Gesellschaft

21 Jahre für einsamen Wolf Breivik: Prozessstimmung in Oslo

Artikel veröffentlicht am 24. August 2012
Artikel veröffentlicht am 24. August 2012
Am 24. August verurteilte ein Gericht in Oslo den norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik, der in einem Amoklauf am 22. Juli 2011 77 Menschen tötete, zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ein Stimmungsbild aus Oslo.

“Morgen verkaufe ich mein Pferd”, sagt die Busfahrerin, die uns vom Osloer Rygge-Flughafen ins Stadtzentrum bringt. Als ein weiterer, zotteliger Busfahrer an diesem Dienstagabend an uns vorbeiläuft, flüstert sie uns zu, dass er eine Frau und zwei Kinder in Schweden habe. Vor zwei Jahren habe sie ihn auf einer Party gesehen – als Frau verkleidet! Manchmal fahre er seinen Bus mit Restspuren von Make Up und einem paar enger weißer Handschuhe. Das sind meine ersten Eindrücke von Norwegen. Die Norweger, die ich kenne und treffe, sind alle ziemlich exzentrisch, lustig und ausgeglichen. Das scheint normal in einem ressourcenreichen Land, wo man als Einwanderer im Bausektor einen Mindeststundenlohn von 20 Euroerhält. Neuerdings sind es Polen, die sich hier niederlassen.

Mächtiger Gefangener

Killer von Norwegen: Vergessen oder vertiefen

Norwegens größte Einwanderergruppen kommen momentan aus Pakistan und Somalia. Das ist auch auf den Straßen unverkennbar. Das Augustklima ist feucht. Die Sonne wechselt sich mit den eher typischen Wolken über der skandinavischen Landschaft ab. Doch die schwärzeste Wolke hängt aktuell über der jüngeren Geschichte des Landes. Ich entscheide mich, nicht über Anders Behring Breivik zu sprechen, den Terroristen, der im letzten Jahr 77 Menschen tötete, zunächst eine Bombe vor einem Regierungsgebäude zündete, um dann 40 Kilometer im Osten von Oslo seinen Amoklauf auf der Insel Utoya durchzuführen, auf dem junge politische Aktivisten ein Seminar abhielten. Utoya ist auch nicht mehr unter den aufgelisteten Inseln der Fährenausflüge zu den Fjorden, die man normalerweise im Osten der Stadt buchen kann. Interessanterweise nimmt niemand hier seinen Namen in den Mund. ‚Hast Du gehört, was hier letztes Jahr am 22. Juli passiert ist?‘ ist häufiger zu vernehmen. Norwegens Version von 9/11 wirkt wie weggeschlossen, man vermeidet das offene Gespräch.

Die jungen Norweger bestätigen das Gefühl einer generellen Naivität im Breivik-Prozess, insbesondere aufgrund des disproportionierten Justizsystems. Kleinere Delikte, die im europäischen Vergleich relativ selten in Norwegen sind, werden sehr hart bestraft. Schwere Verbrechen sind eher die Ausnahme. „Wir haben nicht mal ein Hochsicherheitsgefängnis für ihn. Er kann Zeitungen und Mails über sein Mobiltelefon abrufen,“ sagt ein junger Norweger. Als Gefangener habe Breivik in Norwegen sogar Wahlrecht. Die Themen Multikulturalismus und Islam, die der 32-Jährige auch über sein online verbreitetes Manifest in den Vordergrund stellte, scheinen im alltäglichen Leben in Norwegen keine größere Resonanz zu haben.

Aktuelle Berichte beweisen, dass strengere Sicherheitsmaßnahmen viel Schaden und unzählige Morde in Norwegens schlimmster Attacke seit dem Zweiten Weltkrieg hätten verhindern können. Unbewusst nehme ich den einzigen Überwachungshelikopter der norwegischen Polizei wahr, der dann und wann seine Kreise über der Stadt zieht. Während die Untätigkeit des Sicherheitsapparats in Frage gestellt wird, scheint das unterschwellige Klima der Angst durch einen neuen Fall erneut entfacht. Sigrid Giskegjerde Schjetne, das 16-jährige Mädchen, ist in Norwegen als vermisst gemeldet und versetzt das ganze Land in Aufruhr. Als würde die Figur des einsamen Wolfs die Bewohner der Stadt, wie in einer norwegischen Volkssage weiterhin verfolgen.

Fotos: ©NS