der Lobbyisten, die oftmals hinter verschlossenen Türen, versteckt in den Fluren der Institutionen stattfinden.

Glauben Sie, dass die Demo etwas bewirkt hat?

Bei Obama ja. Mit ihm ist nicht alles möglich, aber ohne ihn ist rein gar nichts möglich. Wir wollten großen Druck auf ihn ausüben: freundlich versteht sich, aber bestimmt. Es ist ein sehr wichtiger Moment, die Ziele des Kyoto-Protokolls sind nicht ambitioniert genug. Mit Bush war nichts möglich, Obama muss handeln und wir sind hier, um ihn zu motivieren. Wenn man einen Vergleich zum Fußball ziehen möchte, dann sind die Demonstranten in Kopenhagen der 12. Spieler. Ohne Druck unternehmen die Politiker nichts. Man darf jetzt nicht nachgeben. Aber der Gegner ist keine andere Mannschaft, sondern negative Ideen. Die ganze Welt kann etwas verändern. Man wird nicht als Umweltschützer oder Humanist geboren. Sehen wir uns die Chinesen an, die USA haben sie lange als den Teufel dargestellt, nun sind sie ihr bevorzugter Partner. Die Chinesen sind sich der Auswirkungen des Klimawandels bewusst. Man muss sie motivieren, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen.

Es besteht Handlungsbedarf. Heute können wir die Frage des Klimawandels noch in demokratischem Rahmen regeln und das Schlimmste verhindern. Aber wenn es eine Klimakrise gibt, wird es Streit um Wasser und bewohnbares Land geben und die Frage wird irgendwann nur noch unter Druck und mit Gewalt gelöst werden. Karl Marx sagte, „Gewalt ist die Hebamme, die die neue Gesellschaft aus dem Schoß der alten herausnimmt“. Ich würde eher sagen, es ist das Machtverhältnis in demokratischem Rahmen, das die Welt verändern kann.

Und für die Daheimgebliebenen: Gibt es etwas auf lokaler Ebene zu tun?

Objectif Climat will weiterhin Druck auf Lokalpolitiker ausüben. Sie benötigen diesen Druck von außen, das haben sie oft genug zugegeben. Wir begleiten und informieren auch Menschen, die ihren CO2-Fußabdruck reduzieren möchten. Wohnungsisolierung, Ernährung, Transport Unsere Analyse ist global - denn das Klimaproblem verlangt nach globalen Lösungen.

Fotos: Adam Welz (Demonstrant), Maxime Disbeaux (Jean-Michel Augé), WWF (Climate Express), Klimacamps/Flickr (Pandas)