Gesellschaft

Airport Praxis Athen: Arbeit verleiht Flügel

Artikel veröffentlicht am 3. November 2014
Artikel veröffentlicht am 3. November 2014

Hinter den Kulissen des Flughafens Eleftherios Venizelos von Athen, wo das Projekt Airport Praxis jungen Griechen neue Hoffnung auf den langersehnten Job geben könnte.

Berufliche Chance und Hoffnung für die Jugend, dort wo Arbeit ein immer selteneres Gut ist. So könnte der Slogan einer Werbebroschüre des Programms Airport Praxis lauten, in dessen Rahmen 70 junge Griechen zwischen 19 und 29 Jahren auf dem Athener Flughafen Eleftherios Venizelos eine neue Jobchance bekommen.

Laut den neuesten Eurostat-Statistiken sind 57% der jungen Griechen unter 30 arbeitslos. Und besonders viel Licht ist am Ende des Tunnels noch nicht zu sehen. Viele haben kaum noch Hoffnung eine Anstellung zu finden. Wer konnte, hat angesichts der schweren Lage sein Glück im Ausland gesucht. Auf dem Athener Flughafen Eleftherios Venizelos wird jedoch, um bewusst ein griechisches Wort zu verwenden, neuerdings eine kleine Utopie gelebt.

Der 40 Kilometer von der Stadt entfernte Flughafen ist nach einem der wichtigsten Politiker des modernen Griechenlands benannt; er sieht pro Jahr 16 Millionen Passagiere, täglich gehen etwa 65 Flüge ab oder kommen an. In den letzten Jahren hat der Betrieb immer mehr zugenommen, angestrebt werden derzeit 50 Millionen Passagiere. Entscheidend war das Olympiajahr 2004: Der Flughafen wurde nach seiner Vergrößerung in den Jahren 2005, 2006 und 2008 vom Skytrax-Institut zum besten Südeuropas gekürt.

In diesem Klima der Erneuerung hat das den Flughafen betreibende Unternehmen AIA (Athens International Airport) beschlossen, 70 jungen Menschen für 6 Monate eine kleine Chance zu geben. Sie sollen „die nötige Berufserfahrung erwerben und für ihre künftige Karriere angemessen qualifiziert werden“, wie es auf der Website offiziell heißt. Auf einem Arbeitsmarkt, auf dem für eine Beschäftigung bereits Erfahrungen vorausgesetzt werden, geraten junge Menschen leicht in einen Teufelskreis und schaffen es nicht, Berufserfahrung zu sammeln und eine Erstanstellung zu ergattern. Auf den ersten Blick könnte es sich beim Projekt Airport Praxis um eine von vielen befristeten Stellen handeln, aber das Projekt will mehr bewirken.

Nur 70 Auserwählte

Vom Stadtzentrum aus brauchen wir zum Flughafen fast eine Stunde. Hier treffen wir Ioakim, der für die Pressestelle arbeitet. Er wartet vor dem Informationszentrum auf uns und stellt uns die drei jungen Leute vor, die uns ihre Geschichte erzählen möchten. Irini, 21 Jahre alt, lebt im 20 Kilometer nördlich vom Flughafen gelegenen Pikermi und studiert Journalismus an der Universität Athen. Sie hat schwarze Haare, dunkle Augen und ein typisch griechisches Profil, das jede Menge Tatendrang ausstrahlt. Die junge Frau erzählt uns, dass sie sich sofort beworben habe, als sie von dem Projekt hörte. „In Griechenland ist es momentan sehr schwer, Arbeit zu finden. Ich bin Studentin, aber ich wollte die Gelegenheit nutzen, weil sie mir für meine Zukunft sicher nützlich sein wird.“ Eine ältere Frau kommt zu ihr und fragt nach ihrem Gate. Irini erklärt ihr den Weg. Sie arbeitet am Informationsschalter. Gerade der menschliche Kontakt gefällt ihr an ihrer Arbeit sehr. „Ich würde gern bleiben, wenn die 6 Monate um sind“, gesteht sie. Denn so wirkliche Zukunftspläne hat sie für danach keine.

Ioakim begeleitet uns zu einem anderen Büro. Unterwegs fragen wir ihn, wie viele Bewerbungen eingegangen seien. „Etwa dreitausend!“, antwortet er mit einem verzerrten Lächeln. Nur 70 aufzunehmen war zum einen in technischer (es musste eine Rangliste erstellt werden) und zum anderen in menschlicher Hinsicht schwierig. Um auf der Liste der glücklichen 70 zu landen, waren vor allem Alter, Familienstand, ggf. Dauer der Arbeitslosigkeit, Englischkenntnisse, Abschluss und Wohnort ausschlaggebend.

Flughafen Backstage

In seinem Büro treffen wir Nikos Megagianis, 28 Jahre alt, der uns mit einem breiten Lächeln empfängt. Obwohl er sehr viel zu tun hat, antwortet er auf unsere Fragen. Er lebt in Keratea, 26 Kilometer südlich vom Flughafen gelegen. Jeden Tag fährt er mit dem Auto zur Arbeit und weiß, dass viele in seinem Alter nicht so viel Glück haben wie er. „Ich mag meine Arbeit sehr. Ich koordiniere und organisiere den Hilfsdienst für motorisch oder psychisch eingeschränkte Menschen, damit sie unter den bestmöglichen Bedingungen einchecken, ein- und aussteigen können.“ Warum er sich für Airport Praxis beworben hat? „Es war eine Chance zur beruflichen Ausbildung, wie man sie nicht jeden Tag erhält. Daher wollte ich mein Glück versuchen. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden!“ Sein Alltag ist sicherlich weniger ereignisreich als der von Irini, aber auch er hat eine anspruchsvolle Aufgabe.

Arbeit ist keine Utopie

Lina Mantzari, 25 Jahre alt, arbeitet in der Pressestelle. „Ich befasse mich mit allen Arten von Kommunikation. Ich beantworte E-Mails, arbeite an der Website und kümmere mich viel um unsere Accounts bei Facebook und Twitter“, erzählt sie uns und geht dann auf die vor allem für junge Leute schwierige Situation in Griechenland ein. Sie muss uns zwangsläufig daran erinnern, wie hoch der Anteil an Arbeitslosen vor allem unter jungen Menschen ist und wie ausgesprochen schwierig es ist, einen Job zu finden - egal, welche Fähigkeiten und welche Ausbildung man mitbringt.

Besonders problematisch sei es, erste berufliche Erfahrungen zu sammeln und dies sei auch einer der Hauptgründe dafür, dass Lina sich sofort für Airport Praxis beworben hat. „Ich hatte davor schon nach Arbeit gesucht“, erzählt sie uns. „Ich habe viele Bewerbungen geschrieben, aber stets vergeblich. Ich denke, dass diese Erfahrung meiner Karriere förderlich sein wird; hier kann ich einen Beruf von der Pike auf lernen.“ 

Alle im Rahmen von Praxis arbeitenden jungen Leute genießen die gleichen Privilegien wie die Angestellten des Flughafens - inklusive Erstattung der Fahrtkosten zum Arbeitsort. Und vor allem: Sie erhalten ein angemessenes Gehalt, auch wenn es in den Medien vielfach hieß, die einzige Entlohnung sei ebendiese Erstattung. In so schwierigen Zeiten wie diesen ist das sehr selten. Und wenngleich die Situation in Griechenland heikel bleibt und Airport Praxis nur 6 Monate dauert, kann das Projekt einer Generation ein bisschen Hoffnung und neuen Aufwind geben.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts EU in motion, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.