Gesellschaft

Aids-Generation(en)

Article published on 1. Dezember 2009
Article published on 1. Dezember 2009
Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Anlass genug einen erneuten Blick auf diese äußerst ernst zu nehmende Krankheit zu werfen, die innerhalb von weniger als dreißig Jahren über 25 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

©Alle Rechte vorbehaltenDer Kampf gegen Aids, möglicherweise ein Opfer seines eigenen Erfolges, scheint in Westeuropa nicht mehr mit der gewohnten Kraft geführt zu werden. Wie man feststellt, sind ungeschützte Sexpraktiken wieder auf dem Vormarsch. Dies gilt zum einen in Homosexuellen-Kreisen, wo das Barebacking wieder massiv praktiziert wird, bei dem Partner, die entweder beide HIV-positiv oder -negativ sind oder denen es schlichtweg gleichgültig ist, sich freiwillig nicht schützen. Doch dies gilt in gleichem Maße für Heterosexuelle: «Viele, die meinen, sie führten ein 'anständiges' Leben, glauben, für sie bestünde keine Gefahr», erzählt Dr. Lanzmann. «Doch da liegen sie falsch: HIV schert sich nicht um moralische Argumente.» Aus diesem Grunde wächst die Infektionsrate am schnellsten bei heterosexuellen Frauen unter dreißig.

Einer der Hauptgründe für dieses riskante Verhalten hängt mit einer recht einfachen historischen Tatsache zusammen: Die jungen Generationen haben eine Sexualauffassung, die nur marginal von der Angst, sich anzustecken, überschattet wurde; sie haben Verhütungsmittel (vor allem Kondome) häufig als Status quo akzeptiert. Im Gegensatz dazu schützen sich diejenigen, die die ersten Ansteckungen und die Entdeckung des Virus und einige Jahre später das massive Sterben HIV-positiver Menschen miterlebt haben, umso mehr, da sie wissen, wie furchtbar diese Krankheit ist. Doch diese beiden Generationen, zwischen denen zwanzig bis dreißig Jahre Altersunterschied liegen, haben nur selten Gelegenheit, über die dunklen Aids-Jahre zu sprechen.

Mythos «Schwulenkrebs»

Die Forscher brauchten eine gewisse Zeit, um festzustellen, dass es sich bei dem zu Beginn der 1970er in den USA aufgetauchten Phänomen um einen Virus handelte. Diese Epoche der Unsicherheit (man glaubte damals, die Krankheit hänge mit dem Inhalieren der Droge Poppers zusammen) verbunden mit der Tatsache, dass die ersten Betroffenen Homosexuelle waren, leistete der Annahme Vorschub, es handele sich um «Schwulenkrebs». Man war nahe dran, darin eine Strafe Gottes zu sehen, vor allem im konservativen Amerika, das mit den ersten Bürgerrechtskämpfen seine liebe Not hatte. Dies traf insbesondere auf die Bürgerrechte für Homosexuelle zu, für die sich auch Harvey Milk einsetzte.

"Aids hat den Beginn meines Sexuallebens um zehn Jahre verzögert!"

Es entstehen zwei entgegengesetzte Haltungen: Einige entwickeln hinsichtlich dieser unbekannten Krankheit eine regelrechte Paranoia. Für sie ist Schluss mit häufigem Partnerwechsel, Schluss mit als riskant eingestuften Praktiken, manche entscheiden sich gar für totale Abstinenz: «Zu jener Zeit war ich noch Jungfrau», gibt Franjo aus Kroatien zu, «aber Aids hat den Beginn meines Sexuallebens um zehn Jahre verzögert“. Im Gegensatz dazu hat ein kleiner Teil der Bevölkerung seine Praktiken nicht verändert und weigert sich, Kondome zu benutzen. In den 1980ern versuchte man mit Hilfe von Kampagnen einen Mittelweg zu finden: «Es wurde den Leuten erklärt, dass es nicht gefährlich ist, einem HIV-Positiven die Hand zu geben», erklärt Caspar aus Dänemark «oder mit ihm aus demselben Glas zu trinken.»

SIDACTION « Weltweit stirbt jede Sekunde ein Mensch an AIDS"1983 entdeckt eine französische Forschergruppe des Institut Pasteur unter der Leitung von Luc Montagner den Aids verursachenden Retrovirus. Den Forschern gelingt es, einen serologischen Diagnostiktest zu entwickeln. Obwohl medizinische Fortschritte zu verzeichnen sind, bleiben die Behandlungsmöglichkeiten doch nur auf Teilbereiche beschränkt - die sogenannte «Tritherapie» - und greifen häufig zu spät. Mitte der neunziger Jahre kommt es zu einer riesigen Welle von Todesfällen. «Ich habe einen Teil meiner Freunde 1995/96 verloren, sie starben an Aids», erzählt Benoît aus Belgien, «aber sie waren nicht homosexuell...». Leon lebte in der Auvergne mit zwei anderen jungen Männern zusammen: «Von uns dreien bin ich der einzige, der überlebt hat. Zu jener Zeit gab es in der «Szene» fast jede Woche eine Beerdigung.»

Die unsichtbare Pandemie

Heute ist das Verhältnis zu Aids umso komplexer geworden, als die Krankheit immer noch tödlich ist, die Tritherapien die Lebenserwartung aber um bis zu 35 Jahre verlängern können. «Ich bin seit 1986 HIV-positiv, ich habe mich behandeln lassen und heute ist der Virus nicht mehr festzustellen», vertraut uns der Bulgare Vacliz an, «aber mein Freund starb 1998 an Aids.» Der große Fortschritt auf dem Gebiet der Behandlung besteht darin, dass die klinischen Anzeichen der Krankheit fast verschwunden sind. Aids ist zu einer unsichtbaren Pandemie geworden. Umso mehr steht der Respekt für die Rechte von HIV-Positiven weiterhin auf dem Plan. Allerdings verleugnet eine Minderheit unter ihnen die Gefahr oder verhält sich sogar kriminell. Bei Facebook gehören der Gruppe «Ich habe mindestens einen meiner Partner mit Aids angesteckt (selber schuld, sie hätten ja bloß darauf bestehen müssen, dass wir einen Gummi benutzen) 800 Leute an, die damit Empörung und Wut bei anderen Internetnutzern hervorrufen.

An Aids sterben täglich immer noch 5700 Menschen.

Jedoch vermitteln die kleinen medizinischen Fortschritte den Eindruck, dass die Entwicklung eines therapeutischen Impfstoffes bevorsteht, was in der Presse Begeisterung hervorruft. «Endlich: Impfstoff für Aids-Kranke gefunden!» titelte zum Beispiel die französiche Tageszeitung Le Parisien am 12. Februar 2009. Doch solcherlei Ankündigungen erweisen sich als umso gefährlicher, denn die Menschen werden dadurch unvorsichtiger. «Man stirbt heute nicht mehr an Aids, wenn man das richtige Medikament nimmt», tönt Marcus, ein Deutscher. Doch an Aids sterben täglich immer noch 5700 Menschen, und die am 6. Oktober 2008 erfolgte Vergabe des Nobelpreises an die HIV-Forscher des Institut Pasteur, zeigt, wie erstaunlich aktuell dieses Thema immer noch ist.

Der Autor dieses Textes ist Mitglied von cafebabel.com in Clermont-Ferrand.