Gesellschaft

Abtreibung in Spanien: zurück ins Mittelalter

Artikel veröffentlicht am 11. November 2013
Artikel veröffentlicht am 11. November 2013

Spanien ist gerade dabei, sich einer kleinen Gruppe europäischer Länder anzuschließen, in denen Abtreibung illegal ist. Rajoys konservative Regierung ist stark von der katholischen Kirche beeinflusst und geht nun de facto wieder seiner Hauptbeschäftigung nach: Die Freiheiten all derer zu begrenzen, die nicht das Glück hatten, als Mann und heterosexuell auf diese Welt gekommen zu sein.

Man kann tat­säch­lich kaum glau­ben, wie große Rück­schrit­te eine Re­gie­rung in Sa­chen Frau­en­rech­te ma­chen kann. Fah­ren Sie über die Alpen und Sie be­fin­den sich in der Ge­schich­te um 30 Jahre zu­rück­ver­setzt, in einer Zeit, in der Ab­trei­bung, außer in ei­ni­gen Aus­nah­me­fäl­len, noch il­le­gal war.  Seit 2010 gibt es in Spa­ni­en eine Ge­setz­ge­bung, die der Frank­reichs äh­nelt: Frau­en dür­fen, ohne eine Er­klä­rung ab­ge­ben zu müs­sen, bis zur 14. Schwan­ger­schafts­wo­che ab­trei­ben (in Frank­reich ist dies ohne Auf­la­gen und kos­ten­los bis zur 12. Schwan­ger­schafts­wo­che mög­lich).

EIN GE­SETZ MARKE MIT­TEL­AL­TER 

Nur dass die spa­ni­sche Re­gie­rung nun eben alles daran setzt, in eine Epo­che zu­rück­zu­keh­ren, in der Ab­trei­bung außer im Falle von Ver­ge­wal­ti­gung, Miss­bil­dung des Fötus oder me­di­zi­ni­schen Ri­si­ken für die Mut­ter ver­bo­ten war. Der Vor­schlag der Kon­ser­va­ti­ven ist noch nicht de­fi­ni­tiv, aber eines ist klar: Die Rück­kehr zu einem ähn­li­chen, wenn nicht sogar stren­ge­ren Sys­tem als 1985. Auch das Recht für Min­der­jäh­ri­ge, ohne Ein­ver­ständ­nis eines El­tern­teils, ab­zu­trei­ben, würde ab­ge­schafft.  

Die Rück­kehr zu mit­tel­al­ter­li­chen Ge­set­zen ist schon lange ge­plant: Fünf Mal in zwei Jah­ren wurde das Vor­ha­ben ver­tagt – man dis­ku­tier­te über die Rich­tig­keit der Klau­sel zur Miss­bil­dung des Fötus, nun ist es aber si­cher: Das Ge­setz wird noch vor Ende Ok­to­ber durch­ge­bracht (Das Par­la­ment hat das Ge­setz am 9. Ok­to­ber durch ge­wun­ken, es muss aber noch wei­te­re In­stan­zen durch­lau­fen). Bald wer­den die Frau­en also wie­der die Zu­stim­mung eines Drit­ten be­nö­ti­gen, um Ent­schei­dun­gen über ihren ei­ge­nen Kör­per tref­fen zu kön­nen: Von Sei­ten eines Arz­tes oder des Va­ters. An­ge­kur­belt wurde die Ent­schei­dung durch ein hal­bes Dut­zend ein­fluss­rei­cher Män­ner.

Wenn ich mich in mei­nem Um­feld um­hö­re, sind die Men­schen gar nicht so ent­rüs­tet, wie man viel­leicht ver­mu­ten könn­te: Im­mer­hin war die Lage vor drei Jah­ren auch nicht an­ders. Auch da­mals haben viele eine Mög­lich­keit ge­fun­den, das Ge­setz zu um­ge­hen. Ei­ni­ge wer­den sich an Pri­vat­kli­ni­ken wen­den, die mir nichts dir nichts eine Be­schei­ni­gung über schwer­wie­gen­de Ge­sund­heits­ri­si­ken der Mut­ter aus­stel­len. An­de­re wer­den nach Frank­reich oder in den Nor­den Eu­ro­pas fah­ren. Und die Ein­kom­mens­lo­sen und Min­der­jäh­ri­gen wer­den sich eben il­le­ga­le Mög­lich­kei­ten su­chen oder das Kind ge­bä­ren. 

"ES GEHT ALLE WAS AN"

Die ak­tu­el­le Po­li­tik in Spa­ni­en ist in punc­to Ab­trei­bung ziem­lich schi­zo­phren: Es ist eine Po­li­tik, die auf der einen Seite Frau­en dazu zwin­gen will, Kin­der zu ge­bä­ren, die sie nicht haben wol­len, und auf der an­de­ren Seite an­strebt, Les­ben und al­lein­ste­hen­den Frau­en den Zu­gang zu künst­li­cher Be­fruch­tung im öf­fent­li­chen Sek­tor zu ver­sa­gen. Ganz nor­mal na­tür­lich, das ein Land, in dem die Wirt­schafts­kri­se wütet und das zu­sätz­lich eine der nied­rigs­ten Ge­bur­ten­ra­ten auf der Welt zu ver­zeich­nen hat, ho­mo­se­xu­el­len Paa­ren oder Al­lein­ste­hen­den, die gerne Müt­ter wären, diese Mög­lich­keit ver­wehrt.

Die Spa­ni­er sind die stän­di­gen Ge­sund­heits- und Bil­dungs­re­for­men leid. Zu­sätz­lich wird die Job­la­ge im Wind­schat­ten po­li­ti­scher und fi­nan­zi­el­ler Skan­da­le immer pre­kä­rer. Die jet­zi­ge Si­tua­ti­on ist gegen die Ca­hu­zac-Af­fä­re oder die deut­sche Wul­ff-Af­fä­re noch gar nichts. Em­pört euch, möch­te man den Spa­ni­ern ent­ge­gen rufen. Das tun man­che, aber trotz­dem füh­len sie sich macht­los. Ta­ge­lan­ge Sitz­streiks auf der Plaza del Sol, Em­pö­rungs­ru­fe oder De­mons­tra­tio­nen sind nicht mehr genug, um die Be­sorg­nis er­re­gen­den Maß­nah­men der spa­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven auf­zu­hal­ten.

Alle haben al­ler­dings noch nicht auf­ge­ge­ben: Mehr als 250 Ver­ei­ni­gun­gen, Ge­werk­schaf­ten, Kli­ni­ken und Par­tei­en haben sich in der Be­we­gung No­so­tras De­ci­di­mos („Wir ent­schei­den“,) zu­sam­men­ge­schlos­sen. Sie kämpft für die Er­hal­tung der ak­tu­el­len se­xu­el­len und re­pro­duk­ti­ven Rech­te. Ende Sep­tem­ber haben Tau­sen­de in Ma­drid für le­ga­le und kos­ten­lo­se Ab­trei­bung de­mons­triert. Nach­dem meine Nach­ba­rin das Un­gleich­ge­wicht der Ge­schlech­ter in die­ser Demo be­merkt, flüs­tert sie mir ins Ohr: „Wieso sind die gan­zen Män­ner, die mit uns bei der 15-M-Be­we­gung (der 15. Mai war der Tag, an dem die Em­pör­ten die Plaza del Sol erst­ma­lig be­setz­ten) pro­tes­tiert haben, heute nicht hier? Ab­trei­bung ist ein Recht der Frau­en, es geht alle etwas an.“

Eine Par­la­ments­sit­zung in Ma­drid wurde am ver­gan­ge­nen 09. Ok­to­ber von Femen un­ter­bro­chen (cc) Eu­ro­news

Alle haben al­ler­dings noch nicht auf­ge­ge­ben: Mehr als 250 Ver­ei­ni­gun­gen, Ge­werk­schaf­ten, Kli­ni­ken und Par­tei­en haben sich in der Be­we­gung No­so­tras De­ci­di­mos („Wir ent­schei­den“,) zu­sam­men­ge­schlos­sen. Sie kämpft für die Er­hal­tung der ak­tu­el­len se­xu­el­len und re­pro­duk­ti­ven Rech­te. Ende Sep­tem­ber haben Tau­sen­de in Ma­drid für le­ga­le und kos­ten­lo­se Ab­trei­bung de­mons­triert. Nach­dem meine Nach­ba­rin das Un­gleich­ge­wicht der Ge­schlech­ter in die­ser Demo be­merkt, flüs­tert sie mir ins Ohr: „Wieso sind die gan­zen Män­ner, die mit uns bei der 15-M-Be­we­gung (der 15. Mai war der Tag, an dem die Em­pör­ten die Plaza del Sol erst­ma­lig be­setz­ten) pro­tes­tiert haben, heute nicht hier? Ab­trei­bung ist ein Recht der Frau­en, es geht alle etwas an.“

Die­ser Ar­ti­kel wurde auch auf BARBIETURIX.​COM ver­öf­fent­licht.