Gesellschaft

2 von 5 Europäern deprimiert: „Früher hat man die Zähne zusammen gebissen“

Artikel veröffentlicht am 30. September 2011
Artikel veröffentlicht am 30. September 2011
38% der Europäer leiden an psychischen Krankheiten und zu wenige werden rechtzeitig behandelt. 2005 waren es noch 27%. So lauten die Ergebnisse der neuesten paneuropäischen Studie zu psychischen Erkrankungen im Magazin European Neuropsychopharmacology, die sich auf Daten von 30 Ländern stützt. Ist Europa heute deprimierter? Wir Europäer anfälliger? Prof.
Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB), der an der Studie mitgewirkt hat, möchte vor allem eines – dedramatisieren!

Herr Prof. Jacobi, sind die Gemüter im Süden Europas sonniger?

Frank Jacobi: Regionale Vergleiche, nach dem Motto die Skandinavier sind depressiver als die Spanier, haben wir versucht zu vermeiden. Unterschiede der Studien in den einzelnen Ländern sind vielleicht auf verschiedene methodische Herangehensweisen zurückzuführen, aber weniger auf echte Unterschiede in Bezug auf psychische Störungen wie Angst oder Depression. Wir haben keine Hinweise gefunden, dass es deutliche Unterschiede in der Prävalenz der einzelnen Länder gibt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel bei den Substanzstörungen, wie Alkohol. In Ost- und Nordosteuropa treten deutlich höhere Raten als in Süd- oder Westeuropa auf.

Dänemark ist das glücklichste Land der Welt und Selbstmordraten in Litauen am höchsten: Kann man Depression auch an solchen Studien festmachen?

Suizidraten in Europa sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen.

Frank Jacobi: Glücklichkeitsbarometer oder Zufriedenheitsstudien dieser Art, die mit Fragebögen erhoben werden, beschäftigen sich mit anderen Dingen. Da kann es durchaus sein, dass es länderspezifisch Temperamentsunterschiede gibt. Aber wir haben uns ja psychische Störungen im Sinne der internationalen Klassifikation von Krankheiten angeschaut, wie sie die WHO herausgegeben hat. Wenn man nicht nur über Stimmungsschwankungen, sondern von tatsächlichen Diagnosen spricht, gibt es kaum Unterschiede. Was die Suizidraten angeht, gibt es in der Tat ganz erstaunliche regionale Unterschiede, für die man bislang noch keine Erklärung gefunden hat. Man muss aber in diesem Kontext auch darauf hinweisen, dass die Suizidraten in Europa in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen sind.

Ein allgemeiner Rückgang der Selbstmordrate - widerspricht das nicht den Ergebnissen der Studie?

Frank Jacobi: Unsere Studie spricht ja nicht von einer dramatischen Zunahme von psychischen Störungen in Europa. Diese sind nur mehr in den Blickpunkt gerückt und werden eher erkannt. Leute gehen heute deswegen eher zum Arzt und erhalten eine Diagnose. Behandlungszahlen, Diagnosen und Krankschreibungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, ohne dass man sagen kann, dass psychische Störungen allgemein zugenommen haben.

Europa ist also heute nicht deprimierter als vor 30 Jahren?

Frank Jacobi: Nein, es gibt keine Hinweise, dass es eine starke Zunahme an psychischen Erkrankungen gegeben hat. Heute ist uns aber klar, was für eine große Krankheitslast aufgrund dieser Störungen verursacht wird, die oft langfristige Schäden und hohe Kosten produzieren kann.

Trotzdem sind 38% der Europäer psychisch krank: Gibt es dafür konkrete Ursachen?

Frank Jacobi: Man sollte vorsichtig sein und aktuelle gesellschaftliche Trends wie zum Beispiel Unsicherheit in der Finanzwelt oder Ängste bezüglich Zukunft und Arbeitslosigkeit nicht vorschnell als Ursachen für psychische Störungen deklarieren. Das ist zu dramatisch. Auf der einen Seite muss man eine gewisse Anfälligkeit haben, auf der anderen Seite müssen in der Regel immer mehrere Sachen zusammenkommen, damit jemand eine psychische Störung ausbildet. Jede Zeit hat ihre anfälligen Individuen, die auf bestimmten Stress mit psychischen Störungen reagieren. Heute werden diese eher erkannt. In Afrika würde man sicherlich eine geringere relative Krankheitslast durch psychische Störungen vorfinden, weil dort körperlich übertragbare Krankheiten eine größere Bedeutung haben.

Sind psychische Krankheiten also das Resultat entwickelter, postmoderner Gesellschaften?

Frank Jacobi: Man kann schon sagen, dass sie in unseren modernen Gesellschaften einfach eine größere Rolle spielen. In den heutigen Berufszweigen wird eine psychische Krankheit mehr zum Störfaktor. Im Bereich der Kommunikation oder bei emotionaler Arbeit mit Menschen sind diese Krankheiten größere Störfaktoren. Man wird auch häufiger krank geschrieben als noch vor 30 Jahren, als hauptsächlich am Fließband- oder körperlich gearbeitet wurde. In unseren neuen Arbeitskonzepten sind psychische Störungen relevanter.

Gibt es Generationsunterschiede, die aus der Studie deutlich werden?

Frank Jacobi: Psychische Störungen treten in jeder Generation auf. Sie gehören zum Leben. Die Diagnosespektren können aber variieren. Manche Angststörungen fangen sehr früh im Jugendalter an, bestimmte generalisierte Ängste oder Depression treten später im Leben auf. Wichtig sind aber auch so genannte Kohorteneffekte. Das heißt, dass jüngere Leute solchen psychischen Störungen gegenüber aufgeschlossener sind, wohingegen die Gleichaltrigen vor 40 Jahren daran überhaupt keinen Gedanken verschwendet haben und vielleicht die Zähne zusammen gebissen hätten.

Woran liegt es, dass unsere Generation die Zähne weniger zusammen beißt?

Frank Jacobi: Das Wissen über psychische Störungen ist angewachsen, die Stigmatisierung zurückgegangen. Heute weiß man über das Spektrum psychischer Krankheiten eher Bescheid. Früher waren das eben die Irren, da hat man an Schizophrenie gedacht und hatte nur bestimmte kleine Ausschnitte im Kopf. Insgesamt kann man vielleicht auch sagen, dass heutzutage zum Beispiel Männer in diagnostischen Interviews auch sagen würden, dass sie bisweilen unter Angstsymptomen leiden oder Stimmungsschwankungen haben.

Illustrationen: Homepage (cc)♥KatB Photography♥/flickr; FJ ©TU Dresden;Depression (cc)peterm2000/flickr