Gesellschaft

Adieu Costa Concordia: Das geheime Tagebuch des Comandante Schettino

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2012
Francesco Schettino, dem Kapitän des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia, das am vergangenen 13. Januar einen Felsen in der Nähe der Insel Giglio (Toskana) rammte und daraufhin sank, droht eine Anklage wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Herbeiführens eines Schiffbruches und vorzeitigem Verlassen des Schiffes.
Bevor die richterliche Entscheidung fällt, haben wir versucht uns vorzustellen, was im geheimen Tagebuch dieses Antihelden stehen könnte.

« Adieu, ich gehe mit meinem Schiff unter. » Wie oft habe ich davon geträumt diesen Satz aussprechen zu können, mit erhobenem Haupt, mit stolzer Brust. Wie gerne hätte ich anstelle des Kapitäns Edward John Smith das Steuerrad der Titanic in Händen gehalten, nur wenige Minuten bevor der Ozean diesen einzigartigen Eisengiganten verschlang und ihm somit seinen Platz in der Geschichte vermachte. Ich habe jeden Tag an ihn gedacht: von morgens - auf den Bänken der Schifffahrtschule in Piano di Sorrento - bis zum Abend, an dem ich stundenlang Bücher über diese sagenumwobene Atlantik-Überfahrt und seine legendäre Crew wälzte. Wie hätte ich die Beschreibung des heldenhaften Captain aus meinem Kopf verbannen können? Diesen langen, weißen Bart, den gleichermaßen strengen und intelligenten Blick, seine Würde.

Aber ich bin nicht Kapitän Edward Smith. Ich bin nur Francesco Schettino, 52 Jahre, aus Castellammare di Stabia. Auch mein Schiff ist untergegangen. Aber ich bin noch am Leben. Und muss damit zurechtkommen. Manch einer verfolgt seine Träume ein ganzes Leben lang und stirbt zu früh; allerdings mit der ungetrübten Hoffnung und dem Stolz alles gegeben zu haben, um seine Träume zu verwirklichen. Ich selbst hatte das Glück, mit ein bisschen über 40 Jahren meine eigene Titanic zu steuern; noch bevor mein Bart weiß wurde. Und ich habe Träumer immer beneidet. Ich weiß bereits jetzt, dass ich mit dem unguten Gefühl von Bord gehen werde, eine große Gelegenheit verpasst zu haben.

Ok, mein Schiff hieß nur Concordia und hätte wahrscheinlich nie den Atlantik überquert. Aber das ist Nebensache. Ich war stolz darauf, ihr Kapitän zu sein und alle Bewohner von Castellammare waren stolz auf mich. Über zehn Jahre lang habe ich das Leben von tausenden Menschen geschaukelt. Ich habe sie an die magischen Flecken dieser Erde mitgenommen. Ich habe ihnen geholfen einige Tage lang ihren Alltag hinter sich zu lassen, um die Schönheiten des Lebens zu genießen. In über zehn Jahren auf der Kommandobrücke meines Kreuzers, habe ich Liebesgeschichten entstehen und zerbrechen sehen, Hochzeiten, Verrat, Lachen und Tränen.

« Ich war dort, mitten im Dunkel der Nacht, nicht ihr »

Es waren MEINE Passagiere, ich habe sie Champagner trinken sehen, zugesehen, wie sie sich Diamanten schenkten und bis zum Morgen tanzten – sogar wie sie Liebe machten. In meiner steifen Uniform habe ich Blut und Wasser geschwitzt, um dieses schwimmende Schlaraffenland auf Kurs zu halten. Und genau diese Passagiere erinnern sich heute und zeigen mit dem Finger auf mich, wollen mich hinter Gittern sehen. Einige wünschen mir sogar den Tod. Und dann sind da noch diejenigen, die mich für einen Versager halten. Sie denken vielleicht, dass es im Leben wie in einem Hollywood-Streifen zugeht. Wie gern hätte ich sie an meiner Stelle gesehen! Wie seid ihr doch alle hilfreich, dort in eurer Hafenmeisterei, stets dabei Befehle und Beleidigungen auszuteilen, komfortabel vor euren Bildschirmen hockend. Lasst euch sagen, dass ICH dort war, mitten im Dunkel der Nacht, während ein 300 Meter langes Schiff mit mehr als 4000 Unschuldigen an Bord seinem Untergang entgegen steuerte. Nicht IHR.

Schettino: „Ich habe niemanden im Stich gelassen“

Heute weiß ich, was schief gelaufen ist. Ich habe alles zu schnell gehabt. Ich bin kein alter, gebrochener Mann wie Captain Smith, ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte. Mein Fehler ist, dass ich noch jung und begehrenswert bin, eine Frau habe, die mich liebt und die ich wiederum nur einmal im Monat lieben kann und eine 15-jährige Tochter, die in dieser Nacht auf mich gewartet hat, um ihren Vater in den Arm zu nehmen.

Und deshalb ja, dieses eine Mal, nach einem ganzen Leben, in dem mir immer nur Befehle erteilt wurden, habe ich einfach mal gemacht, was ICH wollte. Wofür stellt man mich eigentlich an den Pranger? Ich wollte doch nur der Schönheit unserer Erde und dem betörenden Blick dieser charmanten jungen Dame huldigen. Ich wollte ihr eine Blume pflücken, eine - ihren Augen entsprechend - weiße Lilie. Und so ist dieses Kreuzschiff zu meinem Schiff geworden. Als sei es meine eigene Hand, habe ich die Concordia dieser wunderbaren Blume entgegen gestreckt. Ich habe ihr eine ganze Insel mit meiner Concordia gepflückt – und jetzt werde ich dafür bestraft. Nicht von irgendeinem Eisberg, den keine einzige Schifffahrtskarte ausmachen konnte, sondern bestraft von einem kleinen Felsen. Die, von denen meine Tochter jeden Sommer, ein Lächeln auf den Lippen, ins Meer sprang.

Nein, ich bin nicht der alte Edward Smith. Ich bin ganz einfach nur Francesco Schettino, 52 Jahre, aus Castellammare di Stabia. Das sollte nicht meine letzte Reise sein, denn auch ich sollte das Recht haben meine Tochter irgendwann einmal auf eine Kreuzfahrt mitnehmen zu dürfen. „Adieu Concordia, ich will noch nicht sterben.“

Illustrationen: Homepage (cc)Yann Seitek/flickr; Im Text (cc)nephelim/flickr; (cc)lipsiadesign; Video (cc)tg1/YouTube