Gesellschaft

2016: Das Ende ihrer Welt

Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2016

2016 annus horribilis? Der Brexit, Donald Trump, der Terrorismus und die Geschehnisse in Aleppo geben uns das Gefühl, die letzten 12 Monate waren die schlimmsten, die wir seit langer Zeit erlebt haben. Aber das Jahr 2016 gibt uns auch die Möglichkeit, ein System in Frage zu stellen, dem viele vertrauten. Guillaume allen voran. 

Er mochte diese Momente. Guillaume hat seine Erfahrungen soeben mit einer Diskussionsrunde über neue Formen des Online-Aktivismus geteilt. Er versucht bereits seit mehreren Jahren eine Plattform zu erstellen, auf der man einfach und spielerisch mitmachen kann. Seine zündene Idee? Jeder kann mit der kleinsten Aktion politisch aktiv werden.  

Er nennt sein Projekt Blast, nicht nur weil es sich gut anhört, sondern auch weil es auf Englisch „Druckwelle“ heißen kann. Er arbeitet bereits seit zwei Jahren an dem Projekt. Seit drei Monaten lebt er von der Außenwelt abgeschnitten, sodass ihm das „Civic Forum“, an dem er teilgenommen hat, gut tat. Nachdem man eine bestimmte Zeit mit seinem eigenen Projekt verbracht hat, denkt man, es werde von jedem für das neue Facebook gehalten. Aber das stimmt natürlich nicht. Eine Stunde lang hat er die groben Züge von Blast erklärt, daran erinnert, dass er sich auf die Idee des Mikro-Aktivismus stützt und erzählt, dass es zum Beispiel darum geht, die Geschichte einer jungen Frau zu veröffentlichen, die entschieden hat, als Protest gegen die Überfischung keine Thunfischdosen mehr zu kaufen. Es tut gut, über ein Projekt zu reden, dass monatelang versteckt in einer Wohnung gewachsen ist. Aber es tut genauso gut, die Fühler auszustrecken und festzustellen, dass auch mit den Projekten von anderen etwas passiert: Kevin und Florence von Kialotok, einem sozialen Unternehmen, das Kochkurse für Immigranten anbietet; Jakob, ein Deutscher, der ein Boot gekauft hat, um Migranten zu retten; oder Alexander, ukrainischer Grafikdesigner, der selbst einen Plan der öffentlichen Verkehrmittel seiner Stadt designt hat

Auch wenn es draußen kalt ist, spürt man Wärme. Die Fußball-EM bringt schöne Erinnerungen. Während Frankreich genauso viel Hoffnung ausstrahlte wie es Siege erzielte, begannen die Menschen wieder ein bisschen an das Frankreich 'black-blanc-beur' (schwarz, weiß, arabisch) aus dem Jahre 1998 zu glauben, als Frankreich die Weltmeisterschaft gewann. Das Land tanzt endlich wieder. Und auch wenn Guillaume kein Fußballfan ist, so muss er doch zugeben, dass die EM 2016 vorbildhaft die Besonderheiten der französischen Gesellschaft wiederspiegelte: Identität, Integration und Zusammenleben. Es ist am Ende doch eine willkomende Pause von einem sehr komplizierten Frühling.

Als er den Place de la République in Paris überquert, grinst er. Die Statue wurde von den Botschaften, den Kerzen und den krakeligen Graffitis zu Ehren der Opfer der Attentate von Paris, Kopenhagen und Brüssel, aber auch zu Ehren der Flüchtlinge und gefallenen Syrer, gesäubert. Er kichert sogar, als er sich daran erinnert, dass er einen Typen, den er gar nicht kannte, angeschrien hatte, als der Platz noch voller Hütten, Barrikaden, Rednerbühnen und Ideen war. „Du wirst sehen, sie werden uns hier noch eine Fan-Zone hinbauen. Es kommt nicht in Frage, dass das, was hier passiert, von Coca-Cola gesponsort wird.“ Zu dieser Zeit, es ist noch garnicht so lange her, wurde „Répu“ zum Epizentrum einer Bewegung namens Nuit debout (Wach in der Nacht). Von wütenden Menschen ins Leben gerufen und antiliberalen Intellektuellen weiter angefacht, wurde der Platz schnell zu einer Art Hof der Wunder unserer heutigen Politik. Tausende von Menschen teilten auf dem Podium ihre Erfahrungen und ihre Meinungen als Bürger. Jung und alt, Frau und Mann, alle waren von dem gleichen Willen der Veränderung angetrieben und von dem Drang in einem erst kleinen aber schnell größer werdenden  gesellschaftlichen Ereignis mitzureden. 

Er mochte diese Initiative, die von dem Journalisten François Ruffin und seinem Dokumentarfilm Merci Patron (Danke, Chef) ins Leben gerufen wurde und es so einen Monat lang schaffte, einen Teil der Bevölkerung um ein politisches Momentum zu versammeln. Zu Zeiten, in denen man sagt, dass die Menschen dumm und unpolitisch seien, war das sehr wichtig. Auch wenn die Bewegung scheiterte und ohne Führung irgendwann in sich selbst zusammenfiel. Keine Führung, keine Position, keine Direktion. Aber was soll es, ihm war wichtig, gezeigt zu haben, dass es noch möglich war von „Einsicht“ zu sprechen, dass ein Aufwachen noch möglich war, in Zeiten abwartender Haltungen und allgemeiner Miesmacherei, die von den Meistern der offiziellen Meinungen verbreitet wird. 

Nuit Debout hatte ihn inspiriert. Blast ist die Inkarnation 2.0. Er hat die Gelegenheit genutzt, das zu tun, was er mit seinen Kenntnissen in Codierung und Designtheorie machen kann. Er war davon überzeugt, dass die Menschen dazugelernt hatten und wollte den Augenblick nutzen, um ihnen eine Möglichkeit zu bieten, mit wenig Aufwand ihren Einsatz zu zeigen. Die erste Version der Android-App ging weg wie heiße Semmeln: 5000 Downloads in einer Woche. Seitdem sind es 200 bis 300 pro Tag und immer mehr Geschichten von Leuten, die von ihrem Supermarkt aus eine Revolution starten. Er nippt an seinem Bier. Frankreich spielt heute gegen die Schweiz. Das wird gut...

9. November 2016. Er wachte mit einem riesigen Kater auf. Nachdem er am Vorabend ein Bier nach dem anderen getrunken hatte, führte ihn ein Mordshunger zum Mc Donalds von Ménilmontant, wo er am Ende mit einer Sicherheitskraft über Politik sprach. „Unwahrscheinlich, dass er gewinnt“, sagte er während er in seinen doppelten Cheeseburger biss. „Da wäre ich vorsichtig“, hatte ihm die Sicherheitskraft mit einem großen Grinsen geantwortet. Zu Hause ist er dann mit wechselhaften Gefühlen zur amerikanischen Wahl eingeschlafen. Sein Twitter-Account sagte ihm zwar, dass alles in Ordnung sei, aber das Echo der Sicherheitskraft „da wäre ich vorsichtig“ hallte noch unter seiner Bettdecke. Der Radiowecker klingelte lauter als sonst. Ein Comedian des Senders France Inter schrie mit einem amerikanischen Akzent „Ich habe gewonnen“. Komisch. Bis zu den 8-Uhr-Nachrichten, bei denen die kristallklare Stimme des Moderators ankündigte, dass Donald Trump nah dran sei, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Seltsam. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass ihn das Radio in die hinterste Ecke seines Bettes drückte. Der Brexit, das Attentat von Nizza, es war wie ein Sprung ins Ungewisse. Er folgte nicht mehr seiner alltäglichen Disziplin und ernährte sich schlecht. Die dringende Not, etwas über die Ereignisse seiner Zeit zu sagen, nahm überhand. Guillaume verschlang die Zeitungsartikel, in denen sich Journalisten über den Sinn der zweiten Jahreshälfte 2016 stritten. In wenigen Worten, in wenigen Formulierungen. 

Zuerst tröstete er sich mit der Idee, dass das aktuelle Geschehen doch Interesse wecken müsste. Er informierte sich besser, las mehr und sorgte sich um das, was in Istanbul und Aleppo geschah. Er klopfte sogar an die Tür des Pariser Büros von Mohabit hilft, ein Berliner Projekt, das den Verwaltungsaufwand für Flüchtlinge erleichtern möchte. Diesen Sommer hatte er ein Buch nach dem anderen verschlungen. Es hatte einen therapeutischen Effekt und erinnerte ihn an seinen Vater, der Das Tagebuch der Anne Frank las, als Jean-Marie Le Pen 2002 in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen eingezogen war. Dann war der Sommer vorbei und Paris drängte ihn zurück in seinen Alltagsrhythmus. Es ist verrückt, wie schnell die Stadt dich verschlingt: das Gefühl, keine Zeit für nichts zu haben und die Tage, die so schnell vergehen wie die Illusionen. 

Guillaume wollte sich plötzlich übergeben. Die Nachrichten von 9 Uhr bestätigten das Undenkbare: Donald Trump hatte genug Wahlleute, um nächster Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. Zusammengekrümmt fand er langsam seinen Atem wieder. Und als ob er das Ganze plötzlich lächerlich finden würde, stand er auf, setzte sich an den Tisch und begann zu frühstücken. Seit diesem Tag sorgt ein gesellschaftliches und politisches Ereignis nach dem anderen für Überraschung und Sprachlosigkeit: Die Vorwahl der französischen Konservativen, die Amtsniederlegung von François Hollande und die des italienischen Ratspräsidenten Matteo Renzi. Blast läuft weiter, recht gut sogar. Die Leute geben durch sehr persönliche Beispiele weiter ihre Sicht der Dinge bekannt. Aber zum ersten Mal fragt sich Guillaume, ob all das Sinn macht. Er vernachlässigt seine Plattform und sagt sich immer wieder, dass deren Nutzer die letzten Illuminaten seiner Generation seien. Wie ist das nur möglich? Keine einzige Lektüre kann erklären, was er momentan erlebt. Kein Leitartikel, kein Essay, kein Buch. Was bleibt ist eine schwere Niederlage, der Verlust eines ganzen Systems, auf dem alles aufbaute, und das unangenehme Gefühl, manipuliert worden zu sein. Worüber wir zu Beginn noch lachten ist heute ernst geworden. Guillaume weiß nicht, was hier passiert. 

Es war eine glühende Hitze. Man hatte ihn zu einer Politsendung eingeladen, um über Blast und die neuen Tools des sozialen Engagements zu sprechen. Hinter den Kulissen tauschen drei junge Leute ihre Meinung über Manuel Valls Kandidatur zur Präsidentschaftswahl aus und erklären mit Leidenschaft und Überzeugung ihre Vorschläge, um die wachsende Kluft zwischen Politikern und Jugend zu überwinden. Laut einer neuen Studie, die 20.000 junge Franzosen zwischen 18 und 34 Jahren befragte, halten 99% der Befragten Politiker für korrupt und 87% haben kein Vertrauen in die Medien. Gefangen in einer Ecke der Loge, beobachtete Guillaume die drei, die tausend Ideen diskutierten, wie der Trend nun umzudrehen sei. Er hasste diese Momente.

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2016, ein schlechtes Jahr? Sicher. Aber das ist kein Grund aufzugeben und nichts zu tun. Die Redaktion hat also entschieden, den Wahnsinn der letzten zwölf Monate mit nur einer Regel zu behandeln: Alles ist erlaubt. Fiktion, Geschichten und Artikel, die ohne Zwang geschrieben wurden. Best Year Ever!?