Gesellschaft

Albanienphobie: Im Land der Harry Potter-Gauner

Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2011
Popkultur nährt sich stets von Stereotypen und Vorurteilen. Eine serbische Journalistin packt ihre Koffer für Tirana, um herauszufinden, ob diese Art von Kultur ein Indiz für eine real existierenden, allgegenwärtige Albanophobie ist.

In den Harry Potter-Büchern flieht der üble Schurke Lord Voldemort immer in ein Land, das wiederholt „Albanien“ genannt wird; ein Ort, der von dunklen Wäldern bedeckt und von bösen Kreaturen bewohnt wird. Löst man sich von J.K. Rowlings geistigem Eigentum und betrachtet Mainstream-Actionfilme aus Hollywood (man denke an 96 Hours oder Casino Royale), erlebt man Albaner oft als Strippenzieher krimineller Organisationen. Ob authentischer sozialwissenschaftlicher Ausdruck oder nicht, das Wort 'Albanophobie' hat es bis auf die Internetseiten von Wikipedia und 2010 zum Titel eines angelsächsischen Taschenbuchs (Albanophobia von Frederic P. Miller u.a.) geschafft. Die Wikipedia-Definition des Begriffs beschreibt eine Sichtweise von Albanern als „kriminell und heruntergekommen“. Albanophobie oder Anti-Albanismus sei „besonders verbreitet in Ländern mit großen albanischen Minderheiten, wie Serbien, Mazedonien und Montenegro, sowie in Ländern mit vielen albanischen Immigranten, wie Griechenland und Italien“.

Wie man Belgrad mit Tirana anfreundet

Einen ersten Hinweis auf Albanophobie erhalte ich, als ich ein Flugticket von Belgrad nach Tirana buchen will – ein Vorhaben, das den Mitarbeiter des Reisebüros sichtlich überrascht. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Hauptstädten existiert nicht; der einzige Direktflug der serbischen Fluggesellschaft JAT wurde 2008 wieder gestrichen. Alternative Reisewege nach Tirana: per Flugzeug nach Montenegro (in die Stadt Ulcinj) und von dort per Kleinbus oder Taxi nach Tirana. Oder per Flugzeug nach Priština (wovor viele Serben noch immer Angst haben) und dann weiter mit dem Bus. Ich entscheide mich für die Version Flug mit Umsteigen in Rom für etwa 200 Euro.

Während ich meine Koffer packe, erhalte ich mehr Anrufe als sonst von Freunden und Familie, wobei ein Satz immer wiederkehrt: „Sei vorsichtig in Tirana“ – und das, obwohl keiner der Anrufer jemals in Albanien war. Gestärkt wurde das negative Bild von Albanern im Dezember 2010 durch den Schweizer Europarat-Abgeordneten Dick Marty und seinen Bericht über den mutmaßlichen Handel in Albanien mit Organen von Kosovo-Serben, die nach dem Kosovo-Krieg (1998/99) entführt wurden. Die Entschädigungsforderung einer albanischen Familie gegen Dick Marty wurde im Juni 2011 abgewiesen.

Am leichtesten können derartige Vorurteile im Kultur- und Wissenschaftsbereich überwunden werden. So haben die Universitäten Tirana und Belgrad 2010 ein Kooperationsabkommen geschlossen, das albanische Gastdozenten an den Albanologie-Lehrstuhl in Belgrad einlädt. Laut Merima Krijezi, einer Mitarbeiterin am Lehrstuhl, kommen die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach einer langen Stagnationsphase derzeit endlich in Schwung. „Die Medien in Albanien haben eine positive Einstellung gegenüber Serbien“, erklärt sie, fügt jedoch hinzu: „Aber die serbischen Medien berichten kaum über Albanien. Als zum Beispiel das Belgrader Nationaltheater in Tirana auftrat, erschienen Artikel darüber in den albanischen Medien. Doch ein albanisches Streichquartett, das Belgrad besuchte, erhielt von den serbischen Medien nicht viel Aufmerksamkeit.“

Osmanen und Großalbanien

Zu meiner Überraschung kann der albanische Professor Shaban Sinani ein bisschen Serbisch. Der Wissenschaftler ist auf Ethnologie und Regionalangelegenheiten spezialisiert und erklärt, dass durch die Schaffung von Grenzen auf dem Balkan alle möglichen Xenophobien entstanden seien. „Zu Zeiten des Osmanischen Reichs gab es zwischen den balkanischen Völkern keine Grenzen und keine Missverständnisse“, erzählt mir Sinani im Tirana International Hotel, „das war das einzig Gute an dieser Herrschaft.“ Soziologische Studien über ethnische Distanz in Serbien weisen eine ausgeprägte Feindschaft gegenüber Albanern nach. So behauptet zwar eine zu Jahresbeginn veröffentlichte Untersuchung, dass sich die ethnische Distanz von Serben gegenüber Albanern leicht verringere, doch zeigen andere Umfragen, dass 70 % der Befragten keinen Albaner heiraten würden. In Albanien scheinen solche Beziehungen hingegen gar keine Rolle zu spielen, im Gegenteil. „Die Leute hier, besonders die jungen, haben keine wirklich vorgefasste Meinung über Serbien, weil sie meistens nicht viel über das Land wissen“, sagt eine junge Albanerin.

Ein weiterer Grund, den Albanophobe für ihre Ängste anführen, ist der Plan eines „Großalbaniens“ oder „Ethnischen Albaniens“. Dieser Begriff wurde von serbischen und mazedonischen Medien während Kosovos Unabhängigkeitsstreben von Serbien und dem bewaffneten Konflikt in Mazedonien 2001 oft benutzt, um ein Gebiet zu umschreiben, in dem hauptsächlich ethnische Albaner leben (Kosovo, Montenegro, Serbien, Mazedonien und Griechenland). Professor Shaban Sinani schüttelt über die Bezeichnung den Kopf und betont: „Dieser Ausdruck wurde nicht von Albanern erfunden. Er war eine Schöpfung faschistischer Nazis, von Mussolini und dem Dritten Reich. Es gibt ganz sicher kein Projekt mehr für ein Großalbanien.“ Demgegenüber zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup von 2010, die zusammen mit dem Europäischen Fonds für den Balkan durchgeführt und vom mazedonischen Fernsehsender Kanal 5 aufgegriffen wurde, dass viele Albaner die Idee eines Großalbaniens unterstützen.

Vergesst die Griechen nicht

Währenddessen zeigt sich, dass Albaner im Süden des Landes eigene, ähnliche Ängste gegenüber Griechen haben. Angesichts einer Volksbefragung, die im November 2011 durchgeführt werden soll, haben die Aktivisten der so genannten Schwarz-roten Koalition eine Unterschriftenaktion gestartet, um das Verbot von Fragen über Nationalität und Religion im Meldeformular zu erreichen. Insgesamt sollen 50.000 Unterschriften zusammenkommen. In einem Café unweit des Unterschreibungsorts für den Antrag in der Innenstadt Tiranas treffe ich den Aktivisten Endrit Shabani, der seine Angst vor Falschangaben der Nationalität bei der Anmeldung unterstreicht. Obwohl Meldeformulare anderer europäischer Länder üblicherweise Fragen über Nationalität und Religion beinhalten (deren Beantwortung jedoch nicht verpflichtend ist), wurden bei den Volksbefragungen in Albanien seit mehr als 70 Jahren keine solche Fragen gestellt. Aus diesem Grund existieren keinerlei aktuelle offizielle Daten über die genaue Anzahl von Minderheiten in Albanien. „30 000 arme Familien im Süden Albaniens erhalten eine Art Rente von Griechenland“, erklärt Endrit. „Wenn sie sich nicht als griechisch deklarieren, erhalten sie diese finanzielle Unterstützung nicht mehr. Wenn sie sich doch als griechisch registrieren, verursacht das in Albanien ethnische Spannungen. Eigentlich sollte die Anmeldung ein statistischer Prozess sein – nicht ein Prozess mit möglicherweise legalen Folgen. Aber dank des Meldegesetzes, das unsere Regierung verabschiedet hat, müssen Selbstdeklarierungen, die in der Registratur gespeichert werden, nicht nachgewiesen werden und können sich deshalb mit Informationen in persönlichen Dokumenten, wie einem Reisepass, überschneiden.“

Sie fordern ein Verbot von Fragen über Nationalität und Religion im Meldeformular für Minderheiten in Albanien

Die Balkan-Bewohner mögen für ihre nationalistischen Auseinandersetzungen bekannt sein, doch Albanien ist es gelungen, sich da herauszuhalten. Der Hauptfokus des Landes, seit dem Fall des Kommunismus 1991, ist die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Und in der Tat bewiesen die Albaner die höchste Rate an Euro-Optimismus in der Region. Was Albanophobie anbelangt sind – laut einer Gallup-Umfrage vom Jahresanfang – mehr als 60 % der Albaner überzeugt, dass das Bild ihres Landes positiv ist und sich als EU-Mitglied weiter verbessern wird. Eine Sichtweise, die weit entfernt ist von dem, was die dunkle Macht der heutigen Literatur- und Filmindustrie uns glauben macht.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagreihe Orient Express Reporter 2010/ 2011 im Balkan und der Türkei.

Illustrationen: Homepage (cc)imdb Casino Royale; Prof. Dr. Shaban Sinani ©offizielle Facebook-Seite; Kampagne der Red and Black Alliance