Gesellschaft

"Airbnb für Flüchtlinge": Bürger bieten ihre Wohnungen

Artikel veröffentlicht am 21. September 2015
Artikel veröffentlicht am 21. September 2015

Der Flüchtlingsstrom nach Europa bricht nicht ab. Am vergangenen Wochenende kamen mehr als 22 000 Menschen über Ungarn nach Österreich. Das Wunschziel der meisten ist Deutschland. München bereitet sich also auf die Ankunft weiterer Asylsuchender vor. Doch die Kapazitäten sind erschöpft. In ganz Europa werden Bürgerinitiativen aktiv, die den Flüchtlingen eine Unterkunft vermitteln.

Nach ihrer Ankunft kommen die Flüchtlinge zunächst in Erstaufnahmelagern unter. Erst nach sechs Wochen verteilen die Kommunen die Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünfte. 5200 Plätze der Erstaufnahme gab es Mitte September in München. Zu wenig für die vielen Menschen, die in der bayerischen Landeshauptstadt ankamen. Spontan errichteten die Behörden neue Notlager. Die Olympiahalle dient nun als Flüchtlingsunterkunft. Mit  Nachdruck bittet Bayern die anderen Bundesländer, einen Teil seiner Flüchtlinge aufzunehmen. Noch reagiert der Rest Deutschlands verhalten. In München werden indes neue potentielle Unterkünfte gesucht.

Die Frage der Unterbringung ist auf politischer Ebene noch ungeklärt. Die Behörden sind überfordert und wenden sich hilfesuchend an den Bund. Was auf höchster Ebene noch nicht funktioniert, klappt in der Zivilgesellschaft umso erfolgreicher. Immer mehr Bürgerinitiativen setzen sich in ganz Europa für eine schnelle Unterbringung von Flüchtlingen ein. Die Projekte, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem Onlineportal oft als „Airbnb für Flüchtlinge“ bezeichnet werden, funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Privatpersonen bieten ihre Wohnung an. Ein Fragebogen ermittelt die wichtigsten Informationen über Wohnungsanbieter und Flüchtling. Die Initiativen, meist Non-Profit-Organisationen (NGO), vermitteln dann eine Unterkunft.

Vorteile für beide Seiten

Die Vermittlung findet meist über eine Onlineplattform statt. Eine der ersten dieser Art war „Refugees-welcome.net“ für Deutschland und Österreich. Die drei Berliner Studenten Golde Ebding, Mareike Geiling und Jonas Kakoschke riefen die Seite ins Leben. „Angefangen hat das Ganze mit der Idee, das Zimmer in unserer Wohnung an jemanden zu geben, der sonst in einer Massenunterkunft leben müsste“, erzählt Jonas in einem Video. Die drei Initiatoren sehen in einer WG mit einem Flüchtling Vorteile für beide Seiten: „Sie wohnen in einer angemessenen Unterkunft und finden besser Anschluss. Ihr lernt eine andere Kultur kennen und helft einem Menschen.“, heißt es auf der Homepage.

Zunächst muss jeder Wohnungsanbieter verschiedene Fragen zur Wohnsituation beantworten, zum Beispiel zur Anzahl der Mitbewohner oder den Sprachen, die er spricht. Anschließend stellt Refugees-Welcome den Kontakt zu einem Partner in der entsprechenden Stadt her und sucht einen passenden Mitbewohner unter den Neuankömmlingen. Nach einem ersten Kennenlernen folgt zeitnah der Einzug. Das letzte Problem bleibt die Finanzierung der Miete. Die Initiatoren empfehlen Mikrospenden, falls die Ämter die Kosten nicht übernehmen: „Mehrere Personen sagen monatliche kleine und Kleinstspenden von 3 bis 50 Euro zu.“

Bisher konnte das Portal 176 Flüchtlinge in normalen Wohnungen unterbringen. „Es ist viel einfacher als man denkt, geflüchtete Menschen in WGs oder andere Wohnformen zu vermitteln“, fasst Golde Ebding zusammen. „Airbnb für Flüchtlinge“ ist ein Konzept, das sich in ganz Europa ausbreitet. Auch in Frankreich entstand ein ähnliches Projekt, dort geht die Förderung aber noch einen Schritt weiter.

Vom Stadtapartment bis zur Farm auf Korsika

Die französische Organisation „SINGA“ ist eine Bürgerbewegung, erklärt Guillaume Capelle, einer der Vorsitzenden. Sie entstand 2012 mit dem Ziel Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammen zu bringen. Flüchtlinge werden genauso angesprochen wie Franzosen: „Die Idee dahinter ist es, Flüchtlinge mit der Gesellschaft durch Leidenschaft und Projekte zu verbinden“, konkretisiert Capelle, „Wir sind ein Projekt für die Gesellschaft mit Flüchtlingen. Es ist kein Projekt nur für Flüchtlinge an sich. Die Leute können sich treffen, was seinen Beitrag zur Integration leistet.“ SINGA bietet zahlreiche Veranstaltungen und Projekte an, sei es Yoga, Fußball oder Vorlesungen. Doch obwohl die Organisation alle Menschen der Gesellschaft ansprechen möchte, entstand jetzt ein Projekt speziell für Flüchtlinge in Frankreich. Es heißt „CALM“ („Comme à la maison“ – Wie zuhause) und vermittelt ebenfalls Wohnungsanbieter und Geflüchtete. Die Idee basiert auf einer Plattform in Australien. Capelle berichtet: „Es gibt dort eine Initiative, die ausländische Studenten mit Gastfamilien in Verbindung bringt, ab 2012 konnten auch Asylsuchende das Angebot nutzen.“ Seitdem hatten sich die beiden Vorsitzenden Capelle und Nathanael Molle vorgenommen, das Projekt in Frankreich umzusetzen.

Auch bei CALM füllen Anbieter und Flüchtling einen Fragebogen aus, um zu ermitteln, ob sie zueinander passen. Nach dem Einzug ist die Arbeit von SINGA aber noch nicht vorbei: „Es ist wichtig, dass die Wohnungsanbieter eine interkulturelle Ausbildung erfahren“, erklärt Capelle. Dazu gehöre die Kenntnis der anderen Kultur und der Umgang mit traumatischen Erlebnissen des Geflüchteten. Capelle fügt hinzu: „Die Unterbringung ist eine offene Tür zu weiteren Möglichkeiten, wie das Erlernen der Sprache oder eine berufliche Begleitung.“

In den ersten zwei Wochen vermittelte CALM 60 Wohnungen an Flüchtlinge. Die Wohnsituation unterscheidet sich von einem Fall zum anderen: Mal sind es Familien, mal ledige Personen oder WGs. „Es gibt auch Personen, die ihr Ferienhaus, ihr Pariser Apartment oder ihre Farm auf Korsika anbieten“, erlaubt Capelle einen Einblick. Bisher verläuft die Einschreibung über ein handschriftliches Formular. Bis Ende des Jahres soll aber eine Onlineplattform verfügbar sein. „Im Moment läuft alles gut. In Zukunft werden wir das Angebot in ganz Frankreich ausbreiten. Wir beginnen mit Lyon, Nantes, Lille und Montpellier“, blickt der Vorsitzende in die Zukunft.

Die ganze Welt in der Verantwortung

Viel weiter als Frankreich oder Europa reicht das Projekt des 32-jährigen Briten Sholi Loewenthal. Er plant eine weltweite Plattform, um Flüchtlingen einen Schlafplatz zu vermitteln. „Ich bin in London geboren und aufgewachsen“, erzählt uns Sholi von sich. Nun entwickelt er das Programm „MyRefuge“, das Wohnungsanbieter und Flüchtlinge ebenfalls mit NGOs und den zuständigen Behörden in Kontakt bringen soll. Loewenthal nimmt die Zivilgesellschaften auf der ganzen Welt in die Pflicht: „MyRefuge soll ein Mittel für normale Bürger sein, um eine Rolle in der Flüchtlingshilfe zu spielen. Ebenso erlaubt es Menschen in der ganzen Welt aktiv zu werden. Es ist nicht gut, dass nur Europa diese Last zu tragen hat. Die Welt muss zusammenarbeiten, um Menschenleben zu retten.“

MyRefuge soll die Wohnungssuche unkomplizierter machen, da alle Akteure in einer App vereint sind: „Die aktuelle Situation sieht so aus, dass es viele verschiedene Verbände gibt, die Flüchtlingen helfen wollen.“ Ein Asylsuchender müsse daher zu vielen verschiedenen Organisationen gehen. Mit der Plattform kann ein Geflüchteter gleichzeitig eine Unterkunft suchen, seinen Asylstatus überprüfen und Hilfe von NGOs anfordern. Alle wichtigen Parteien überall auf der Welt sollen miteinander vernetzt sein. Ein ambitioniertes Ziel, doch Loewenthal sieht in MyRefuge einen „one stop shop“, also ein Ort, der alles Nötige zu bieten hat. Zunächst wird das Angebot in Englisch verfügbar sein. Geplant ist des Weiteren eine arabische und eine griechische Version. Weitere Sprachen sollen hinzukommen. Um die ersten Schritte der Entwicklung zu finanzieren, öffnete Loewenthal ein Crowdfunding über 1000 Pfund: „Das Geld erlaubt uns, die ersten Serverkosten zu bezahlen und die Entwicklung voranzubringen.“ Nach nur acht Tagen hatte das Projekt auf Indiegogo schon mehr als 1000 Pfund eingespielt. Loewenthal lässt das Crowdfunding weiter offen, denn er ist dankbar über jede finanzielle Hilfe. Eine weltweite Plattform stellt natürlich alle nationalen Projekte in den Schatten, doch der Initiator beruhigt: „Wir arbeiten im Moment nicht direkt mit ihnen zusammen, aber wir wollen in Zukunft mit „Welcome-refugees.net“ und anderen NGOs kollaborieren.“ Bürgerinitiativen weltweit sollen somit in einer großen Dachorganisation zusammenwirken.

Linke Bürgermeister für Flüchtlinge

Doch zurück auf die administrative Ebene. Es scheint offensichtlich, dass Bürgerinitiativen im Moment mehr auf die Beine stellen, als die Politik. Doch in einem europäischen Land sind es die Behörden, die ein „Airbnb für Flüchtlinge“ aufbauen – die Rede ist von Spanien. Dort haben sich 55 Städte in einem Netzwerk zusammen geschlossen, um Flüchtlingen zu helfen. Die Idee ging von der Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, aus. Am 29. August trat Madrid in das Netzwerk ein, auch Valencia folgte der Initiative. Die Mitglieder des Verbunds haben eine E-Mailadresse und ein Onlineformular geschaltet. Bürger, die ihre Wohnung für Flüchtlinge bereitstellen wollen, können sich dort melden. Die Bürgermeister wollen gegen die „Untätigkeit der europäischen Staaten vorgehen“, heißt es in einer Presseerklärung. Das Netzwerk, dem sich hauptsächlich linksregierte Städte angeschlossen haben, sieht sich auch als Gegenspieler der konservativen Regierung.

Aktive Bürgerinitiativen erledigen die Arbeit von untätigen und zerstrittenen Regierungen – sieht so das Bild der europäischen Flüchtlingshilfe aus? Die Initiatoren der Bürgerinitiativen sind sich einig, dass nur das Zusammenspiel aus Gesellschaft und Politik zum Ziel führen wird. „Wir brauchen definitiv größere politische Entscheidungen“, sagt Sholi Loewenthal in London, „Aber das geht nur, wenn der Wille der Bürger da ist.“ Die französische Initiative gibt sich diplomatisch: „Wir haben keine politische Botschaft, wir denken eher darüber nach, wie wir unsere Gesellschaft verbessern können.“ Der SINGA-Vorsitzende Guillaume Capelle setzt sich und allen Flüchtlingshelfern ein Ziel: „Wir wollen, dass sich der Blick, den die Gesellschaft auf Flüchtlinge hat, in den nächsten zehn Jahren komplett ändert“.

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Das ganze Interview mit Guillaume Capelle, Direktor von SINGA, zum Nachlesen bei Cafébabel in der französischen Originalfassung oder der deutschen Übersetzung.

Das ganze Interview mit Sholi Loewenthal, Gründer von MyRefuge, zum Nachlesen bei Cafébabel in der englischen Originalfassung oder der deutschen Übersetzung.

Ein Hintergrundtext zur Hilfe für Flüchtlinge in Spanien ist in der spanischen Version von Cafébabel zu finden.