Gesellschaft

1989: Geburt der Generation "Kinder der Freiheit"

Artikel veröffentlicht am 6. November 2014
Artikel veröffentlicht am 6. November 2014

Am 6. Februar 1989 setzten sich die Gesandten der Solidarność mit den Kommunisten zusammen. Die Gespräche am Runden Tisch waren nicht nur für Polen ein Neubeginn, sondern auch für die anderen kommunistischen Länder. 

Meine Eltern nennen mich „Kind der Freiheit“, weil ich geboren wurde, als die Gespräche am Runden Tisch im Gange waren. Obwohl das ein paar Lacher hervorrufen könnte, ist diese Phrase eigentlich todernst. Es ist nur logisch, sich einmal die Frage zu stellen, ob unsere Generation die Freiheit, in die wir hineingeboren worden sind, wirklich so wahrnimmt und sie zu schätzen weiß. Ich weiß genau, dass meine Eltern das kommunistische Regime verachtet haben. Aber wenn ich sie heute bitte, mir von einigen ihrer Abenteuer zu erzählen, bricht eine unangenehme Stille aus. Dann höre ich nur: „Du weißt doch, dass man diese Dinge lieber vergessen will.“

Der russischen Invasion gedenken

Der Abend des 17. September 1979 hat sich ebenso ins Gedächtnis eingebrannt. Meine Mutter nahm den Zug nach Lublin in Südostpolen, um zusammen mit meinem Vater im Tatra-Gebirge zu wandern. Der Zug war pünktlich, mein Vater holte meine Mutter mit ihrem schweren Tagesrucksack am Bahnhof ab und sie gingen gemeinsam los. Vom Bahnhof aus war es ein sehr langer Weg und der Tag war schon fast vorbei. Sie passierten eine Hochstraße, liefen immer weiter den Hügel hoch und unterhielten sich.

Ein Militärauto parkte am Straßenrand in falscher Fahrtrichtung. Seine Frontlichter zeigten auf meine Eltern. Während das Auto umdrehte, gingen die Lichter immer wieder an und aus. Schließlich stieg ein Polizist aus und forderte meinen Vater auf, seinen Personalausweis vorzulegen. Doch weil mein Vater seinen Ausweis nicht zeigen wollte (aus Angst diesen zu verlieren), begann eine hitzige Diskussion. Meine Mutter mischte sich ein und schaffte es, den Beamten zu beruhigen.

„Hätten sie damals meinen Rucksack durchsucht“, so meine Mutter heute, „dann hätten sie uns sofort ins Gefängnis gesteckt“. Ihr Rucksack war nämlich halbvoll mit illegalen Flugblättern und Berichten des illegalen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR), die meine Mutter in Lublin verteilen wollte. Damals versammelte sich die Opposition an jenem 17. September am Litweski-Platz, um an die russische Invasion von 1939 zu erinnern. Meine Eltern waren beinahe zur falschen Zeit am falschen Ort. 

Freiheit war ein Luxus, den meine Eltern nicht kannten. Die Bürger der EU sind heute an offene Grenzen gewöhnt, doch für meine Eltern schien das Ausland weit weg und unwirklich. Um meinen Vater in Schweden zu besuchen, musste meine Mutter einen Reisepassantrag stellen, um immer wieder die gleichen, abgegriffenen Papiere ausgehändigt zu bekommen - jedes Mal das gleiche Spiel, wenn sie Polen verlassen wollte.

Sie schaute wochenlang im Amt nach, ob sie noch auf der Warteliste stand oder bereits durchgestrichen wurde. Kaum hatte sie den Pass, wusste sie doch nicht, wo sie Geld hätte wechseln können. Wäre sie in eins der kommunistischen Länder gereist, hätte sie praktischerweise einen Scheck als Taschengeld erhalten. Bei Reisen in den Westen mussten die Leute jedoch selbst zurechtkommen. 

Im kommunistischen Polen zu leben glich einer Mutprobe und forderte alle Überlebenskünste heraus. Freiheit ist ein Privileg. Obwohl sie mittlerweile fast alltäglich geworden und das Thema für einige schon Vergangenheit ist, sollten wir Freiheit aber nie für selbstverständlich halten. 

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!