Gesellschaft

Albanische Einwanderer in Athen: Warten auf das Ende der Krise

Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2010
Die größte und am besten integrierte Minderheit in der griechischen Hauptstadt hat bereits 2004 eine erste Krise durchgemacht: Mit dem Ende der Olympischen Spiele hielt auch der Bauboom nicht länger an, von dem die Albaner - die vorzugsweise in diesem Sektor arbeiteten - besonders profitieren konnten.
Die Mehrheit unter ihnen, überzeugte Anhänger der griechischen Lebensart, ist jedoch entschlossen zu bleiben. Umso mehr, als das griechische Gesetz den Erwerb der Staatsbürgerschaft endlich vereinfacht.

Während der 1990er Jahre erlebte Griechenland eine massive Zuwanderungswelle. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machten sich die Albaner 1991 in großer Zahl auf den Weg über die Grenze. Nach offizieller Lesart hat Griechenland etwa eine Million Albaner aufgenommen und betrachtet sie als Bereicherung seiner Wirtschaft. Es ist schwer, die genaue Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge zu ermitteln. Denn die Aufenthaltsgenehmigungen müssen alle 1 bis 2 Jahre erneuert werden. “Gemessen an der Zahl der staatlichen Genehmigungen, müssten es etwa 400.000 Albaner sein", so die Auskunft von Thanos Maroukis, einem NGO-Forscher bei der Hellenic Foundation for European and Foreign Policy (ELIAMEP), in seinem Büro im Geschäftsbereich der Innenstadt. "Eine unbekannte Anzahl gehört zu den irregulären Migranten, die in Albanien leben und mit ihren Zweijahres-Genehmigungen zum Arbeiten hierher kommen."

"Krise", ein bereits bekanntes Phänomen

Sonntagmorgen rufen albanische Familien von der Telefonzelle aus in ihrer "alten Heimat" anDie meisten albanischen Männer arbeiten in Griechenland auf dem Bau. "Für uns macht sich die Krise nicht so bemerkbar wie für die Griechen, weil wir selbst schon immer mit jeder Menge Probleme zu kämpfen hatten", erklärt Suzana bei einem Kaffee im beliebten, alternativen Stadtteil Exarchia. "Der Wendepunkt für die albanische Gemeinschaft kam 2004, als nach den Olympischen Spielen von Athen die wichtigsten Bauprojekte abgeschlossen waren und es keine Arbeit mehr gab. Für uns geht der Kampf weiter." Die Familien sind jetzt auf die Frauen angewiesen, die meistens als Reinigungspersonal in Privathaushalten oder als Betreuerinnen in der Altenpflege arbeiten.

Suzana lebt schon seit vierzehn Jahren in Griechenland. Sie ist Menschenrechtsaktivistin für Strehae Emigrantëve Shqiptarëm ("Albanische Einwanderer"). Wegen der Krise hat sie vor sechs Monaten ihren Job verloren, wovon sie lebt ist unklar. Der Student Marjonel Micka behauptet, dass die Albaner während der Krise als erste entlassen würden. Auf Athens größtem Platz, dem Syntagma, erklärt er, wie er mit seiner Familie vor elf Jahren nach Griechenland kam und seit 2008 das soziale Netzwerkportal albanians.gr betreibt, das teilweise auch auf Griechisch erscheint. "Es ist einfacher, einen Einwanderer zu entlassen, als einen Einheimischen, weil die Griechen die Gesetze besser kennen und sich schützen können." Die Einheimischen sind anderer Meinung. Allgemein würden die Albaner als gut integriert gelten. Probleme mit der griechischen Sprache hätten sie ebenfalls keine.

In dem Stück geht es um die Probleme albanischer Einwanderer nach ihrer Ankunft in Griechenland

Die zweite Generation: albanisch oder griechisch?

Angehörige der zweiten Generation wie Enke Fezollari wachsen als Griechen auf, auch wenn sie immer noch albanische Pässe mit einer griechischen Aufenthaltserlaubnis haben. Tatsächlich war es für Immigranten nahezu unmöglich, einen Einbürgerungsantrag zu stellen, trotz des Ausmaßes der albanischen Immigration. Die Papandreou-Regierung hat eine Gesetzesänderung in die Wege geleitet: Kinder von Immigranten können nun Griechen werden, die Auflagen sind sehr streng, aber machbar.

Für den 28-jährigen Enke ist seine albanische Herkunft von Vorteil. In einem abgeschiedenen Künstlerviertel, nordöstlich vom Athener Stadtzentrum, beschreibt der Theater- und Filmschauspieler, wie er 1993 als Kind mit Mutter und Schwester aus Tirana nach Griechenland gekommen ist. Einen seiner bemerkenswertesten Auftritte bot er in "One in Ten" ("Einer von zehn") im Neos Kosmos Theater, als er als einer von drei Darstellern über die Erfahrungen von Einwanderern nach ihrer Ankunft in Griechenland improvisierte. "Im Theater versuchen sie, einen Menschen so zu nehmen, wie er ist - mit seiner Biografie und dem Land, aus dem er kommt. Meine Sprachkenntnisse sind so perfekt, dass ich sowohl einen Einwanderer als auch einen Griechen authentisch darstellen kann."

Gekommen, um zu bleiben

Die neue Immigrationswelle, größtenteils Afrikaner, stellt hingegen eine Herausforderung dar. Viele afrikanische EInwanderer verdienen ihr Geld auf dem Monastiraki-Platz in Athen.Es geht aber nicht nur um Albaner. In Griechenland stellen Afrikaner, Asiaten und Einwanderer aus Nahost 10% der Bevölkerung. Hat die Krise die Angst der Einwanderer wieder verstärkt? "Angst hatten wir in den 1990er Jahren. Damals waren die Medien richtig gemein zu uns. Sie haben die Albaner so dargestellt, als kämen sie nur hierher, um Arbeitsplätze wegzunehmen", bemerkt Kleopatra Yousef in einem Café mit Ausblick über die Akropolis. 1998 beschuldigte die Botschaft von Albanien in Athen die griechischen Medien, den Eindruck zu erwecken, alle Albaner seien Kriminelle. "Wenn das jetzt wieder losgeht, dann wegen der Krise", so die Angestellte der NGO Ance-Hellas, die mit sozialschwachen Personen in Griechenland arbeitet: "Die Leute behaupten, die Einwanderer seien für ihren Jobverlust verantwortlich."

Es gibt keine Statistiken darüber, wie viele Albaner Griechenland in der letzten Zeit auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen haben. Enke Fezollaris Schwester ist nach Kanada ausgewandert, und seine Mutter will - wie viele ihrer alten Landsleute - zurück nach Albanien. Aber für die zweite Generation albanischer Einwanderer ist es nicht so leicht, sich im Heimatland der Eltern zu integrieren, ohne die Sprache zu sprechen - und es wird umso schwieriger, je mehr man sich zuvor an den griechischen Lebensstandard gewöhnt hat.

Thanos arbeitet jeden Tag mit Einwanderern und hat viele albanische Freunde. Er berichtet: "Ich kenne Leute, die nach Albanien zurückgekehrt sind und deren Kinder in Albanien einen Zusammenbruch erlitten haben. In Albanien ist es schwer, eine Arbeit zu finden. Für Albaner ist Griechenland ihre zweite Heimat. Und Albanien ist für eine Rückreisewelle nicht gewappnet, jedenfalls nicht, was die Infrastruktur betrifft. Griechische Investitionen machen immerhin 70% der albanischen Wirtschaft aus.“ Thanos bestätigt, dass sich zwar viele überlegen, zu gehen, dann aber doch in der Hoffnung darauf bleiben, dass die Krise bald vorbei sein wird und die Umstände sich bessern. Für Leute wie Enke ist Griechenland Heimat. "Viele Albaner haben Geschäfte und Häuser hier, sie haben sich hier ihr Leben eingerichtet und ihre Kinder sprechen kein Albanisch. Die Albaner lieben dieses Land, sie können es nicht so einfach verlassen."

Vielen Dank an das Athener Localteam von cafebabel.com!

Fotos : Logo und Telefonzelle ©RobW/Robert Wallace/flickr; Monastiraki-Platz ©Spirosk/flickr ; “One in ten”, das Theaterstück ©myspace.com/enkefezollari