Gesellschaft

10. und 11. Arrondissement: Das Paris der ersten Male

Artikel veröffentlicht am 15. November 2015
Artikel veröffentlicht am 15. November 2015

Eine junge Frau, die dort aufgewachsen ist, wo sich die Anschläge ereignet haben, erinnert sich an ihr erstes Mal im P'tit Cambodge, im Bataclan, im Carillon... Und an die Liebe, das Lachen und das Leben. 

Paris 11 Paris 10.

Das Paris meiner ersten Male. Meines ersten Kusses, meiner ersten Liebesnacht, meiner ersten Trennung. Man küsst sich bei Oberkampf, man liebt sich bei République, man zieht bei Bon Sergent zusammen, man trennt sich bei République, man datet sich bei Maria Luisa, man lässt sich erwischen und man hasst sich bei Voltaire, aber man trifft und liebt sich auch bei Voltaire. Und dich, dich liebe ich bei Couronnes.

Die ersten Freiheiten, man streunt durch's Viertel, man ist 12 Jahre alt, man cruist vom Collège nach Saint Sébastien. Beim Cour des Lions hängen die Kumpels vom Beaumarchais auf einer Bank ab und schwätzen. Man lacht und man schwätzt und man schwätzt. Du bist OCD [Oberkampf Cercle Dangereux, Oberkampf Gefährliche Kreise; AdR] und du weißt, sie sind 13. Sie reden zu laut, deswegen meiden du und deine Mädels sie. 

Die ersten Knospen der Jugend, am Boulevard de Voltaire, bei Jérémy erspäht man sie. Er wohnt in der ersten Etage und  ist der Sohn des Besitzers vom Bataclan. Er ist in Topform, er ist großartig, wir sind überhaupt nicht in Form, aber das ist uns egal. Was haben wir für Spaß. Er lacht, wenn wir ihm nach der Schule nach Hause folgen. Wir sind lächerlich, aber interessiert uns jetzt nicht. Wir sind 12, wir leben im 11., wir haben keine Angst, Paris ist groß.

Auf der Straße treffen wir coole Leute, es ist schön, wir gehen vom Platz aus den Boulevard de Voltaire entlang. Man sieht, wie sie gerade die Terrasse vom Bataclan renovieren, "Heyho Jamel, was geht?". Ich bin 14, es ist mein Typ, der da spricht und ich bin stolz, als Jamel ihn anlächelt: "Lässig. Und bei dir?" Jamel sitzt auf der Terrasse des Bataclans und sonnt sich. 

Mein erstes Konzert mit ungefähr zwanzig, Dizee Rascal im Bataclan. Und die ersten, wenn ich auf das Ende meiner Zwanziger zugehe: Fauve, Kery, Medine, Disiz, alles im Bataclan.

Mein erstes Treffen zum Sport mit meinen Mädels: Mit 30, kein Ding - wir rennen die Strecke Bastille - République - Jaurès. Kommt, wir laufen am Canal entlang! L'ptit Cambodge.

Wir diskutieren darüber, ob wir jetzt ins L'petit Cambodge gehen sollen oder nicht. Ja, nein, doch, keine Ahnung, lass mal kurz gucken, wir gehen nochmal vorbei. Aber es ist zu voll, also ziehen wir weiter ins Carillon. Wir feiern Abschiedsfeten für unsere Freunde im Carillon. Wir treffen unsere Freunde im Carillon. Wir treffen Freunde, wenn wir beim Carillon nur vorbeigehen. Wir betrinken uns im Carillon, man lacht im Carillon, vielleicht heulen wir uns dort sogar manchmal die Augen aus.

Nach Hause gehen wir über die Rue de la Fontaine au Roi. Wir kommen an der Casa Nostra vorbei. 

Paris 10, Paris 11.

Das Paris meiner ersten Male.

Dieses Mal ist es das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, sie haben mich erwischt. Mein Zuhause, mein Land, meine Geschichte, meine Freunde, meine Leute.

Das erste Mal, dass ich weiß, wo mein Land genau liegt. Es liegt in meinen Eingeweiden. In meinem Bauch.

Ich weiß, du bist wie ich. Auch du hast deine Geschichte, deine Anekdoten über das Carillon, das Bataclan, das P'tit Cambodge, den Boulevard de Voltaire und die Rue de Charonne. Ich weiß, dass du wie ich bist, weil es viele von uns gibt, die durch das 10. und 11. Arrondissement schlendern und es nicht verlassen wollen.

Paris 10, Paris 11

Paris dieses ersten Males, bei dem ich so schreckliche Angst um diejenigen habe, die noch in deinen Armen liegen.

Paris 10, Paris 11 

Angst um dich, mein Kiez, meine Stadt und mein Land. Angst vor morgen, den Hass und die Dummheit, die jetzt aufkommen werden. Angst um all diejenigen, die noch werden bezahlen müssen, weil eben jemand bezahlen muss. Angst, dass es wieder beginnt und man wieder diese Angst spüren muss.

Paris 10, Paris 11. 

Paris meiner ersten Male.

Paris meines ersten Blutbades.

Der ersten Wiederauferstehung. Schnell, wie ich hoffe.

Pass auf dich auf, pass auf die anderen auf.

P.S. Saint-Dénis, ich kenne dich nicht so gut, aber ich bin in Gedanken bei dir. Bei uns allen.