Gesellschaft

50 Jahre Europa: Arbeiten im Ausland

Artikel veröffentlicht am 9. März 2007
Artikel veröffentlicht am 9. März 2007
In den 50ern ging man ins Ausland, weil es in der Heimat keine Arbeit gab. Heute ist das Arbeiten in der Fremde eine Selbstverständlichkeit – und fast schon ein Vergnügnen.

Schon im Mittelalter sind die Europäer durch ihren Kontinent gereist, um zu arbeiten. Aber nie war dies so einfach wie heute: Am 1. Januar 1993 führte die Europäische Union die vier „Hauptfreiheiten“ in den europäischen Binnenmarkt ein: Freizügigkeit von Waren, Dienstleistungen, Personen und Geld. Hinzu kommen Austauschprogramme wie Erasmus, Billigflüge und der Euro. Fern der Heimat nach einem Job zu suchen, wird für junge Leute immer unkomplizierter.

Ganz anders in den 50ern: Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Menchen ihre Heimat verlassen, um zu überleben. Kaum einer konnte sich die tagelange Heimreise leisten. Wir haben zwei Frauen aus zwei Generationen nach ihren Schicksalen befragt: Concetta, 82, die nach dem Krieg ihre Heimat Sizilien verließ, um auf einer englischen Farm zu arbeiten und Jessica, 23, die als Entwicklungshelferin quer durch die Welt reist.

Die 50er: Flucht vor der Armut

„Engländer haben nicht den offenen, vertrauensseligen Charakter der Sizilianer. Aber sie sind auf ihre eigene Art immer nett und höflich,“ sagt Concetta. Die 83jährige bereut nicht, 23 Jahre fern ihrer Heimat Sizilien in England verbracht zu haben. Sie zog mit ihrem fünfjährigen Sohn in den Fünfzigern nach Großbritannien – das erst 1973 der Europäischen Gemeinschaft beitrat.

Es war das erste Mal, dass Concetta Sizilien verließ. Ihr Bruder war Kriegsgefangener in England. Er hatt Glück und fand eine Anstellung auf einer Farm in den Cotswolds, im Herzen Englands. Er verschaffte dem Mann seiner Schwester und einige Monate später auch Concetta selbst Arbeit auf der Farm.

Die Wirtschaft in Sizilien lag nach Kriegsende wie im Rest Italiens am Boden. „Arbeit gab es nur auf dem Land“, erzählt Concetta. „Das dann aber jeden Tag, von früh bis spät. In England konnte man das gleiche Geld verdienen, um über die Runden zu kommen, aber mit normalen Arbeitsstunden und regelmäßiger Bezahlung, freien Tagen und einer Rente“.

Eigentlich wollte Concetta nur einige Jahre bleiben und genug Geld verdienen, um es nach Hause zu schicken. Doch es kam anders. „Meine Tochter wurde geboren, mein Sohn machte sich gut in der Schule – wir wollten ihr Leben nicht durcheinander bringen“. Sie gibt zu, dass das Leben schwer war. „Das Wetter war so kalt. Ich vermisste alle. As ich ankam, sprach ich kein Wort Englisch, und als ich wieder ging konnte ich mich noch immer nicht richtig ausdrücken!“

Die Zugreise von England nach Sizilien dauerte damals zwei Tage. Es war unrealistisch, oft nach Hause zu fahren. „Das kostete eine Menge. Wir gingen nur einmal alle vier Jahre“. Heute kann man dank „book and go“-Schnäppchen mit dem Flugzeug übers Wochenende nach Italien reisen. In den 50ern war das unvorstellbar. „Fast alle aus meiner Familie und meinem Freundeskreis taten das gleiche. Es war die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen“.

Damals galt es in Italien als Glücksfall, nach England zu gehen. „Ich kann mir mein Leben jetzt nicht mehr anders vorstellen. Mein Sohn hätte nicht studieren können. Ich hätte mir kein Haus auf Sizilien kaufen können.“ Das einzige, was Concetta bedauert, ist die Teilung ihrer Familie. Sie kehrte nach dem Tod ihres Mannes Ende der 70er nach Sizilien zurück. Auch ihre Tochter ging nach Italien, um zu heiraten. Ihr Sohn heiratete jedoch eine Engländerin und blieb. Das Reisen, sagt Concetta heute, sei den nachfolgenden Generationen in Europa vererbt worden.

2007: Automatisch ins Ausland

„Meine Eltern haben uns immer ermutigt, zu reisen und etwas über andere Kulturen zu erfahren.“ Jessica ist halb Französin, halb Engländerin. Sie wurde 1983 in Luxemburg geboren. „In meiner Familie sprechen alle mehrere Sprachen. Meine Eltern sind keine Luxemburger, und die Großeltern meiner Mutter emigrierten von England nach Irland.“

Jessica absolvierte ein Freiwilligenjahr in Europa und Südamerika, sie studierte in Edinburgh und Dublin und machte zwei Praktika in Brüssel. Ganz anders Concetta im Nachkriegseuropa: Das einzige Reiseziel war die nächstgrößte Stadt. Einmal die Woche gingen sie und ihr Mann dorthin, um Obst und Gemüse zu verkaufen. Mit dem Auto dauerte die Fahrt eine Stunde. Doch sie mussten eine ganze Nacht lang laufen, weil sie kein Auto hatten.

„Wäre ich in Luxemburg geblieben, wäre ich heute sicherlich ein komplett anderer Mensch, weniger offen“, sagt Jessica. „Reisen hat das Beste aus mir herausgeholt.“ Derzeit ist sie für die Europäische Kommission in Burkina Faso und ihrem Arbeitsziel Entwicklungshilfe damit ein gutes Stück näher gekommen. Es war leicht, sich anzupassen. „Bevor ich mein eigenes Zuhause hatte, kam ich erst in einem Hotel unter, dann bei einer Kollegin. Zunächst fühlte sich alles sehr fremd an. Aber die Menschen hier sind alle so freundlich, grüßen dich immerzu mit einem ‚Bonne arrivée!’“

Jessica weiß nicht, wo sie später einmal leben wird. Vor 50 Jahren, an Concettas Stelle, hätte der große Mangel an Arbeit vielleicht ihre Zukunftsaussichten beeinflusst. „Alle zwei Jahre reise ich weiter in eine andere europäische Stadt oder Südamerika oder Asien. In der Entwicklungsarbeit folgst du einfach der Arbeit, was dich ganz automatisch ins Ausland bringt.“ Der Unterschied zur Generation ihrer Großeltern könnte nicht größer sein. „Solange ich jung bin, will ich reisen und etwas von der Welt sehen. Zur Ruhe setzen kann ich mich immer noch, wenn ich alt bin!“ Als einzigen Nachteil ihres Jetset-Daseins nennt sie ihr chronisches Fernweh. „Nach ein paar Jahren will ich weiterziehen, um etwas Neues zu erleben. Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein!“

Am 25. März feiert die Europäische Union den 50. Geburtstag der Römischen Verträge. Sie markieren die Geburtsstunde des politischen Europa. Aus diesem Anlass präsentiert cafebabel.com in den kommenden Wochen eine Serie von Porträts, in denen Europäer verschiedener Generationen von ihren Erfahrungen damals und heute berichten.

Mit diesen Porträts wollen wir zeigen, wie Europa in 50 Jahren unser Leben gewandelt hat: Von der Liebe über den Fußball bis hin zum Reisen. Am Donnerstag, den 15. März widmen wir uns dem Thema Rassismus.