Gesellschaft

12:08 - Östlich von Priština

Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
In der serbischen Enklave Graanica merken Jugendliche, dass eine bessere Zukunft auch Flirten, gute Freunde und Wochenenden bedeutet.

Klicken Sie auf 'x' rechts oben, um erneut durch Graanica zu laufen (Fotos: Nabeelah Shabbir)

Als ich im Mai 2007 im Kosovo landete, fand ich einen Ort mit sehr gegensätzlichen Ansichten, NATO-Lastern und leisen Hoffnungen vor. Man vergisst, dass die neun Monate später erklärte Unabhängigkeit von Serbien auch einen Einfluss auf die Minderheit der dort lebenden Roma hat: "Diejenigen, die in der südöstlich gelegenen Stadt Prizern leben, feierten mit den Albanern zusammen. Die Roma, die in den serbischen Enklaven leben, blieben zu Hause", erinnert sich Avdullah Mustafa (25), der für das Dokumentations-Zentrum für Roma und Ashkali im Kosovo arbeitet.

Die Unabhängigkeit des Kosovo wird bei den Alten und Jungen unterschiedlich aufgenommen. Ich frage Julian, einen jungen Roma, dem ich das Gitarrespielen beibringe, wie er seine Zukunft sieht. "Vielleicht wird es im nächsten Leben besser", antwortet der 17-Jährige, als wir gemeinsam einen schlammigen Pfad in seinem Viertel in der serbischen Enklave Graanica entlanggehen. Der Junge mit der weichen Stimme wird in eine Familienfehde verwickelt. Er kommt mit blauen Flecken davon, nachdem er Männern, die doppelt so alt wie er selbst sind, gegenüberstand.

Wenn der Wind bläst, bringt er Staub mit sich und schlechte Winter. Ich sehe zu, wie ein paar Leute den Reisenden auf dem Pferdefuhrwerk zuwinken. Andere grüßen die Männer in den vorbeifahrenden Autos.

Östlich von Priština

Wenn man nach Graanica fährt, vorbei an der serbisch-orthodoxen Kirche, ist die Straße voller Schlaglöcher - die Autos und speziell die Reifen der 5000 hier lebenden Menschen werden übermäßig strapaziert. Ich lebe zusammen mit 11 Personen in einer Roma-Straße am anderen Ende der Stadt, in einem gemütlichen kleinen Haus, in dem wir uns schnell heimisch fühlen. Alle, egal ob alt oder jung, die ein paar Brocken Englisch sprechen, kommen vorbei, um sich mit uns zu unterhalten. Ich schätze, sie sind alle stolz auf sich, darauf, dass sie wissen wie man mit den neuen Nachbarn kommuniziert.

Tagsüber arbeiten und jeden Abend essen wir gemeinsam im Schein der Kerzen. Wegen der täglichen Stromausfälle im Kosovo vertreiben wir uns die Zeit mit Schattenspielen an der Wand und lachen gemeinsam mit den Kindern, während sie ihre ersten Schritte machen. Diese Kinder sind traurig, wenn sie in der Schule von den anderen Kindern rassistische Kommentare zu hören kriegen. Aber wenn man mit ihnen spielt, lachen sie wie andere Kinder auch.

Die Gesichter der Zukunft sind die der Jugendlichen, denen neben dem Schmerz ihres Landes auch andere Dinge wichtig sind. Zu einer besseren Zukunft gehören auch Verliebtheit, gute Freunde und Wochenenden. Wir sprechen nie über Politik - nur darüber, was uns Spaß macht. Die Jungs stylen ihre Haare mit Gel, und die Mädchen möchten gut duften. Manche sind sportlich, andere üben sich im Breakdance. Sie alle strengen sich sehr an: Sie wollen ein gutes Leben und Spaß, so wie die Jugendlichen überall auf der Welt. In meiner Straße gehen die Leute wirklich langsam, etwa in dem Tempo, das man anschlägt, wenn man den Vatikan besichtigt. Als ob sie in ihrer täglichen Umgebung die gleiche Freiheit und Zeitlosigkeit verspüren, die der Betrachter einer Statue oder eines Gemäldes fühlt.

(Foto: PJC)

Wenn sie älter werden, werden sie in der Lage sein selbständig zu denken und erkennen, dass Kampf und Konflikt für sie nicht wichtig sind. "Wir hoffen auf eine bessere Zukunft. Also arbeiten wir daran, unseren Bildungsstandard zu verbessern", sagt Muhamet Arifi, der Direktor der Nichtregierungsorganisation Balkan Sunflowers Kosovo.

Das Leben der Anderen

Als ich in das Flugzeug steige, nachdem ich Seite an Seite mit einigen der ärmsten Familien dort gelebt und gearbeitet habe, sage ich zu mir selbst, dass ich beim nächsten Mal weniger naiv sein werde, wenn ich irgendwo aus dem Flugzeug steige. Inmitten der Hektik der lokalen Unternehmer, die in der kosovarischen Hauptstadt umhereilen, mit ihren Tricks und Restaurants, die den hoch bezahlten, internationalen Experten so gut gefallen, entdeckt man auch das gewöhnliche Leben ärmerer Gesellschaftsschichten. Sehr schnell lerne auch ich in meinem Alltag die außergewöhnlichen Herausforderungen, denen die normale Bevölkerung ausgesetzt ist, kennen und schätzen. Und dabei spielt es keine Rolle wie man zur Unabhängigkeit des Kosovo steht.

Der Autor (22) kommt aus Irland und lebt und arbeitet im Kosovo im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes.

Fotos: In einem Zentrum für Roma-Kinder in Graanica